12.10.2001 22:14

Ausgespendet?

Ein Kommentar von Fredy Mayer, Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes. Erschienen in "Der Standard" vom 12. Oktober 2001

Auf dem Screensaver meines Computers läuft ein Satz von Ambrose Bierce. Er lautet: "Ein Zyniker ist ein Schuft, dessen mangelhafte Wahrnehmung Dinge sieht, wie sie sind, statt wie sie sein sollten."


Der Zynismus ist dieser Tage wohl eine unserer großen Versuchungen.

Während minimale Summen für humanitäre Hilfsoperationen andernorts nicht aufzutreiben sind, belaufen sich die Spendeneingänge für die Opfer der Attentate in New York und Washington inzwischen schon auf rund neun Milliarden Schilling, Spenden aus Europa inklusive. Das ist sechsmal mehr als unsere amerikanische Schwestergesellschaft für die Opfer des Hurrikans Andrew gesammelt hat. Drei Milliarden Schilling an Spenden verzeichnete allein das Amerikanische Rote Kreuz bis Ende Oktober (verglichen mit 150 Millionen nach dem Bombenanschlag in Oklahoma).
Pech für hungernde Pensionisten in Tschetschenien; für unsere Gesundheits- und Aids-Präventionsprogramme in Afrika; für die Wiederinstandsetzung von Wasserversorgungsanlagen in Asien; für die Menschen in Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan und anderen medialen Weitwegistans, deren Krieg oder Katastrophe gerade nicht in die politische Mode passt.

Es geht hier nicht darum, Opfer oder Leid gegeneinander aufzurechnen. Es geht um so etwas wie Verhältnismäßigkeit. Und um Vernunft beim Geben: Denn zahlreiche Katastrophenhilfe-Organisationen in den USA sitzen jetzt auf dem zweckgewidmetem Spendengeld, weil die Hilfstätigkeiten, auf die sie spezialisiert sind (etwa rasche Beistellung von Nahrungsmitteln, Notunterkünften und sauberem Wasser), in Manhattan üblicherweise eher selten benötigt werden.

Die Sorge nicht nur des Roten Kreuzes, sondern auch vieler anderer humanitärer Hilfsorganisationen, ist naturgemäß: Angesichts der genannten Summen sind die Menschen "ausgespendet"; und die angespannte wirtschaftliche Situation wird das Übrige dazu tun, um die Aussichten zur Finanzierung anderer dringender Hilfsoperationen grimmig zu gestalten.

Für Afghanistan bittet das Internationale Komitee vom Rote Kreuz (IKRK) - jener Teil unserer Bewegung, die in Kriegsgebieten zum Einsatz kommt - nun um 470 Millionen Schilling. Das IKRK hat - auch mit finanzieller und personeller Unterstützung aus Österreich - seit mehr als 20 Jahren eine gut funktionierende Hilfsoperation in Afghanistan. Die Hilfe geht auch während der Bombardierungen weiter. Und wird während des kommenden Winters weitergehen müssen.

Im Gegensatz zu vergangenen Jahren wird das Geld diesmal - angesichts der pausenlosen Fernsehbilder und des politischen Drucks ("Es ist ja niemand gegen die afghanische Bevölkerung") - schon hereinkommen. Einerseits müssen wir also froh sein, dass die Augen der Welt ein paar Wochen lang auf Afghanistan gerichtet sein werden. Andererseits werde ich den Satz in meinem Screensaver trotzdem nicht so schnell ändern.

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