12.03.2002 11:08

Hier können wir doch nicht bleiben

Wer den Mund spitzt, muss auch pfeifen. Den vielen Worten zum Thema Hospiz müssen Taten folgen. Ein Kommentar von Fredy Mayer, Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes. Erschienen in "Die Presse" am 12. März 2002

Das Rote Kreuz eröffnet heute sein Helga Treichl-Hospiz in Salzburg - eine weitere Stimme im Konzert der zahlreichen Organisationen in Österreich, die sowohl stationär als auch mobil auf dem Gebiet der Sterbebegleitung arbeiten. Dieses Engagement darf allerdings über eines nicht hinwegtäuschen: Wenn Hospize kein Modethema für Sonntagsreden bleiben sollen, sind substantielle Änderungen im Gesundheitswesen notwendig.


Fünf Dinge müssen geschehen:

  • Erstens: Die Prinzipien von Palliative Care und die Grundsätze der Hospizidee müssen in allen Einrichtungen des Gesundheitswesens implementiert werden. Hospize und Palliativstationen müssen als Lern- und Forschungsorte und somit als Vorzeigeeinrichtungen im Gesundheitssystem fungieren.


  • Zweitens: Freiwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind ein entscheidender Bestandteil der Hospizarbeit. Sie sind es, die Sterbebegleitung erst wirklich zu zwischenmenschlicher Begegnung machen. Freiwillige Arbeit ist von besonderer Alltagsnähe gekennzeichnet, von Freiwilligen werden Qualitäten eingebracht, die so von angestellten Mitarbeitern nicht erbracht werden können. Daher müssen Ausbildung, professionelle Begleitung und Supervision von Freiwilligen sichergestellt werden.


  • Drittens: Derzeit wird in Österreich die Einrichtung von Palliativstationen am Krankenhaus gefördert, weil deren Finanzierung durch den Österreichischen Krankenanstalten- und Großgeräteplan (ÖKAP/GGP) gesichert ist. Für Hospize und mobile Hospizbetreuung gibt es kaum Geld. Aber auch Hospizbetten mit palliativer Betreuung in Pflegeheimen müssen im Sinne bedarfsorientierter Betreuung durch öffentliche Regelfinanzierung abgesichert werden.


  • Viertens: Mangelhaftes Schnittstellenmanagement – medizinische und pflegerische Versorgung greifen sachlich und zeitlich nicht ineinander – führt zu deutlicher Qualitätsminderung und zu Reibungsverlusten. Um die Betreuung der Patienten bedarfsgerecht zu gestalten, müssen Brückenteams zwischen den verschiedenen Versorgungseinrichtungen (Krankenhäuser, Hausärzte, Tageshospiz, Hauskrankenpflege usw.) etabliert werden. Diese Formen einer strukturierten und übergreifenden Zusammenarbeit müssen geschaffen und finanziert werden.


  • Fünftens: 83 % der Menschen in Österreich wünschen sich, daheim zu sterben. Um diesen Wünschen zu entsprechen, ist der Ausbau von mobilen, interdisziplinären Support-Teams zu forcieren, die eng mit allen bestehenden Versorgungseinrichtungen (mobile Hospizteams, Hauskrankenpflege, Krankenhäuser, Pflegeheime, etc.) kooperieren.

Die Qualität eines Gesundheitswesens lässt sich daran ablesen, wie es mit den chronisch Kranken und den Sterbenden umgeht. Nochmals Heinrich Heine, diesmal differenzierter: Sterben ist kein Unglück, aber jenes jahrelange Leiden, ehe man es dahin bringt, zu sterben. Dieses Leiden zu verhindern oder wenigstens zu lindern sollte im allgemeinen Interesse sein. Denn hier können wir doch nicht bleiben.

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