14.10.2019 16:53

Dauermodus Katastrophe

Was die jüngste Eskalation in Syrien für humanitäre Auswirkungen hat. Offener Brief an Österreichs Politiker, erschienen in der "Wiener Zeitung" von Rotkreuz-Präsident Gerald Schöpfer.

Dauermodus Katastrophe

Das ist eine Gemengelage: Was will Erdogan? Was Trump? Was Putin? Was will die EU und was wollen die Kurden? Dann gibt es noch den Iran und Assad und, und, und. Die politischen Kommentatoren zwischen Washington, Brüssel und Istanbul werden sich in den kommenden Tagen an diesen Fragen abmühen.

Auf eine ganz andere Frage kann ich eine kurze und klare Antwort geben. Und zwar auf die Frage was die Zivilbevölkerung will: Ein Ende des Dauermodus Katastrophe. Seit mehr als acht Jahren tobt in Syrien ein Konflikt grauenhaften Ausmaßes: 11,7 Millionen Menschen im Land brauchen humanitäre Hilfe, mehr als die Hälfte aller Gesundheitseinrichtungen in Syrien ist - wenn überhaupt -nur teilweise in Betrieb. Zwei Millionen Kinder können die Schule nicht besuchen. Und im akut betroffenen Nordosten leben 100.000 Menschen in Flüchtlings-Camps.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz fordert, weiterhin seine lebensrettende Arbeit machen zu können und dass das humanitäre Völkerrecht eingehalten wird und Zivilisten unter keinen Umständen angegriffen werden. Das sind Minimalforderungen, um unpolitisches Lebenretten zu ermöglichen. 

Humanitäre Hilfe findet immer im politisch luftleeren Raum statt. Daher wünsche ich mir ganz dringend, dass dieses Vakuum gefüllt wird, geopolitische Plänkeleien hintan- und die Menschlichkeit wieder in den Vordergrund gestellt wird. Nun richtet sich die Geopolitik nicht nach dem Wunschzettel eines Rotkreuz-Präsidenten. Also bleibt mir ein Appell in meinem eigenen – österreichischen – Wirkungsbereich, und zwar an die aktuellen und zukünftigen Entscheidungsträger in unserem Land.

Reagieren Sie bitte darauf, dass internationale Konflikte immer komplexer werden und Notlagen zu einem Dauerzustand. Als neutrales Land sind die beiden größten Beiträge, die wir leisten können, Vermittlung zwischen Konfliktparteien und die Finanzierung von humanitärer Hilfe. Bitte pochen Sie auf die Einhaltung des Völkerrechts und schaffen Sie über kurzfristige Mittelvergabe hinaus die Möglichkeit, dass wir humanitären Helfer langfristige Finanzierung erhalten und unsere Hilfe auch mehrjährig planen können. Denn selbst wenn alle meine Wünsche in Erfüllung gehen und morgen in Syrien Frieden herrscht – humanitäre Hilfe wird noch auf Jahre gebraucht. Und wir könnten den Dauermodus Katastrophen verkürzen.

Univ. Prof. DDr. Gerald Schöpfer ist Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes, der Kommentar ist in der Wiener Zeitung erschienen.

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