05.08.2002 11:15

Afrikas Morgendämmerung

Afrika ist nicht nur Hunger und Krieg, auch wenn wir jetzt helfen müssen. Ein Kommentar von Fredy Mayer, Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes. Erschienen in "Die Presse" am 5. August 2002

Schon wieder Afrika. Millionen Menschen vom Hungertod bedroht. Eine ganze Elterngeneration von AIDS ausgelöscht. Zehntausende Großeltern bringen Hunderttausende Waisen hoch, ohne Nahrung, ohne Einkommen, ohne Medikamente, ohne Hoffnung. Die Hilfe: ein logistischer Alptraum für die humanitären Organisationen. Dabei hat – im klinischen Sinne – das Massensterben wegen des Hungers noch nicht einmal begonnen. Ohne Hoffnung dürften aber auch die privaten und institutionellen Spender in Österreich sein (jedenfalls haben sie sich bislang noch nicht rasend hervorgetan). Ein Grund dafür ist, dass die aktuelle Not scheinbar wieder dem kleinformatigen Bild Afrikas entspricht, das aus viel Krieg und Katastrophen, etwas Mitleid, einem Schuss Exotik und wenig Hintergrundinformation besteht. Und wo die zweite göttliche Tugend fehlt, da gibt man eben nicht gerne hin.


Aber so ohne Hoffnung ist die Lage nicht. Wer es sich zur Aufgabe macht, menschliches Leid ausschließlich nach dem Maß der Bedürftigkeit zu lindern, muss die Wurzeln des Übels zwar oft bewusst ignorieren. Und im südlichen Afrika muss jetzt zuallererst unverzüglich geholfen werden, wenn wir nicht in absehbarer Zeit wieder Fernsehbilder wie aus dem Äthiopien des Jahres 1984 im Wohnzimmer haben wollen. Das aktuelle Bild Afrikas südlich der Sahara etwas zurechtzurücken ist aber auch uns nicht untersagt.

Dass es Afrika während Jahrzehnten nicht gerade einfach gemacht wurde, auf die Beine zu kommen, und dass der Westen erst im Lauf der vergangenen Dekade einige schlechte Angewohnheiten gegenüber dem schwarzen Kontinent abgelegt hat, ist evident. Zuerst war man lange Zeit gar nicht unglücklich darüber, dort seine Stellvertreterkriege auszutragen, Ganoven zu Staatsmännern hochzupeppeln, sich an Waffenverkäufen zu bereichern und damit auch noch die Schuldenberge zu vergrößern. Noch heute müssen sich einige Neoliberale selbst an der Nase nehmen, denn ein Blick in die Wirtschaftszeitungen zeigt: Würden in Nordamerika, Europa und Japan die Importschranken für Afrika fallen, könnten die Länder der Sub-Sahara ihre Exporte um 14 Prozent steigen. Geldwert: 2,5 Milliarden Euro pro Jahr. Die Agrarzuschüsse in der entwickelten Welt machen mehr als 360 Milliarden Euro pro Jahr aus – das sind 30 Milliarden mehr als Afrikas gesamtes BNP. Und während die Preise für Exportgüter aus der westlichen Welt gestiegen sind, sind sie für solche aus Sub-Sahara-Staaten alleine zwischen 1997 und 1999 um ein Viertel gefallen.

Auch vor diesem Hintergrund sind die relativen Erfolgsstories Afrikas –Botswana, Ghana, Mosambik, Senegal, Tansania, Uganda – zu sehen. Und trotz der Hindernisse beginnt eine Morgendämmerung in Afrika. Größtes Entwicklungshindernis ist unbestritten immer noch die Tatsache, dass zu viele seiner Staatsführer ihre Länder als Privateigentum ansehen. Doch einige Staatslenker um den südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki sprechen auch von, „einer kritischen Untersuchung der postkolonialen Erfahrungen in Afrika“ und von der „Akzeptanz, dass bestimmte Dinge künftig anders getan werden müssen“. Und die eben erst gegründete „Afrikanische Union“ will in mehrfacher Hinsicht darangehen, auch eine weniger blutige Zukunft des Kontinents sicherzustellen. Afrika ist nicht nur Hunger und Krieg. Auch, wenn dieses Bild des Kontinents bei uns immer noch dominiert. Auch, wenn wir – wie jetzt – mit Nothilfe eingreifen müssen, bis das Schlimmste vorüber ist.

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