07.02.2019 16:20

LIBANON, SELBSTBESTIMMUNG DURCH BARGELDHILFE

LIBANON, SELBSTBESTIMMUNG DURCH BARGELDHILFE

Im Libanon waren Ende Dezember 2018 etwas weniger als 1 Million (konkret 948.849) syrische Flüchtlinge beim UNHCR registriert. Allgemein wird jedoch davon ausgegangen, dass sich inoffiziell etwa 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge im Land aufhalten. Mehr als die Hälfte davon sind Frauen und Kinder. Hält man sich vor Augen, dass der Libanon etwas mehr als 4 Millionen Einwohner zählt, wird einem bewusst, dass der kleine Zedernstaat, dessen Fläche von 10.452 km². in etwa der Fläche der Bundesländer Salzburg & Burgenland entspricht, weltweit proportional die meisten Flüchtlinge pro Einwohner beherbergt. Der Druck auf die Gastgemeinden und vorhandene Ressourcen ist dementsprechend hoch: Öffentliche Dienste sind überbeansprucht, die Infrastruktur für die Gesundheitsversorgung, das Bildungswesen und den Arbeits- und Wohnungsmarkt ist stark überlastet.

Der ungelöste Syrien-Konflikt beeinträchtigt die Stabilität des Libanon, verschärft bestehende Schwachstellen, überfordert soziale Basisversorgung, verringert Handel und Investitionen und schafft Wettbewerb für begrenzte und abnehmende Ressourcen. Die sozialen Spannungen zwischen den Schutzsuchenden und den libanesischen Aufnahmegemeinden nehmen zu, da auch die Armut in der lokalen Bevölkerung zunimmt. Eine Besserung der Situation ist nicht in Sicht, da in der internationalen Staatengemeinschaft eine zunehmende Müdigkeit zu beobachten ist, Hilfsmaßnahmen im benötigten Umfang zu unterstützen.

Vor diesem Hintergrund hat das ÖRK gemeinsam mit dem Libanesischen Roten Kreuz ein Projekt lanciert, das 250 Haushalte - darunter 175 Flüchtlingsfamilien und 75 bedürftige libanesische Familien - mit einem Betrag von 175 US-Dollar pro Familie im Monat unterstützt. Diese an keine Bedingungen geknüpfte Bargeldhilfe wurde während eines Zeitraums von 17 Monaten zwischen August 2017 und Dezember 2018 ausgeschüttet. In der Wintersaison, d.h. zwischen Dezember und März, haben die Familien einen zusätzlichen Betrag von 75 US-Dollar pro Monat erhalten.

Zwar ist das von der ADA-geförderte Projekt mit einem Volumen von 1 Mio. EUR Ende Jänner nach 20 Monaten Gesamtlaufzeit zu Ende gegangen, doch dank der Unterstützung durch Nachbar in Not (NiN) kann die Unterstützung der Familien bis November 2019, d.h. bis andere RK-Schwesterorganisationen die Finanzierung des Bedarfs übernehmen, weiter sichergestellt werden. Wie wichtig diese Überbrückungshilfe des ÖRKs ist und wie sehr sie dazu beiträgt, aus Schutzsuchenden, willkommene Nachbarn zu machen, soll die folgende Fallgeschichte veranschaulichen.

Hanna ist 28 und kommt aus Homs, Syrien. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen Khaled und Taleb, ist sie 2013 in den Libanon geflüchtet.

„Unser Leben in Syrien war sehr schön. Wir hatten ein Haus, Arbeit, eine glückliche Familie. Als aber der Krieg begann, hörten wir die Bomben näher kommen, vor allem in der Nacht. Wir hatten wahnsinnige Angst und für uns war klar, wir müssen hier weg." 

Mittlerweile ist Hanna Mutter von fünf Kindern und von ihrem Mann geschieden. Vor fast zwei Jahren, hat er sie vor ein Ultimatum gestellt. Entweder sie geht und er kümmert sich um die gemeinsamen Kinder oder sie nimmt die Kinder mit und bekommt keine Hilfe von ihm. Das war keine schwere Entscheidung für die junge Mutter. Sie lebt nun mit ihren Kindern in einem der informellen Zeltlager in Hermel. Die sechsköpfige Familie teilt sich ein Zelt mit zwei Räumen. Eines zum Schlafen und eines zum Leben.

„Hier im Libanon muss ich das Unmögliche möglich machen. Ich muss alleine in einem fremden Land für meine fünf Kinder aufkommen. Bevor wir die Unterstützung des Roten Kreuzes erhalten haben, wusste ich nicht, wie ich täglich das Essen auf den Tisch bringen soll. Kleider oder Medikamente für meine Kinder konnte ich mir nicht leisten.“

Hanna betont, dass sie ohne diese Hilfe große Schwierigkeiten hätte, ihre Familie durch den kalten Winter zu bringen. So kann sie entscheiden, wie das Geld am besten eingesetzt wird. Wenn eines ihrer Kinder krank ist oder neue Kleidung braucht, kann sie sich darum kümmern. Auch ihren Ofen, um den die Familie jeden Tag sitzt, hat sie mit diesem Geld kaufen können. Auch kann sie manchmal ein wenig Geld auf die Seite legen und ist so abgesichert, wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht. Gerade im Winter kommt es häufig vor, dass starker Regen oder Schneefall das notdürftig zusammengebaute Zelt beschädigt. Dafür muss die junge Mutter ebenfalls aufkommen. Darüber hinaus kann Hanna dafür sorgen, dass ihre Kinder jeden Tag zu essen bekommen. Trotz all der Schwierigkeiten der letzten Jahre hofft sie, dass alles besser wird. Vor allem will sie ihre Kinder in die Schule schicken. Das war bisher nicht möglich, da sie es sich nicht leisten konnte. Ausgaben, wie Sportschuhe und Bücher waren für sie unerschwinglich. Natürlich hofft Hanna, dass ihre Kinder irgendwann ihre Heimat kennenlernen. "Meine Kinder fragen mich oft, ob wir ein richtiges zu Hause haben. Dann erzähle ich ihnen von Homs, den Menschen und dem guten Essen. Es bricht mir das Herz zu sehen, dass sie fern der Heimat aufwachsen."

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