Reimer Gronemeyer / ThiIe Kerkovius

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Summary: Die bürgerschaftlich getragene Hospizbewegung wird in zunehmendem Maß von Ökonomisierung und Professionalisierung, von Standards, Qualitätskontrollen und Zertifizierungszwängen überlagert. Medizinisch-pflegerische Professionen belagern den Sterbenden, doch hospizliche Arbeit braucht eine Atmosphäre, nicht Kontrolle und Standards. Die Hospizbewegung muss ihr Selbstverständnis neu definieren.

 

„Alternativlos“ ist das Unwort des Jahres 2010. Die Jury unter Leitung des Germanisten Horst Dieter Schlosser hat den Begriff aus 1120 Vorschlägen ausgewählt. „Das Wort suggeriert sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe“, sagte Schlosser zur Begründung.
In den letzten Jahren erleben wir, dass sich die bürgerschaftlich getragene Hospizarbeit in einen palliativen Versorgungsmarkt verwandelt. Diese Entwicklung wird gern als „alternativlos“ dargestellt. Das Korsett, das der Hospizarbeit da gegenwärtig angepasst wird, wird begründet mit dem Hinweis auf Sachzwänge, die nichts anderes zulassen. Das Korsett manifestiert sich in einer zunehmenden Ökonomisierung und Professionalisierung der Hospizarbeit, in der exponentiell wachsenden Abhängigkeit von Standards, in der Unterwerfung unter Qualitätskontrolle und Zertifizierungszwänge und im subalternen Arrangement mit der Palliativmedizin. Im Grunde kann man darin schon lange die Totenglöckchen für die Hospizbewegung läuten hören.

 

 

Zurück bleibt eine fleckenlose, klinisch weiße palliative Versorgungsindustrie“

 


Manche feiern den Übergang von der Hospizarbeit zur Palliativmedizin als den zeitgemäßen Fortschritt und als konsequente Weiterentwicklung. In der SAPV (der spezialisierten ambulanten palliativen Versorgung) ist die Hospizarbeit in besonders unverkennbarer Weise zum Anhängsel einer nunmehr bezahlten medizinisch-pflegerischen Dienstleistung an Sterbenden geworden. Fast kann man den Eindruck haben, als würde nun die Hospizbewegung wie ein alter Fleck aus dem blütenweißen Kittel der palliativen Versorger heraus gewaschen. (Die Hospizarbeit soll dem Betrachter wie eine zivilgesellschaftliche Verschmutzung innerhalb der neuen Ordnung der palliativen Versorgungsindustrie erscheinen.) Zurück bleibt eine fleckenlose, klinisch weiße palliative Versorgungsindustrie.
Die Hospizarbeit als eigenständige soziale Bewegung verschwindet und kann allenfalls in einem toten Winkel der sich durchsetzenden palliativen Praxis überwintern. Man könnte auch sagen: Die ursprünglichen - geradezu revolutionären - Leitgedanken der Hospizbewegung werden mehr und mehr zu einem poetischen (mit dem Geruch des Sentimentalen behafteten) Teil des palliativen Alltags. Der Gesundheitsapparat - mit seinen Interessen und Strategien - hat sich dieses Areal angeeignet. Wie hätte man auch erwarten können, dass dieser Apparat die Finger von dem lukrativen palliativen Wachstumsmarkt lassen würde?
Das Hospizliche wird dabei zur willkommenen Dekoration. Es taugt noch eben für nebulöse Einleitungen oder Schlusssätze bei Power-Point-Präsentationen, die auf Kongressen vorgetragen werden. Man versichert sich gegenseitig unverdrossen der Wichtigkeit dieser Hospizleitgedanken - in getragenem Tonfall, wie es zur Poesie gut passt. Das Hauptstück der jeweiligen Power-Point aber mit dem wirklich handlungsrelevanten Teil wird dominiert

von medizinischen Leitlinien, Expertenstandards und den Normen des Qualitätsmanagements. Das ist das, was im 0ff dann als die „knallharte Praxis“ bezeichnet wird. Man will ja schließlich realistisch sein.


In Palliative-Care-Weiterbildungen, die heute boomen, kommen - so hören wir von Kursleitern - zunehmend Kursteilnehmer mit der Erwartung, schnell und reibungslos mit den notwendigen Fachkenntnissen und Fertigkeiten in P. C. ausgerüstet zu werden. Sie erwarten die Anreicherung mit einer weiteren Spezialkenntnis (vielleicht als Ergänzung zur schon erworbenen Expertise in der Pflege von Apoplexpatienten, der Kinästhetik oder dem Zertifikat für die Teilnahme am Kurs ‚Sturzprophylaxe‘). Die Aufforderung, sich bei solchen Weiterbildungsveranstaltungen mit der eigenen Endlichkeit auseinander zu setzen, stößt auf Erstaunen, manchmal auf Ablehnung. Und dafür die kostbare und kostspielige Kurszeit zu vergeuden, wird eher als eine Zumutung erlebt.

„Das Hospizliche wird zur willkommenen Dekoration“

Interdisziplinarität, eine „heilige Kuh“ des ursprünglichen Hospizgedankens, wird munter weiter postuliert. In der Praxis dominieren längst die medizinisch-pflegerischen Professionen. In Insiderdiskussionen wird erwogen, ob man es sich noch leisten könne, in stationären Hospizen neben examinierten Krankenpflegekräften auch Altenpflegerinnen zu beschäftigen. Man befürchtet, dass die medizinisch nicht fit genug sind. Interdisziplinarität kommt allenfalls noch vor wie in einem klinischen Konzil: Es werden verschiedene Experten versammelt, die dann aus ihrem jeweiligen Fachgebiet einen Aspekt beitragen, der mit dem stillschweigenden Zusatz versehen ist: Das Andere geht mich nichts an, davon verstehe ich nichts. In guter neopositivistischer Tradition wird versucht, das ganze Geschehen über die Summe ihrer Teilaspekte in den Blick und den Griff zu bekommen.
Der Hospizgedanke war aber (und ist es in Resten noch) ein phänomenologischer: Zuerst muß der ganze Mensch in seiner großen Lebenskrise begriffen werden. Erst dann kann ich mich um Teilaspekte kümmern. Interdisziplinarität war gedacht als eine Haltung - am Besten als Erfahrungswissen und Empathiefähigkeit in einer Person „versammelt“. So war das in den Programmen der Paillative-Care-Weiterbildungen auch einmal angelegt ∗.  In der Versammlung der Experten und Spezialistenmeinungen ist dieses ursprüngliche Anliegen, zunächst den ganzen Menschen in seiner wahrscheinlich größten Lebenskrise wahrzunehmen und zu verstehen, nicht mehr im Spiel.
Die ursprüngliche „Innenorientierung“ weicht zunehmend einer „Außenorientierung“. Ursprünglich haben Hospizteams den Sinn, ja die ‚Qualität‘ ihrer Arbeit an den internen gemeinsamen Idealen von Hospizarbeit gemessen. Diese Ideale waren mit der Zeit in einer persönlichen Auseinandersetzung der einzelnen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit den Fragen um Leben und Tod gewachsen. „Machen wir es gut?“ war eine solche Frage.

Heute weicht diese Orientierung an internen Idealen den immer rigideren äußeren Vorgaben, die da heißen: Normierung, Qualitätssicherung, Expertenstandards etc. Die TÜV-Plakette oder das Zertifizierungszeugnis am Eingang des Hospizes oder auf den Hausprospekten werden über kurz oder lang wie beim Einsternerestaurant suggerieren: Die Tester waren hier und haben geprüft und für gut befunden. Die Leitfragen heißen dann plötzlich nicht mehr: „Machen wir es gut?“, sondern: „Machen wir es richtig?“
Maßstab dafür sind notwendigerweise die von außen kommenden Vorgaben. Das verändert die Motivation der Betreuer. Eine von internen Idealen geleitete Motivation ist eine andere, als die an äußeren Vorgaben orientierte. Und eine solche Orientierung an äußeren und abstrakten Normen ist immer unpersönlich. Das erschwert den individuellen Zugang zum Patienten. In dieser inneren Motivation war auch ein Bewusstsein verankert von der Begrenzung unserer Möglichkeiten bei der Betreuung. Man hatte registriert, dass wir als selber Sterbliche dieser Grenzsituation immer nur provisorisch begegnen können. Vielleicht ist an dieser Stelle Platz für den altertümlichen Begriff der Demut. Diese Begegnung in der Haltung eines respektvollen Provisoriums weicht bei einer Außenorientierung und der Frage: „Machen wir es richtig?“ einem Gefühl der technischen Unzulänglichkeit. Denn schließlich macht man nie alles richtig und auch nie genug. Dabei werden Teams atemlos. Verloren gehen dabei auch Gelassenheit und Unaufgeregtheit. Qualitäten von großer Bedeutung für die ernsthafte Hospizbetreuung.
Grundlegendes Wesensmerkmal einer ernsthaften Hospizbetreuung müsste aber das Bemühen um eine wirklich individuelle Betreuung sein. Das ist zum einen die wirklich individuelle Begegnung zwischen Patient und Betreuer, die getragen sein muss von dem uneingeschränkten Verständnis für die einzigartige Situation, der man da begegnet. Aber auch die Institution selbst, das Hospiz, braucht diesen einzigartigen Charakter, braucht eine Individualität, ein Gesicht mit Falten des gelebten Lebens. Hospiz und hospizliche Arbeit braucht eine Atmosphäre, die nicht aus der Kontrolle, aus dem Standard, aus dem Katalog für medizinisch-pflegerisches Equipment kommen kann.

 

TÜV-Plakete am Eingang des Hospizes

 

 Man kennt diesen merkwürdigen Zwiespalt, der den noch empfindsamen Besucher von Pflegemessen oder einschlägigen Kongressen überfällt: Die Pflege- und Sterbeausrüster mit ihren immer raffinierteren Betten, Hebekränen und Geräten, die mit Luft oder Essen beliefern und den Eindruck erwecken, das Lebensende stelle noch einmal vor große technische und konsumistische Herausforderungen. Manchmal kann man sich der Vorstellung nicht entziehen, dass eine empörter Jesus (wie in Markus 11) eintreten möge und diese Händlertische auf die Straße wirft …


Und dass dieser Jesus vielleicht noch in einer Variation auf Markus 11 ausrufen würde: Ihr habt das Hospiz zu einer Räuberhöhle gemacht.

Diese Individualität der Einrichtungen, ihre eigene Atmosphäre, ihr „Geschmack“, wird durch qualitätsnormierte Gleichschaltung, durch Zertifizierungen und Standards unmöglich gemacht. Qualitätsnormen wirken dann wie Make-up für dieses Gesicht: Es entsteht eine schöne glatte Oberfläche, aber von gelebtem Leben und Individualität keine Spur mehr! Immer wieder hören wir von den Gästen (Patienten und Angehörige) wie wichtig neben der persönlichen Beziehung zur Betreuungsperson diese unverwechselbare Atmosphäre des Hauses ist. Gerade dadurch entsteht Geborgenheit und die Chance, dass Menschen das Hospiz zum vertrauten Lebensort für die letzte und so wichtige Lebensphase machen können. Zertifikate, Gütesiegel, Hochglanzbroschüren und ein „Einser“ vom MDK spielen für dieses Gefühl kaum eine Rolle. Die sind wichtig beim „Patienten-Fishing“ auf dem immer heftiger umkämpften Markt.
Es sieht so aus als wenn sich die Hospizbewegung auf eine Weichenstellung zubewegt, an dem sie ihr Selbstverständnis neu definieren muss und sich über ihre zukünftige Richtung klar werden muss: Sie muss entscheiden, ob sie sich als neue Fachdisziplin im Kanon der vielen anderen medizinischen Fachdisziplinen verstehen will oder ob sie sich — durchaus in enger, von gegenseitiger Wertschätzung getragenen Kooperation — aber außerhalb des spezialistischen und empiristischen Grundverständnisses des Medizinbetriebs verorten will. Der Grundgedanke ist ja ein phänomenologischer, der dem empiristischen Grund- verständnis des etablierten Medizinbetriebes entgegen steht und das Anliegen hat, Zugang zu Menschen in ihrer größten Lebenskrise und zu dieser existenziellen Dimension zu bekommen.
Die Hopizbewegung war und ist eine der bedeutendsten sozialen und zivilgesellschaftlichen Bewegungen der letzten Jahrzehnte. Die Enttäuschung vieler Hospizler über die Richtung, die jetzt eingeschlagen wird, ist groß. Eine ‚flächendeckende‘, standardisierte Palliativversorgung, wie sie jetzt auf den Weg kommt, verankert das Bedürfnis nach einer neuen Dienstleistung in einer schnell wachsenden Zahl von Menschen; eine Dienstleistung, die sich über kurz oder lang als nicht massenhaft bezahlbar herausstellen wird. Wenn dann die Motivation, die Leidenschaft und die Phantasie der Hospizler dann noch nicht zum Schweigen gebracht ist, wird vielleicht die Stunde einer nicht vergeldlichten Hospizbewegung erneut schlagen... Darauf ist zu hoffen.

 

Kontakt:


Thile
Kerkovius
Haus Maria Frieden
Auf der Hub 1
77784 Oberharmersbach
info@haus-mariafrieden.de


Prof. Dr. Dr.
Reimer
Gronemeyer
Justus-Liebig-Universität
Institut für Soziologie
Karl-Glöckner-Str. 21 E
35394 Giessen

 

∗ Dieser Gedanke wird unseres Erachtens vor allem noch in den Weiterbildungen am IFF (Abteilung für Palliative Care und Organisationsethik) in Wien von Andreas Heller und seinem Team lebendig gehalten.

 

Herzlichen Dank dem "der hospiz verlag" für die freundlich Genehmigung den Beitrag "Hospizarbetz ohne Alternativen?" aus der Zeitschrift "die hospiz zeitschrift" 13. Jahrgang Nr. 47 - 1/2011 Seite 13-15 hier veröffentlichen zu dürfen.

Link: www.hospiz-verlag.de

 

 

Literatur zur "Ökonomisierung der Arbeit im Gesundheits- und Sozialbereich":

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