25.09.2019 09:06

Wenn der Beruf unter die Haut geht

Mit fast 50 Jahren entschied sich Wolfgang Seili Pflegeassistent zu werden. Dass dieser Schritt der Richtige war, symbolisiert sein Tattoo in Form eines Roten Kreuzes.

Wenn der Beruf unter die Haut geht

 

Vor knapp zwei Jahren stand für den heute 49-jährigen Wolfgang Seili ein wichtiger Schritt vor der Türe – der ehemalige Koch entschloss sich, Pflegeassistent zu werden. Seine Belohnung für die abgeschlossene Ausbildung ist ein Symbol dafür, dass die Liebe zu seinem neuen Beruf ihm unter die Haut geht: Ein Tattoo mit dem Roten Kreuz samt dem Datum, an dem er sich für die Pflegeassistenz (PA) entschied. Er erzählte uns, wieso er diesen Schritt bis heute nicht bereut.

 

Die Pflege!

 

Viele Jahre arbeitete ich als Koch – der Beruf machte mich jedoch körperlich und seelisch kaputt, ich musste etwas ändern. Ein Jahr ist es bereits her, dass ich als Pflegeassistent beim Wiener Roten Kreuz begann. Zwei Jahre sind sogar schon vergangen, seit ich die Entscheidung getroffen habe, diesen Schritt zu wagen – und ich habe ihn noch keine einzige Sekunde bereut. Jene, die mich kennen, sagten: „Das ist der Beruf für dich!“. Jene, die glauben mich zu kennen, meinten: „Das ist nichts für dich, willst du den ganzen Tag nur ältere Menschen waschen?“. Damit bedienten jene Menschen ein Vorurteil, das in der Öffentlichkeit zur Pflege besteht.

 

Während der Ausbildung plagten mich oft Ängste zu versagen, Selbstzweifel und die Frage: "Ist das der richtige Weg?". Ob es der richtige Weg ist oder nicht – das weiß man oft erst, wenn man ihn gegangen ist. Nicht dieses Mal: Es waren eindeutig der richtige Weg und die richtige Ausbildungsstätte.

 

Am Anfang habe ich die Ausbildung zugegebenermaßen etwas zu leichtgenommen. Viele Nächte habe ich mit Lernen verbracht. Die Kompetenz der Fachlehrer, besonders in der Anatomie, war schon schwer beeindruckend. Die Prüfungen waren eine Herausforderung, aber ich habe alle beim ersten Antritt bestanden – auch die kommissionelle Prüfung, trotz immenser Nervosität. In den Praktika habe ich mich immer wohlgefühlt und konnte einen guten Eindruck hinterlassen. Das letzte Praktikum habe ich selbst gewählt: Palliativ-Pflege. Es war die Krönung. Dort lernte ich den Umgang mit Sterbenden und erfuhr, wieviel Lebensmut diese Menschen haben – Freude, aber eben auch Leid.

 

Tipps die mich bis heute begleiten

 

Am 10.09.2018 begann ich beim Wiener Roten Kreuz in der Hauskrankenpflege. Es wurde uns oft gesagt, dass Ausbildung und Realität zwei Paar Schuhe sind – darunter kann man sich anfangs jedoch nichts vorstellen. Zwei Wochen war ich in Begleitung unterwegs und konnte mir Dank der netten KollegInnen einiges abschauen und bekam Tipps, die mich bis heute begleiten.

 

Plötzlich der erste Einsatz alleine: Das Herz schlägt schneller, man betritt die Wohnung und plötzlich: Innere Ruhe. Ich konnte alles abrufen, was ich zuvor lernen durfte. Im Laufe der Zeit begriff ich das mit der Realität. Flexibel muss man sein. Ich wurde sogar zum Schneider und nähte einer Klientin den Rock enger, um die Sturzgefahr zu minimieren. Es gab viele heikle Situationen wie Atemnot, Fieber, Erbrechen, einen Notverband anlegen etc. Ich versuchte in solchen Situationen besonders ruhig und sicher zu wirken, obwohl ich mich gar nicht so fühlte. Auch eine verstorbene Klientin fand ich bereits vor. Als ich es der Teamleitung meldete konnte ich kaum reden, weil die Tränen liefen. Ich wurde gefragt, ob ich weiterarbeiten kann oder Hilfe brauche. Aber es ging weiter zum nächsten Klienten – ich wollte weiterbetreuen. Am Abend verfasste ich zuhause eine kurze Notiz über diesen Vorfall und verarbeitete es dadurch.

 

Der Beruf (oder die Berufung) ist nicht leicht, aber ich habe den Schritt in die Pflege noch keine Minute bereut. Es macht Spaß, es bereitet Freude. Es war notwendig, mit knapp 50 Jahren diesen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Seit ich diese Entscheidung getroffen habe, bin ich wie ausgewechselt – viel ruhiger, entspannter und endlich wieder glücklich.

 

 

 

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