13.10.2001 11:04

Brot und Bomben

Ein Kommentar von Fredy Mayer, Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes. Erschienen in "Die Presse" vom 13. Oktober 2001

 

Millionen Afghanen sind vom Hunger bedroht. Aber europäische Hilfsorganisationen kritisieren Hilfsgüter-Abwürfe aus der Luft für Menschen, von denen sich Tausende nur mehr von Gras ernähren. Ist das in irgendeiner Weise gerechtfertigt?

Die Unzulänglichkeit der Methode "Air dropping" ist bekannt. Das Rote Kreuz zieht es grundsätzlich vor, keine langen Fäden zu ziehen, nicht da ein paar Lastautos hinzuschicken und dort etwas aus dem Flugzeug fallen zu lassen. Wir möchten den Bedarf an Hilfe vor Ort erheben, adäquat abdecken und danach - wir sind ja unseren Spendern Rechenschaft schuldig - das Ergebnis evaluieren. Vor allem aber möchten wir nahe bei den Opfern bleiben. Airdrops sind nur ein letztes Mittel, für Situationen vorgesehen, in denen wir die Hilfe nicht mehr anders zu den Opfern bringen können. Genau deswegen gewinnen die Abwürfe jetzt für kurze Zeit an Bedeutung: Die internationale Hilfe ist reduziert, nicht jede Organisation hat - so wie das Rote Kreuz - noch 1000 einheimische Mitarbeiter vor Ort. Kurzfristig und angesichts des Ausmaßes der Katastrophe beantwortet sich die Frage daher von selbst: Jede Hilfe, die ankommt, ist zu befürworten.

Mittelfristig geht es aber gar nicht so sehr um die Airdrops. Sondern um eine Entwicklung, die das Rote Kreuz schon seit langem mit Sorge beobachtet: Die Hilfsgüter-Abwürfe über Afghanistan sind Teil eines politisch-militärischen Programms vor dem Hintergrund eines Konzepts, das "gerechter Krieg" heißt. Diese Idee gewinnt nicht erst seit der Kosovo-Krise 1999 an Boden. Man spricht dabei von humanitären Zielen, um humanitäre Katastrophen zu verhindern. Alles ist plötzlich humanitär: Die Konvois, die Korridore, die Kriege selbst. Krieg ist aber von seinem Wesen her immer mit einem Freund-Feind-Schema verbunden. Humanitäre Hilfe dagegen muss von ihrem Wesen her neutral, unparteilich und unabhängig sein.

Hilfe kann man niemandem aufzwingen, aber in den allermeisten Fällen ist es möglich, durch Überzeugungsarbeit ein bestimmtes Maß davon durchzubringen. Afghanistan ist dafür ein gutes Beispiel. Das Rote Kreuz ist dort seit 20 Jahren präsent, passiert Checkpoints, besucht Gefangene, betreibt Spitäler und Orthopädiezentren, setzt die Wasserversorgung wieder instand. Und das geht nur, weil das Rote Kreuz als neutrale, unparteiliche und unabhängige Hilfsorganisation das Vertrauen und die Akzeptanz aller Parteien genießt.

Beides ist in den heutigen Kriegen - in denen die Beteiligten meist keine regulären Soldaten sind und daher nicht gelernt haben, was die Genfer Konventionen sind - schon schwer genug herzustellen. Die immer stärker verschwimmende Trennung zwischen politisch-militärischer und humanitärer Aktion fördert das Bild einer neutralen, unparteilichen und unabhängigen Hilfe vor Ort ganz bestimmt nicht. Das ist eine immanente Gefahr nicht nur für alle zukünftigen Hilfsaktionen, sondern auch für alle heute schon bestehenden.

Afghanistan ist jetzt ein stark beachteter Konflikt. Die meisten der mehr als 50 bewaffneten Konflikte, in denen das Rote Kreuz heute tätig ist, haben keine mediale Präsenz. Solange die internationale Gemeinschaft allzu scheu ist, diese Krisen mit politischen Mitteln in den Griff zu bekommen, muss das Rote Kreuz dort arbeiten können. Und das funktioniert nur, wenn die Hilfe keine Partei ergreift, keine Unterscheidung zwischen den Opfern vornimmt, ausschließlich nach dem Maß der Not hilft, nur im Interesse der Opfer handelt und dabei keine versteckten Hintergedanken politischer Natur hat.

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