18.08.2020 11:39

RUANDA 1: ROTIERENDE SCHWEINE, SCHÜTZENDE BÄUME UND SELBSTGEMACHTE KOHLE

DIE HILFE DES ROTEN KREUZES KOMMT IN RUANDA AN - DIES ZEIGT EIN LOKALAUGENSCHEIN IM MODEL VILLAGE IM ÄRMSTEN BEZIRK DES LANDES

RUANDA 1: ROTIERENDE SCHWEINE, SCHÜTZENDE BÄUME UND SELBSTGEMACHTE KOHLE

Saftiges Grün, fruchtbare Böden, der wunderschöne Kivu-See. Wer in die Provinz Nyamasheke im äußersten Westen Ruandas fährt, wähnt sich im Paradies. Kommt man in die Dörfer und spricht mit den Menschen, zeigt sich aber ein anderes Bild: Der Bezirk ist der ärmste des Landes, das ohnehin nicht gerade von Wohlstand gesegnet ist.

Nicht nur, dass die Bevölkerung besonders stark vom Genozid 1994 betroffen war – es fehlen die Männer, das sieht man allerorten –, auch wird die Region besonders oft von sintflutartigen Regenfällen und damit auch Erdrutschen heimgesucht. Nicht ohne Grund wird Ruanda als „Land der tausend Hügel“ bezeichnet, die noch dazu fast alle bewirtschaftet werden – treten Unwetter ein, dann umso verheerender. Die Abgeschiedenheit der Region tut ein übriges, denn Innovation und qualifizierte Jobs gibt es hier kaum. Um die dörflichen Strukturen zu stärken und Katastrophen wie neuerlichen Hangrutschen vorzubeugen, verfolgt das Österreichische Rote Kreuz in Nyamasheke einen Model-Village-Ansatz: Viele kleinere Projekte setzen an mehreren Punkten gleichzeitig an, um die lokale Bevölkerung zu stärken und so als Vorbild für andere Dörfer zu dienen.

Ziel ist es, dass Gemeinden möglichst rasch auf eigenen Beinen stehen können, besonders im Krisenfall. So schützen etwa neu angelegte Terrassen vor Erosion und Überschwemmungen der steil abfallenden Hügel, die trotz des unwegsamen Terrains an jeder erreichbaren Stelle für Landwirtschaft genutzt wurden. Ein weiteres großes Problem waren bis vor kurzem Durchfallerkrankungen und Darmparasiten, weil es kaum sauberes Trinkwasser gegeben hat. „Dank neuer Leitungen und Brunnen, aber auch verstärkter Hygienemaßnahmen ist die Situation viel besser, wir haben keine Cholera- und kaum mehr Durchfallerkrankungen“, sagt Aristide Uwayezu vom Ruandischen Roten Kreuz, der in enger Zusammenarbeit mit den österreichischen Kollegen das Projekt koordiniert.

Zur verbesserten Hygiene tragen auch 240 neue Latrinen bei, die im Rahmen des Projekts gebaut wurden. Einer der neuen Brunnen befindet sich direkt neben einer Volksschule im Dorf Kirimbi. Als der Besuch aus Österreich kommt, singen die Kinder – und auch ihre Eltern – begeistert jene Lieder vor, mit denen sie sich die gelernten Hygieneregeln besser merken. Der Brunnen wird tagtäglich genutzt, viele Kinder füllen hier auch Wasser für zu Hause ab – eine Bereicherung für das Dorf und darüber hinaus.

Mehrere Fliegen auf einen Streich schlägt auch die nahegelegene Briketterzeugung. Hier erzeugen Dorfbewohner einen organischen Kohleersatz, der viel sauberer und günstiger ist als der fossile Brennstoff. Mit zwei solchen selbstgemachten Briketts lässt sich Essen für eine fünfköpfige Familie kochen. Das Heizmittel besteht aus organischem Abfall wie Blättern, Pflanzen und Gras, welcher ohne Sauerstoffzufuhr unvollständig verbrannt und mit Torf vermengt wird. Als Briketts gepresst ergeben sie einen effizienten Brennstoff.

„Die Arbeit hat mich wieder aufgerichtet, denn ich habe einen Grund bekommen, das Haus zu verlassen“, sagt Beatrice Imvaka (49), die jahrelang als Witwe die meiste Zeit ohne Perspektive daheim verbracht hat. Sie arbeitet nun einmal pro Woche für einige Stunden in der Briketterzeugung, darüber hinaus auch auf einem Ananasfeld des Roten Kreuz. Wie ihr geht es vielen anderen Frauen in Nyamasheke, denen regelmäßige Arbeit auch ein Stück Selbstbewusstsein und Achtung in der Dorfgemeinschaft zurückgibt. Mit dem Verkauf können sich die Dorfbewohnerinnen auch ein kleines Zubrot verdienen, das sie wiederum in den vom Roten Kreuz ins Leben gerufenen Kooperativen anlegen können. Die Mitglieder zahlen wöchentlich einen kleinen Betrag ein. Mit dem angesparten Geld werden später Mikrokredite vergeben, mit denen etwa getilgt oder Investitionen für die eigene Landwirtschaft getätigt werden.

Am späten Nachmittag werden wir Zeuge eines besonderes Programmpunkts in der Dorfversammlung: Der Tierrotation. Zwei ausgewachsene Schweine sowie zwei Ferkel werden von ihren alten Inhaberinnen an zwei neue Besitzer weitergegeben. Damit lernt die Dorfgemeinschaft, Verantwortung zu übernehmen und langfristig in die Tiere zu investieren. Am späten Nachmittag werden wir Zeuge eines besonderes Programmpunkts in der Dorfversammlung: Der Tierrotation. Zwei ausgewachsene Schweine sowie zwei Ferkel werden von ihren alten Inhaberinnen an zwei neue Besitzer weitergegeben. Damit lernt die Dorfgemeinschaft, Verantwortung zu übernehmen und langfristig in die Tiere zu investieren. Was der Besuch der vielen Einzelprojekte zeigt: Die Hilfe kommt bei den Menschen an. Das sieht man an den strahlenden Gesichtern, an der ehrlichen Freude und an den vielen positiven Wortmeldungen.

Den Menschen geht es tatsächlich besser, seit das Rote Kreuz in der Region aktiv ist. Das haben 83 Prozent aller Dorfbewohner in einer groß angelegten Umfrage in Nyamasheke bestätigt. Das Hilfsprojekt läuft noch bis Ende Juni 2020, dank der umfassenden Trainings wird es von der lokalen Bevölkerung auch darüber hinaus weitergeführt.

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