07.06.2019 07:23

Von neuen Chancen, die das Haus Hermes bietet

2018 war ein bedeutsames Jahr für das Haus Hermes. Das Gebäude in der Schlechtagasse 8 im dritten Wiener Gemeindebezirk wurde im vergangenen Jahr komplett saniert. Seit der Eröffnung wurde es zum Chancenhaus Hermes, das vom Fonds Soziales Wien gefördert ist und ein neues Angebot innerhalb der Wohnungslosenhilfe darstellt. Bisher gibt es österreichweit nur zwei Chancenhäuser.

Von neuen Chancen,  die das Haus Hermes bietet
Hans Peter Wimmer in seinem Zimmer im zweiten Stock des Chancenhauses Hermes

Im bisherigen Nachtquartier konnten sich die Menschen von 18 – 8 Uhr in der Einrichtung aufhalten und waren vorwiegend in Mehrbettzimmern untergebracht. Mit der Neu-Eröffnung und Konzeptänderung ist es nun möglich, die Einrichtung ganztägig zu nutzen. Das neue Haus bietet nun insgesamt 150 (vorher 140) Plätze in mehr Einzel- und Doppelzimmern, die in 8 Wohngruppen für Frauen, Männer und Paare aufgeteilt sind. Jede Wohngruppe verfügt über eine Wohnküche, einen Waschraum sowie gemeinschaftliche Sanitärräume. Zusätzlich gibt es in 4 Wohnfluren barrierefreie Sanitäreinheiten. Die medizinische Versorgung der Menschen im Haus wurde mit externen Diensten anderer sozialer Träger erweitert.

Die verbesserte Infrastruktur mit den ganztägigen Öffnungszeiten trägt zur gesundheitlichen sowie sozialen Stabilisierung der Menschen bei. Der niederschwellige und partizipative Ansatz des Notquartiers bleibt dennoch erhalten. Menschen können einfach „von der Straße“ ins Chancenhaus Hermes kommen und werden, sofern ein Platz frei ist, aufgenommen. Das Altersspektrum der wohnungslosen KlientInnen reicht von derzeit 21 bis 79 Jahren das durchschnittliche Alter liegt bei 41 Jahren. Einmal angekommen, steht den Wohnungslosen ein 47-köpfiges, multiprofessionelles Team aus BetreuerInnen, BegleiterInnen und SozialarbeiterInnen zur Seite. Innerhalb von drei Monaten sollen die Perspektiven der Menschen abgeklärt und Themen wie Sicherung sozialer Ansprüche, Schuldenregulierung, Wohnungssuche sowie Gesundheit bearbeitet werden. Im vergangenen Jahr wurden monatlich im Durchschnitt 185 sozialarbeiterische Beratungsgespräche durchgeführt – seit der Umstellung auf das Chancenhaus stieg die Zahl auf 434. 

„Es ist eine Chance“

Seit einigen Monaten lebt der 66-jährige Hans Peter Wimmer im Chancenhaus Hermes. Mit einem freundlichen Lächeln empfängt er uns im Eingangsbereich – er führt uns durch die Räumlichkeiten seines temporären Zuhauses. Während wir zu seinem Zimmer in der zweiten Etage gehen, erzählt er, wie unerwartet ihn die Wohnungslosigkeit traf. 12 Jahre arbeitete der gebürtige Gmundner in den Vereinigten Arabischen Emiraten als Bauingenieur. Er führte eine Fernbeziehung zu seiner Frau, die in Österreich lebte. Als er in sein Heimatland zurückkehrte, erfuhr er bei der Ankunft am Flughafen, dass sie die Scheidung eingereicht hatte. Von einem Tag auf den anderen hatte er kein Zuhause mehr und zog vorübergehend ins Hotel Motel One beim Westbahnhof.

 

Fast wie im Hotel

Als wir in seinem ca. 25 qm² großen Zimmer ankommen, liegt sein Mitbewohner gerade im Bett und sieht sich ein Video auf dem Handy an. Hans Peter erzählt, dass er sich den Aufenthalt im Hotel auf Dauer nicht leisten konnte. Sechs Monate zahlte er 12 Euro pro Tag für ein Mehrbettzimmer – mit der Wohnungslosenhilfe in Wien kannte er sich zu jenem Zeitpunkt nicht aus. Er begann sich zu informieren und kam zuerst ins P7 (eine Einrichtung der Caritas Wien), später ins die Übergangsräumlichkeiten des Haus Hermes in der Apollogasse, bevor er schließlich ins neu renovierte Chancenhaus Hermes zog: „Ich kann hier schlafen, duschen, kochen. Man trifft hier auf so viel Service und Kompetenz. Ich war total baff, wie man sich hier um mich kümmert.“ Sein helles Zimmer hat einen geräumigen Schrank, einen Esstisch, ein Waschbecken und natürlich für jeden ein eigenes Bett. „Ich habe alles, was ich brauche“, erzählt er – auch wenn ihm bewusst ist, dass er hier nicht dauerhaft bleiben kann.

Er führt uns weiter in den Gemeinschaftsraum, in dem es unter anderem einen Fernseher gibt. Viel Kontakt zu den anderen BewohnerInnen hat er nicht, er konzentriere sich lieber auf die Wohnungssuche und sich selbst. Dennoch ist er begeistert, wie viel Mühe man sich mit der Einrichtung des Hauses gegeben hat. „Das hier ist ein Chancenhaus – man bekommt die Chance auf eine Wohnung. Ich glaube, nicht alle sind sich bewusst, warum es hier geht und wie viele Möglichkeiten es bietet.“ Das zeigt er uns anhand der Küche, die sich gleich nebenan befindet: „Das sind alles Gastronomie-Geräte. Von den Geschirrspülern, über die Kühlschränke, bis hin zum Herd.“ Genauso wie die Waschmaschinen und Trockner im nächsten Raum, die er bei Bedarf nutzen kann.

 

Die Unterstützung ist nebenan

Während wir den langen Gang entlanggehen, erzählt er, dass er versucht, eine eigene Wohnung zu finden. Das sei gar nicht leicht auf dem privaten Wohnungsmarkt. Wir gehen am Zimmer der SozialarbeiterInnen vorbei. Mit seiner zuständigen Sozialarbeiterin Ina unterhält er sich mindestens einmal pro Monat. „Ein Termin im Monat ist Pflicht, sonst muss man das Haus verlassen. Ich nutze das Angebot sehr gerne. Das Personal des Chancenhauses Hermes ist sehr engagiert und kompetent. Primär arbeiten wir gemeinsam daran, eine Wohnung für mich zu finden, damit ich eine Meldeadresse habe und mir einen Job suchen kann. Ich habe gemerkt: Wenn du nicht gemeldet bist, bist du kein Mensch.“

Als wir wieder in das Erdgeschoss des Hauses gehen, betont er noch einmal, wie dankbar er für das Angebot des Chancenhauses Hermes ist: „Ich bin immer noch total überrascht, was hier alles für wohnungslose Menschen geleistet wird. Ich sehe tagtäglich, welch ein Einsatz hier von den Menschen und vom Roten Kreuz geleistet wird. So eine Chance wird sicherlich in keinem anderen Land geboten.“

 

Statistik 2018

Nächtigungen Notquartiere

Haus Hermes: 40.107

Winternotquartier I: 14.519

Winternotquartier II: 16.242

 

Betreute Personen

Tageszentrum das Stern: 776

Haus Henriette: 75

IWORA: 82

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