18.09.2019 12:24

Aus Liebe zum Menschen: Neue Wege in der Pflege

Die Zahl pflegebedürftiger Personen steigt und mit ihr der Bedarf an Menschen in Pflege- und Betreuungsberufen. Um Menschen für dieses sinnstiftende Berufsfeld zu begeistern, sind Politik und Gesellschaft gefordert, die Rahmenbedingungen zu attraktiveren und das Ansehen der in dieser Branche tätigen Personen zu verbessern. Auch unsere Gesellschaft ist gefordert, Verantwortung im sozialen Umfeld zu übernehmen und die Gesundheitskompetenz innerhalb der Bevölkerung zu stärken.

Aus Liebe zum Menschen: Neue Wege in der Pflege
Foto: ÖRK / Giovanni Castell

Unsere Gesellschaft befindet sich im Wandel: Immer mehr Menschen sind auf Pflege und Betreuung angewiesen, um ihren Alltag möglichst lange in gewohnter Umgebung bewältigen zu können. Die steigende Lebenserwartung wirkt sich unmittelbar auf den Personalbedarf in den Pflege- und Betreuungsberufen aus. Berechnungen des Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO zufolge, braucht Österreich bis zum Jahr 2030 rund 24.000 und bis 2050 etwa 79.000 zusätzliche Pflegekräfte alleine im Bereich der mobilen und stationären Pflege und Betreuung. Aktuellen Zahlen zufolge sind derzeit rund 63.000 Personen in diesen Bereichen beschäftigt, rund 80 % davon sind Frauen. Unter Berücksichtigung der Teilzeitquote entspricht das 45.000 Vollzeitarbeitsplätzen. In den vergangenen Jahren absolvierten österreichweit jährlich rund 6.000 Personen eine Pflege-Ausbildung – zu wenig, wenn nicht deutlich gegengesteuert wird. „Bereits in der aktuellen Situation ist es nicht immer einfach, genügend qualifiziertes Personal zu finden“, weiß Mag. Monika Wild, Leiterin der Gesundheits- und Sozialen Dienste im Österreichischen Roten Kreuz. Zu leistende Überstunden und Mehrleistungen wirken sich auch auf die Arbeitszufriedenheit der in der Pflege und Betreuung beschäftigen Mitarbeiter aus. „Auch wenn das Rote Kreuz sehr gute Werte in Punkte Zufriedenheit und Verweildauer seiner Mitarbeiter vorweisen kann, sind Politik und Gesellschaft gefordert, Pflegeberufe attraktiver zu gestalten. Im Mittelpunkt einer Pflegereform müssen neben Ausbildungs- und Umschulungsoffensiven vor allem Maßnahmen stehen, die den Pflegeberuf attraktiver machen“, meint sie. 

 

Reform der Ausbildung und gesellschaftliche Aufwertung von Pflegeberufen

„Aktuell entscheiden sich zu wenige Menschen für einen Pflegeberuf. Das liegt oft an den derzeitigen Einschränkungen in der Ausbildung“, findet Wild. Ziel muss es daher u. a. sein, das positive und sinnstiftende Bild der Pflege in der Öffentlichkeit zu stärken sowie die Arbeitsbedingungen für Pflegeberufe im Allgemeinen zu verbessern. Das Rote Kreuz schlägt deshalb vor, die Ausbildungswege für Pflegeberufe zu verbreitern, sowie das Freiwillige Soziale Jahr für den Einstieg junger Berufsanfänger zu öffnen. Eine Reform der Ausbildungsrichtlinien sowie eine Aufwertung der einzelnen Berufsbilder mit gleichzeitiger Erweiterung der jeweiligen Kompetenzen ist ein Gebot der Stunde. Auch bei der Finanzierung der Pflegeausbildung gilt es, neue Wege zu gehen. „Ein Stipendiensystem für alle Ausbildungen im Pflegesystem wäre sicherlich attraktiv, da Späteinsteiger oder Umsteiger im Sinne der Höherqualifikation schlichtweg noch zu wenig Berücksichtigung finden“, meint Wild. Zusätzlich schlägt sie vor, die Karrierechancen einzelner Mitarbeiter zu erhöhen. „Pflegeberufe stiften Sinn und sind attraktiv. Die Mitarbeiter leisten einen enormen Beitrag für unser Gemeinwohl“, argumentiert Wild.

 

Pflegeberufe sind krisensichere Arbeitsplätze

Trotz zunehmender Digitalisierung im Gesundheitswesen, Innovationen im Bereich der Pflegeroboter oder im Bereich der elektronischen Alltagsunterstützung (Ambient Assisted Living) sind Pflegeberufe krisensichere Arbeitsplätze. „Die neuen Technologien unterstützen Mitarbeiter in ihrem Berufsalltag, ersetzen aber keinesfalls einen Arbeitsplatz“, ist sich die Rotkreuz-Expertin sicher.

 

Pilotprojekte stärken die soziale Verantwortung in der Gesellschaft

Um den Wandel der Gesellschaft in der Zukunft positiv begleiten und gestalten zu können, braucht es eine auch eine neue Form der Sorgekultur. Hier übernimmt das Rote Kreuz Verantwortung im Sinne des Gedankens der selbststeuernden Nachbarschaftshilfe. Ein Beispiel dafür ist das Projekt „Caring Communities“, welches das Rote Kreuz in Kooperation mit der Universität Graz österreichweit umsetzt. Einzelne Pilotprojekte laufen derzeit beispielsweise in der Region Eferding, wo sich neben der Bezirkshauptstadt auch die Gemeinden Fraham, Hinzenbach und Pupping beteiligen aber auch in Niederösterreich. „Das Ziel ist, Impulse zur gelebten Nachbarschaftshilfe zu geben sowie soziale Netzwerke zu spannen und zu stärken. Das Füreinander und Miteinander steht dabei im Mittelpunkt,“ erklärt OÖ. Rotkreuz-Landesgeschäftsleiter-Stv. Thomas Märzinger.

 

Große Bandbreite der Hilfe

Die Bandbreite der Leistungen im Bereich Pflege und Betreuung des OÖ. Roten Kreuz ist groß. Sie reicht von der Mobilen Pflege und Betreuung, der 24-Stunden-Personenbetreuung mit der Partnerorganisation Altern in Würde bis hin zu Tageseinrichtungen wie Betreutem bzw. Betreubarem Wohnen. Die Mitarbeiter der Freiwilligen Soziale Dienste stärken das soziale Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Dazu zählen Rotkreuz-Märkte, Besuchs- und Begleitdienste, Betreutes Reisen, Essen auf Räder, die Rufhilfe, Hospiz- und Palliativteams usw. „Unser Leistungsangebot ist umfangreich und dementsprechend vielfältig. Die freiwilligen Mitarbeiter leisten mit ihrem täglichen Engagement einen enormen Beitrag für das Funktionieren einer aktiven Zivilgesellschaft“, meint OÖ. Rotkreuz-Präsident Dr. Walter Aichinger.

 

Herausforderungen der Zukunft

„In den kommenden Jahren wird und muss Pflege und Betreuung eine weitaus größere Rolle einnehmen, als es jetzt noch der Fall ist. Die Menschen werden immer älter und benötigen immer individuellere Unterstützung in ihrem Alltag“, erklärt Aichinger weiter. „Gleichzeitig bleibt der jüngeren Generation immer weniger Zeit, ihre Angehörigen zu pflegen. Als OÖ. Rotes Kreuz müssen wir uns darauf vorbereiten und verschiedenste Modelle entwickeln, damit wir auch künftig auf die Bedürfnisse der Bevölkerung eingehen können“, zeigt der OÖ. Rotkreuz-Präsident auf. Die landesweit größte humanitäre Hilfsorganisation macht es sich zur Aufgabe, Menschen in möglichst vielen Lebenslagen zu begleiten und für sie da zu sein, wenn sie Hilfe benötigen. Mehr: www.roteskreuz.at/ooe/pflege-betreuung oder unter Tel. 0732/7644.

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