22.10.2018 11:56

"Enttäuschung ist das Beste!"

EU-Jugendbotschafter und whatchado-Gründer Ali Mahlodji hat noch nie ein unmotiviertes Kind erlebt. Das Problem liegt woanders, erzählt er im Interview Ursula Fraisl

"Enttäuschung ist das Beste!"
Ali Mahlodji (37) kam 1983 als Flüchtlingskind nach Wien - heute motiviert er Jugendliche und berät Unternehmen.

Mit zwei Jahren lebten Sie im Flüchtlingslager Traiskirchen, ihre Zukunft sah nicht rosig aus.

Mein Vater war Uniprofessor im Iran und nach der Flucht hatten wir nichts mehr. Aber ich habe von meinen Eltern etwas Wichtiges gelernt: Man kann alles verlieren und wieder etwas Neues aufbauen. 


Und wenn man arm ist und sich schwertut?

Mein Vater war von der Flucht so traumatisiert, dass er eigentlich nichts mehr machen konnte. Aber jeden Abend hat er mir und meinem Bruder vorgelesen und uns den Rücken gestreichelt. Meine Mutter ist um fünf Uhr aufgestanden, hat vorgekocht und sich abgerackert. Die Frage ist immer, was deine Priorität ist. Dann kannst du alles schaffen. Es kann auch der Rückhalt durch Lehrer, Betreuungspersonen oder informelle Netzwerken sein: Aber jedes Kind braucht einen Buddy, einen Begleiter. Es muss erleben, dass es jemand anschaut und ihm etwas zutraut.  


Sie haben Vorträge vor mehr als 60.000 Kindern gehalten. Wie machen Sie ihnen Mut? 

Im Vorgespräch heißt es oft: Die Schüler sind so unmotiviert, die wollen nicht und können nicht, bitte machen’s ihnen ein bisserl Mut. Aber ich merke meist, dass das Problem woanders liegt: Die Umgebung glaubt nicht an die Kinder. Ich hatte zum Beispiel Kontakt mit einem Bub, der unbedingt Koch werden wollte. Der Vater hat gesagt „das ist nix Gscheites“. Ich habe den Buben dann in seiner Idee bestärkt und gemeinsam mit der Lehrerin gab es ein Gespräch mit den Eltern. Plötzlich haben die begriffen, dass es wirklich sein Traum ist. 


Was ist also neben Bildung noch wichtig um Kinder zu stärken? 

Es ist nicht ein Trick, ein Mensch, ein Event. Oft kommen Kinder unter die Räder, weil sie nicht bekommen, was sie brauchen: nämlich Zeit, und dass ihnen jemand zuhört. Wenn man immer hört „das schaffst du nicht“ macht das vieles kaputt. Besonders als Kind brauchst du jemanden, der in dir was sieht, was du selbst vielleicht noch nicht gesehen hast.


Warum sprechen Sie dann von einer verlorenen Generation?

Unsere Großeltern haben noch große Unsicherheit erlebt und sich den Arsch aufgerissen, für Essen oder ein Dach über dem Kopf. Die Kinder heutzutage sehen ununterbrochen Angebote auf Plakaten, im Fernsehen, in den sozialen Medien, und sind gewohnt alles sofort verfügbar zu haben. Was dabei nicht gelernt wird ist Geduld, Gelassenheit, der Umgang mit Frust und vor allem ein gesunder Selbstwert. Auch wenn sie sich wie die aktuellen Influencer kleiden und irre cool auftreten sagen viele „wir sind alles, nur nicht selbstbewusst.“ Es ist für alles gesorgt, aber sie haben ein Grundgefühl von „es ist alles egal.“


Sie sind nicht fit für die Welt?

Wenn ein junger Mensch keine Geduld hat und die Fähigkeit nicht lernt, echte tiefe Beziehungen aufzubauen, scheitert er in der echten Welt. Darum erleben wir 25-Jährige mit Depressionen und Burnout. Der gefühlte Druck ist enorm. Ich habe aber noch nie einen Jugendlichen erlebt, der wirklich nicht will oder nicht kann, sondern nur welche, die glauben, nicht gut genug zu sein. 


Welchen Einfluss haben die Medien?

Bilder prägen unser Hirn. Kinder glauben aus der Werbung, dass Kühe lila sind. In unseren Köpfen entstehen Bilder, die mit der echten Welt nichts zu tun haben. Es macht was mit unserem Hirn, wenn wir ununterbrochen mit Input beschossen werden. Youtube startet, danach kommt ein neuer Video-Vorschlag, dazwischen Werbung. Du wirst konstant bespielt. Und je müder du wirst, umso weniger kann sich dein Hirn gegen die Bilder wehren. 


Was wäre daher wichtig?   

Nur in der Langweile entsteht etwas. Ein Spitzensportler geht trainieren, und in der Entspannung, in der Pause, passiert die Entwicklung. Aber in unserer Welt ist die Infoschleuse immer offen, und wir – besonders Kinder – brauchen Begleitung, um die richtigen Infos herauszufiltern, um gut in der echten Welt leben zu können.


Was ist das Wichtigste, das Sie von Ihren Eltern mitbekommen haben?

Mein größtes Geschenk war zu wissen: Wir hatten alles, haben alles verloren – und jetzt leben wir in einem tollen Land. Das ist jetzt mein größter Vorteil: Wenn ein Plan aus irgendeinem Grund über den Haufen geschmissen wird, änderst du den Plan. Hast du nur einen Plan, und der scheitert, verbringst du den Rest deines Lebens enttäuscht und trauerst deinem Plan nach. So gesehen ist Enttäuschung das Beste in der Welt – das Ende einer Täuschung. Es ist normal, dass mal ein Plan nicht funktioniert – aber es gibt eine Million andere. Folge deiner Neugier!

 

Dieses Interview ist in einer gekürzten Fassung im Magazin "Mein Rotes Kreuz" erschienen.

socialshareprivacy info icon