31.07.2019 15:05

„Das Wetter wird langsamer“

Marcus Wadask ist ORF-Wetterchef. Er will die Menschen auch über den Klimawandel aufklären und besitzt dabei besondere Glaubwürdigkeit.

„Das Wetter wird langsamer“

Was ist ihr Lieblingswetter?
Ich mag es sonnig und warm, aber 15 bis 30 Grad sind genug. Da kann ich aktiv Sport betreiben und schon baden.


Die Hitzetage nehmen zu. Werden Sie als Moderator immer mehr zum Überbringer schlechter Nachrichten?
Im ORF versuchen wir, Wertungen zu vermeiden. Natürlich kündige ich Badewetter positiv an, speziell nach einer Regenphase. Aber nach dem zweiten Tag mit 30 Grad gibt es kein Juhu mehr, weil vor allem ältere aber auch ganz junge Menschen beginnen zu leiden.


Ist das, was wir erleben, bereits der Klimawandel?
Ja. 2018 war das wärmste Jahr seit Messbeginn und es folgt ein abnormal warmer Sommer auf den nächsten – besonders Landwirte oder Menschen mit Garten merken das. Die Temperaturen in Österreich erhöhen sich stärker als im globalen Mittel.


Warum denn das?
Auf der Nordhalbkugel der Erde gibt es mehr Landmasse als auf der Südhalbkugel, und Land erhitzt sich schneller als das Meer. In der Arktis hat es derzeit 6 Grad zu viel. In Östereich haben wir schon Monate, die drei, vier Grad über dem Mittel liegen.


Im Winter gab es doch so viel Schnee wie noch nie.
Auch der wahnsinnige Schnee-Jänner war im Schnitt zu warm. Früher ist so ein Wetter nach drei Tagen weitergezogen. Das aber ist geblieben und es hat 10 Tage durchgeschneit. Hintergrund ist, dass sich der Jet-Stream – jenes Starkwindband, das in großen Höhen das Wetter durchmischt – verändert hat und das Wetter dadurch langsamer wird.


Worauf müssen wir uns einstellen?
Es könnte öfter zu solchen langsamen Hochdruck- und Tiefdruckgebieten kommen. Schwer zu sagen, wie sich der Niederschlag entwickeln wird. Aber es wird wärmer, und je wärmer es ist, desto extremer führt sich die Atmosphäre auf, weil mehr Energie drinnen ist. Wenn wir rasch handeln ist die globale Erwärmung um 1,5 Grad eine mögliche Variante. Wenn nicht geht es bis auf 5,6 Grad hinauf. Das wäre verheerend. Ganze Küstenregionen werden unbewohnbar werden.


Beschäftigt Sie auch das Thema, dass es die Ärmsten, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, am stärksten treffen wird?
Total. Die Reichen werden es sich richten und ihre Länder anpassen können. Und andere werden ihren Lebensraum verlieren. Es ist meine Grundeinstellung, dass die Starken den Schwachen helfen sollten, auch beim Thema Klimawandel ist Solidarität enorm wichtig.


Sind Sie beunruhigt, dass nicht mehr gegen den Klimawandel unternommen wird?
Dass wir mit dem Ausstoß von Treibhausgasen die Welt in einer Art und Weise verändern, die es noch nie zuvor gegeben hat, beunruhigt mich immer wieder. Es ist erstaunlich, dass nicht sofort alle aufspringen und handeln. Aber die Politiker werden Antworten geben müssen, je mehr Menschen Fragen stellen. Dieser Dialog findet statt – und er wird lauter. Ich kann mich in diesem Jahr der Nachfrage nach Vorträgen und nach Aufklärung kaum erwehren.


Woran liegt das gestiegene Interesse?
Früher war der Klimawandel noch ein sehr abstraktes Thema. Das Bild der Neunzigerjahre war der arme Eisbär, der seine Heimat verliert, oder Wüsten, die sich in Afrika ausbreiten. Das war weit weg. Seit dem Jahr 2000 erleben wir, dass sich unser Wetter aufgrund der globalen Erwärmung radikal ändert. Auf den Alpenraum zum Beispiel hat das große Auswirkungen.


Und Sie wollen aufklären?
Mein Job ist es den Leuten zu sagen, ob es morgen regnet oder die Sonne scheint. Aber es ist auch Aufgabe des öffentlich rechtlichen Rundfunks, das in einen gescheiten Rahmen zu setzen – um etwa zu erklären, warum es 2013 zum ersten Mal in diesem Land 40 Grad hatte.


Haben Sie als Wettermann besondere Glaubwürdigkeit? Sie sind ja auch Gründungsmitglied von climate without borders – einer weltweiten Vereinigung von Wettermoderatoren.
Ja, wir tauschen uns regelmäßig aus. Da kriegst du ein tolles Bild, was weltweit an Wetterverrücktheiten stattfindet. Es ist lustig: Die Leute wissen, dass wir mit unseren Wetterprognosen nicht immer richtig liegen. Wir versuchen auch Unsicherheiten zu vermitteln. Aber wir haben eine extrem hohe Glaubwürdigkeit und haben gelernt, fundierte Kenntnisse über das Klima für unsere Zuseher zu übersetzen. Ich glaube den Menschen ist noch immer zu wenig klar, was da vor sich geht und wie schwer es weiteres Zögern macht, noch richtig zu handeln. Da wollen wir unseren Beitrag leisten.


Ohne Panik zu verbreiten?
Ja, das bringt nichts. Wir müssen Wissen verbreiten um endlich ordentlich ins Handeln zu kommen. Jeder kann und soll etwas tun, viele tun auch schon etwas, und global setzt das richtige Denken ein. Aber es ist noch mehr nötig. Und wir haben es eilig.

 

Zur Person:

Marcus Wadsak (48), Meteorologe und Leiter der ORF-Wetterredaktion. Als Mitgründer von Climate Without Borders will er mit Wetter-Moderatoren weltweit über den Klimawandel aufklären.

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