06.03.2020 11:13

Internationale Hilfe: Bericht aus erster Hand

Im Gespräch mit Lisa Taschler, die seit acht Jahren für das Rote Kreuz in Internationalen Einsätzen auf der ganze Welt ist. Momentan arbeitet sie im Libanon.

Internationale Hilfe: Bericht aus erster Hand
Lisa Taschler war für das Rote Kreuz 5 Jahre in Äthiopien. Momentan ist sie im Libanon stationiert.

Du bist über ein EU-Freiwilligenprojekt zu deinem jetzigen Job gekommen. Kannst du kurz beschreiben, wie da der Ablauf war?

Lisa Taschler: Ja ich und unser Kollege Bernhard Helmberger sind beide durch das EVHAC (European Voluntary Humanitarian Aid Corps) zur Internationalen Zusammenarbeit (IZ) gekommen. Wir waren damals, vor jetzt fast acht Jahren, Teil der ersten EU Aid volunteers beim Roten Kreuz. In dieser ersten Gruppe waren wir cirka 20 junge Leute aus Frankreich, Deutschland, Finnland, Bulgarien und Österreich und sind nach einem gemeinsamen Training, in verschiedene Rotkreuz-Delegationen weltweit entsandt worden. Ich bin dadurch in die RK-Delegation nach Äthiopien gekommen, wo ich dann, nach den sechs Monaten Freiwilligentätigkeit, auch meinen ersten Job als Delegierte bekommen habe und insgesamt fast fünf Jahre stationiert war.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei dir aus? Wo genau bist du jetzt stationiert?

Ich bin in Beirut stationiert, aber arbeite für die MENA (Mittlerer Osten und Nordafrika) Region, was auch regelmässige Aufenthalte in Syrien inkludiert. Ein normaler Arbeitstag in Beirut fängt um 8 - 8.30 Uhr an, nachdem ich cirka 30-45 Minuten im Stau gestanden bin, denn Verkehr in Beirut ist ziemlich schlimm. Über den Tag verteilt habe ich dann meist 3-4 Meetings mit Kolleg_innen vom Libanesischen Roten Kreuz, um den Fortschritt unserer Projekte zu diskutieren, neue Aktivitäten zu planen, Probleme zu lösen etc. Oft kommen noch Skype-Meetings mit meinen Kolleg_innen in Wien dazu, sowie Besprechungen mit anderen Rotkreuz und Rothalbmond Kolleg_innen, die in der Region arbeiten.

Im Libanon allein sind fast 20 Partnernationalgesellschaften tätig, da gilt es sich zu koordinieren und Synergien zu finden. Und zwischendurch halten mich zahlreiche E-Mails und Telefonate mit Wien und Damaskus auf Trab. Mein Büro ist im Gebäuede des Libanesischen Roten Kreuzes und hier endet der Arbeitstag offiziell um 17 Uhr, aber ich bleibe oft länger, denn gerade wenn sich das Büro langsam leert kann man konzentriert und ungestört arbeiten, vor allem um Berichte zu schreiben oder an Budgetumwidmungen zu kniffeln. Ausserdem entgehe ich so der rush hour, dann nach 18 Uhr brauche ich statt einer Stunde nur cirka 20 min nach Hause!

Welches Ereignis im Libanon ist dir bis jetzt am meisten in Erinnerung geblieben?

Am meisten in Erinnerung bleiben mir immer die Gespräche mit den Menschen, die von unseren Projekten unterstützt werden. Im Libanon arbeiten wir sowohl mit syrischen Flüchtlingen als auch mit libanischen Familien unter der Armutsgrenze. Diese Familien haben schwierige Schicksale, gezeichnet von Krieg, Armut und Ausgrenzung, und trotzdem bleiben sie positiv. Die Familie Skandar gehört zu den beeindruckendsten Leuten, die ich bisher getroffen habe, und ihre Geschichte haben wir auch in einer unserer case studies erzählt. (Das Video gibt es HIER).

Welche neuen Projekte stehen an?

Im Libanon starten wir im Oktober ein neues WASH (Wasser, Sanitaeranlagen und Siedlungshygiene) Projekt, mit dem wir unter anderem die Wasserversorgung für Familien, aber auch öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Gesundheitszentren verbessern. Auch in Syrien arbeiten wir mit dem Syrisch Arabischen Roten Halbmond an der Wasserversorgung für die Bevölkerung. Im Libanon unterstützen wir außerdem den Blutspendedienst, der, ähnlich wie in Österreich, vom Roten Kreuz geführt wird.

Ein weiteres wichtiges Projekt ist die Unterstützung von bedürftigen syrischen und libanesischen Familien mit Bargeldzahlungen. Gerade im Winter sind Familien kaum in der Lage ihre Grundbedürfnisse wie Wasser, Essen und Heizung abzudecken. Viele Flüchtlingsfamilien leben in Zelten und behelfsmäßigen Unterkünften, die während der Wintermonate nur bedingt Schutz bieten. Denn wer denkt, dass es hier nicht kalt wird, irrt sich, die Temperaturen fallen auch unter den Gefrierpunkt und gerade im Norden des Landes kommt es zu bitteren Schneestürmen!

Was genau ist die Winterhilfe?


Im Winter ist das Leben für bedürftige Familien besonders schwer, nicht nur aufgrund der Witterung, auch da viele Arbeitsmöglichkeiten in Landwirtschaft und Bau während der Wintermonate wegfallen. Deswegen unterstützen wir syrische und libanesische Familien unter der Armutsgrenze mit Bargeldzahlungen. Diese Zahlungen haben den Vorteil, dass Familien sie für ihre wichtigsten Bedürfnisse einsetzen koennen, sei es um Heizmaterial oder Winterkleidung für ihre Kinder zu kaufen oder auch um Medikamente oder Schulkosten zu bezahlen.

Gab es bereits Momente, in denen du dachtest, dass du am liebsten alles hinschmeißen und nach Hause fahren würdest? Welche waren das?

Natürlich gibt es solche Momente immer wieder. Wir arbeiten nicht gerade unter den einfachsten Umständen und es gibt immer sehr viel mehr zu tun als unsere Mittel zulassen. Der Libanon hat weltweit die meisten Flüchtlinge pro Kopf aufgenommen, und das obwohl auch die wirtschaftliche Situation im Libanon stark von der Krise beeinträchtigt ist. In Syrien ist die Situation natürlich noch schwieriger, im mittlerweile neunten Jahr des Krieges sind weite Teile des Landes zerstört und die Hälfte der Bevölkerung musste ihr zuhause verlassen und in anderen Orten innerhalb und außerhalb des Landes Schutz suchen. Hier wird es noch viel Zeit und Arbeit brauchen bis Menschen wieder ein normales Leben führen können.

Da kommt man schon mal ans Ende seiner Energien, und wenn dann noch aufgrund von Bürokratie die Arbeit ins Stocken kommt oder auch Kleinigkeiten passieren, wie dass kurz vor einer Deadline das Internet zusammenbricht, mitten im Berichtschreiben der Generator seinen Geist aufgibt oder beim Feldbesuch das Auto nicht mehr anspringt, dann überlegt man sich schon mal warum man sich das alles eigentlich antut. Aber dann heißt es tief durchatmen, sich mit Kolleg_innen auf einen Kaffee zusammensetzen und dann wieder weitermachen. 

Warst du bereits vor deinem Jobantritt im Libanon?

Nein ich bin erst mit dem Roten Kreuz das erste Mal in den Libanon gekommen.

Gibt/gab es Schulungen für dich, um dich auf deinen Job im Ausland vorzubereiten?

Ich habe vor meinem Start als EVHAC Freiwillige ein Masterstudium in internationaler humanitärer Hilfe absolviert und auch mit anderen Organisationen bereits im Ausland gearbeitet. In meiner nunmehr achtjährigen Arbeit beim ÖRK habe ich zahlreiche Schulungen gemacht, um mich sowohl in technischen Bereichen wie WASH weiterzubilden, als auch um mich auf schwierige und stressreiche Situationen wie Sicherheitsvorfälle vorzubereiten.

Wie lange hat es gedauert bis du dich eingelebt hast?

Im Libanon habe ich mich eigentlich recht schnell eingelebt und auch einen guten Freundeskreis aufgebaut. Die libanesische Gesellschaft ist sehr einladend und offen und ich fühle mich, nach nun drei Jahren hier, wirklich wie zuhause.

Wie hältst du Kontakt zu deiner Familie und deinen Freunden?

Natürlich ist es nicht immer leicht so weit weg zu sein, aber ich versuche bei den wichtigsten Familienereignissen dabei zu sein - zumindest Weihnachten zuhause ist die Bedingung meiner Familie! Für den Rest bin ich sehr froh, dass wir durch Skype, WhatsApp und soziale Medien in einer sehr vernetzten Welt leben, dadurch kann ich mit Freunden und Familie leichter in Kontakt bleiben.

Was machst du im Libanon in deiner Freizeit?


Beirut ist ähnlich wie viele andere großen Städte, es gibt ein vielfältiges Angebot an kulturellen Veranstaltungen, Konzerten und Freizeitaktivitäten. Ich versuche in meiner Freizeit viel Sport zu machen, da mir das hilft vom alltäglichen Stress Abstand zu nehmen. Wenn es die Zeit erlaubt, fahre ich im Sommer an den Wochenenden mit Freunden an den Strand oder zum Wandern in die Berge, im Winter bin ich auf der Piste unterwegs - die Schigebiete können zwar mit meiner steirischen Heimat nicht ganz mithalten, aber dafür genieße ich den Ausblick vom Berg aufs Meer!

Was würdest du jungen Leuten raten, die deinen Beruf ergreifen wollen?

Ich finde es wichtig, dass man zuerst anfängt sich in seiner eigenen Umgebung zu engagieren und freiwillige Arbeit zu leisten. Das hilft, um zu sehen, ob einem dieser Bereich zusagt und worin persönliche Stärken liegen. Die Berufe in der internationalen Zusammenarbeit sind vielfältig, aber es bedarf einer guten Ausbildung und auch persönlicher Resilienz um effektiv arbeiten zu können.

Warst du früher einmal freiwillig im Roten Kreuz?

Ja, ich war während meiner Studienzeit in Österreich als freiwillige Sanitäterin in der Dienstag-Nacht Gruppe in Graz Stadt. Da hat meine Verbundenheit zum Roten Kreuz angefangen, denn als Sani merkt man schnell, dass das Rote Kreuz eine Familie ist und man aufeinander zählen kann.

Gibt es etwas, das dir an der Rotkreuz-Familie besonders gefällt oder dich inspiriert?


Der Zusammenhalt im Roten Kreuz ist einzigartig und das ist, was einem auch in schwierigen Situationen Energie gibt. Der Umstand, dass wir auf der ganzen Welt mit unseren lokalen Kolleg_innen arbeiten und somit immer in die Gesellschaft eingebettet sind, gefällt mir besonders, denn dadurch stellen wir sicher, dass unsere Projekte an lokale Bedürfnisse angepasst sind.

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