12.10.2002 11:18

Alternde Gesellschaft – ohne Vision?

Gastkommentar zum Thema Pflegebedürftige Menschen von Dr. Werner Kerschbaum, erschienen in „Die Presse“ vom 12.10.2002

In rund 20 Jahren wird ein Drittel aller ÖsterreicherInnen älter als 60 Jahre sein. Demoskopen, Gesundheitsexperten und Politiker aller Parteien lassen fast keine Gelegenheit aus, um uns mit diesen Fakten zu konfrontieren. Eine Konsequenz dieser alternden Gesellschaft – ich verwehre mich gegen den Begriff der „überalterten Gesellschaft“ – wird das sprunghafte Ansteigen von Pflegebedürftigen sein. Bereits in den nächsten 10 Jahren wird sich die Zahl der hilfs- und pflegebedürftigen Menschen um ein Drittel auf 800.000 erhöhen, d.h. jeder 10. Österreicher wird dann auf Hilfe und Unterstützung angewiesen sein.


Die augenblickliche Versorgung von pflegebedürftigen Menschen in Österreich ist aufgrund des Mangels an Pflegekräften nicht mehr zufriedenstellend. Schlimmeres verhindern derzeit die intakten familiären Netzwerke, die 80 % des Pflegebedarfs ohne Hilfe von außen bewältigen. Eine Situation, die angesichts der zu erwartenden Steigerung und der sich verändernden gesellschaftlichen Strukturen wie Scheidungsrate, Berufstätigkeit der Frauen, erhöhte Mobilität und weniger Personen pro Haushalt nicht zu halten sein wird.

Die Diagnose ist also klar und es gibt auch entsprechende Therapievorschläge. Diese reichen von der allgemeinen Forderung „ambulant vor stationär“ - bis zu Reformvorschlägen im Ausbildungswesen für Pflegeberufe und einer Neudefinition der Rolle des Hausarztes, um nur einige zu nennen. Langsam setzt sich in diesem Bereich auch die Notwendigkeit systemischen Denkens durch. Es ist unmöglich, isolierte Maßnahmen zu setzen, da jede Maßnahme wie in einem Räderwerk Auswirkungen auf andere Systembereiche hat.

In der laufenden Diskussion, die ihren Niederschlag in diversen Gesundheitsplänen und -programmen findet, fehlt jedoch ein wesentlicher Baustein, nämlich eine klare Zielsetzung, die genau definiert, wo die Entwicklung hingehen soll und an welchen konkreten Meilensteinen der Erfolg gemessen wird. In repräsentativen Umfragen haben Herr und Frau Österreicher ihren diesbezüglichen Wunsch bereits sehr konkret formuliert: 85 % aller ÖsterreicherInnen wünschen sich, dass sie zu Hause sterben können. Die derzeitige Wirklichkeit sieht jedoch ganz anders aus: nur für 35 % aller ÖsterreicherInnen geht dieser existentielle Wunsch tatsächlich in Erfüllung!

Mein Vorschlag: Stellen wir dieses elementare Bedürfnis als messbares und damit kontrollierbares Ziel an den Beginn aller Maßnahmen. Im Sinne einer konsequenten Kundenorientierung sollten wir dann darüber nachdenken, mit welcher grundlegenden Strategie diese Vision erfüllbar wäre (z.B. prioritärer Ausbau der ambulanten Strukturen, Tagesbetreuungsstätten, Aufwertung der Pflegeberufe, Schnittstellenmanagement). Erst danach ergeben einzelne Maßnahmen einen Sinn, weil sie sich jeweils auf ein übergeordnetes Ziel und eine klare Strategie beziehen würden.

Mit einer klaren Vision vor Augen schafft man die notwendige, nachhaltige Begeisterung für die Bewältigung großer Aufgaben. 140 Jahre Rotes Kreuz sind ein gutes Beispiel dafür. Die Vision, Not und Leid zu lindern und den Verwundbaren in der Gesellschaft zu helfen, hat die weltweit größte humanitäre Organisation entstehen lassen. Und mit einem klaren Ziel vor Augen gelingen auch große Vorhaben. Die existentiellen Wünsche der Menschen für ihr Lebensende zu erfüllen, ist ein derartiges Vorhaben.

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