23.07.2018 12:54

Eine Mücke als Elefant

Christian Konrad kritisiert das Fokussieren der Politik auf das Thema Migration. Die Gesellschaft müsse ihren Umgang mit dem Thema überdenken.

Christian Konrad am Podium einer Veranstaltung des Roten Kreuzes
Christian Konrad hat die Allianz „Menschen.Würde.Österreich.“ gegründet, um das Engagement der Zivilgesellschaft für Integration sichtbar zu machen

Früher waren Sie ein Banker mit viel Einfluss in der ÖVP, heute sind Sie Lobbyist der Menschlichkeit. Wie war dieser Rollenwechsel?

Ich bin der gleiche geblieben und die Frage der Menschlichkeit war immer schon Thema für mich. Ich hatte immer die gleiche Einstellung zur Würde des Menschen, geprägt von einer christlichen Erziehung nach dem Leitsatz: Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu. 

Sie reden nach wie vor mit Politikern. Diese Gespräche gestalten sich heute wohl anders. 

Natürlich, mein Stellenwert ist ein anderer. Von Christian Konrad kann man heute nicht mehr erwarten, was früher von mir als Eigentümervertreter zu erwarten war, wo ich Dinge bewegen konnte. Aber ich bin möglicherweise erfahrener als die Damen und Herren, die heute politisch verantwortlich sind.

Sie haben die Allianz „Menschen.Würde.Österreich.“ gegründet, um das Engagement der Zivilgesellschaft für Integration sichtbar zu machen. Richtet sich die Allianz mittlerweile auch gegen die Regierung?

Nein, ich kritisiere auch keine einzelnen Politiker. Aber die Regierung bewegt sich weg von der Würde des Menschen, das ist ein bisschen das Thema. Politisch steht die Ablehnung des Fremden im Mittelpunkt, dabei gibt es hunderttausende Menschen in Österreich, die das nicht so sehen und sich engagieren. Die müssen wir motivieren.

Auf der Homepage ist zu lesen, dass 42 Prozent der negativen Asylbescheide aufgehoben würden, also fehlerhaft sind. Hat Sie das überrascht?

Nein. Nach meiner Zeit als Flüchtlingskoordinator für die Regierung wurden mir viele Einzelfälle zugespielt, wo dir die Haare zu Berge stehen. Da habe ich gesagt das ist ein Punkt, da müssen wir versuchen zu helfen. Auch auf der Seite der Rechtsvertreter gibt es allerdings die eine oder andere fragwürdige Situation.



Ihre Initiative fordert auch, dass die Rechtsberatung für Asylsuchende nicht von einer staatlichen Agentur gemacht werden dürfe, weil das EU-Recht widerspreche. 


Wir erleben immer wieder Dinge, wo man den Kopf schüttelt. Dabei ist die Situation ja eine ganz andere als 2015. Alles was die Politik sagt, dass wir Schutzsuchende in Großquartiere bringen sollen, und, und, und: Das ist gegenstandslos, weil viel weniger Menschen zu uns kommen. Im Mai und Juni wurden 300 Personen pro Woche aufgegriffen: Der Druck ist weg. Wir haben keine Welle mehr sondern ein Tröpfeln, und trotzdem macht man aus der Mücke einen Elefanten.


Macht Sie das wütend?


Manchmal denke ich mir, die Relationen sind verschoben und klares Denken spielt keine Rolle mehr. Offenbar schauen Politiker, wenn sie in der Früh aufstehen, zuerst auf Meinungsumfragen und entscheiden dann, was sie machen.


Was halten sie von populistischer Politik konservativer Parteien? 


Für mich ist es jedenfalls keine christdemokratische Haltung zu sagen, dass Flüchtlinge, die im Meer gerettet werden, in Lager nach Libyen zurück müssen. Oder einverstanden: Dann muss ich aber dafür sorgen, dass dort menschenwürdige Verhältnisse herrschen. Das ist nicht der Fall. Wir können die Grenzen dichter machen, dann müssen wir dafür sorgen, dass vor den Grenzen der Herkunftsländer tatsächlich etwas geschieht und nicht nur geredet wird. Das ist eine Frage der Achtung der Würde des Menschen. 


Österreich hat doch schon sehr viele Menschen aufgenommen.


Es gibt noch Reste aufzuarbeiten, und es ist wichtig jene, die mit Recht zu uns gekommen sind, zu integrieren. Es leben knapp neun Millionen Menschen in Österreich, davon 1,5 Millionen Nicht-Österreicher. Mehr als die Hälfte davon sind EU-Bürger, die meisten Deutsche. Dann haben wir 100.000 Türken, 80.000 Serben, 40.000 Afghanen, und etwa 42.000 Syrer. Und neun Millionen fürchten sich davor? Das ist irrational. Die Politik sagt wir lösen Probleme, indem wir Lager bauen und Sozialleistungen kürzen – und denen wird auf die Schulter geklopft. In Wahrheit ist es kein Thema mehr, auch nicht wirtschaftlich. 



Wie ist die Stimmung in den Gemeinden? Ihre Allianz hat die Bürgermeister befragt.


Wir haben noch nicht alle Ergebnisse. Aber bei der Frage, was die Hauptprobleme sind, waren die Flüchtlinge das Thema Nummer vier oder fünf. Weil die Bürgermeister am nächsten an dem Thema dran sind haben sie auch einen einfachen und pragmatischen Zugang. Da gibt es überraschend viele gute Lösungen.



Wie soll Österreich in 10 Jahren aussehen?


Ich hoffe, dass wir den Wohlstand, den wir uns erarbeitet haben, halten können. Dass wir in der Bildung besser werden, dass wir die medizinische Versorgung optimieren – wo es schon so etwas wie eine Zwei-Klassen-Medizin gibt, und dass wir das Thema Altenbetreuung besser in den Griff bekommen. Dabei sind wir auch auf Fremde angewiesen.


Machen Sie sich Sorgen um die Werte in diesem Land?

Die Gesellschaft muss darüber nachdenken, wie sie mit dem Thema Fremde und Integration umgeht. Ich hoffe, dass Österreich wieder offener und toleranter wird. 

Stefan Müller, Österreichisches Rotes Kreuz


Erschienen in Mein Rotes Kreuz, 2/2018


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