24.03.2003 11:41

Die Mär vom Krieg ums Wasser

Konflikte um Wasser haben das Potenzial, Kooperationen zu fördern - selbst unter Staaten, die sich sonst wenig zu sagen haben. Gastkommentar von Rotkreuz-Präsident Fredy Mayer erschienen in der Tageszeitung die Presse am 24. März 2003.

Wenn der scheidende Chef des UN-Umweltprogramms (UNEP) Klaus Töpfer anlässlich des Weltwassertages die Augen der Welt auf die tödlichen Folgen des Problems lenkt, dass rund 1,1 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, ist das ehrenwert und notwendig. Wenn er gegenüber den Medien eine tickende "Wasserbombe" beschwört, dann gleitet die Debatte aber leider in puren Sensationalismus ab. Denn dass, wie die Weltbank vor zehn Jahren erstmals behauptet hat, die Kriege der Zukunft nicht um Öl, sondern um Wasser geführt werden, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch.

Süßwasser ist zwar ein strategisches Gut. Es ist nur in gewissen Grenzen erneuerbar und durch keine andere Ressource zu substituieren. In wasserarmen Ländern ist es ein Faktor, der die wirtschaftlichen Entwicklung hemmt. Es überschreitet nationale Grenzen und wird dadurch zum Thema für Politik und Wirtschaft. Wasser wird - vor allem durch den Entzug - in der Tat auch als Waffe eingesetzt. Die Zerstörung von Wasserversorgungs-Anlagen gilt zu Recht als Kriegsverbrechen. Trotzdem war Wasser bisher praktisch nie ein Kriegsgrund, sieht man vom Konflikt zwischen Urlama, König von Lagash, und seinem Rivalen Umma ab, dem ersterer durch die Umleitung von Euphrat und Tigris das Wasser abgrub - aber das war vor 5000 Jahren.

Wasser als Motor für Kooperationen

Seither warten die Wasser-Bellizisten dieser Welt auf den nächsten Wasser-Krieg, vor allem im Nahen Osten und in Afrika. Die Staaten dagegen scheinen lieber Verträge darüber zu schließen, wie sie mit der knappen Ressource umzugehen gedenken. 145 waren es im vergangenen Jahrhundert, Fragen der Schifffahrt und Grenzziehungen nicht mitgerechnet. Wasser ist dabei der Motor für Kooperationen und ökonomischer sowie politischer Integration, und das in einigen der konfliktträchtigsten Regionen der Erde.

Die Southern African Development Community (SADC) beispielsweise managt die Wasserressourcen von 15 internationalen Flussgebieten in ihrer Region. Daraus sind das SADC-Wasserprotokoll und die Regulierungsbehörde SADC-Wassersektor entstanden. Trotz der chronischen Wasserknappheit in Staaten des SADC-Gebietes wie Südafrika, Botswana und Namibia waren die Probleme bisher stets mit bi- und multilateraler Diplomatie in den Griff zu bekommen.

Im Einzugsbereich des Nil leben rund 150 Millionen Menschen, Tendenz steigend, in zehn Staaten: Ägypten, Äthiopien, Burundi, Eritrea, Kenia, Kongo, Ruanda, Sudan, Tansania und Uganda. Viele dieser Staaten fallen nicht gerade als Musterbeispiele für innen- und außenpolitische Stabilität auf. Tatsächlich gibt es immer wieder auch Konflikte ums Wasser, die jedoch bisher nicht kriegerisch wurden. Stattdessen besteht und funktioniert seit 1999 die "Nile Basin Initiative". Unter Beteiligung aller zehn Länder wird hier ein strategisches Aktionsprogramm erarbeitet, das Investitionen ermöglichen soll.

Auch Abkommen in anderen Weltregionen sind viel weniger flüchtig als das Element, um das sie sich drehen. Das "Mekong Basin Water Management" existiert seit 1957 und überdauerte sogar den Vietnam-Krieg. Seit 1995 gibt es ein neues Abkommen zwischen Kambodscha, Laos, Thailand und Vietnam. Der "Jordan River Basin Vertrag" zwischen Israel und Jordanien besteht seit 1955, obwohl sich die beiden Staaten bis 1994 im Kriegszustand befanden. Auch der „Indus-Vertrag" über die Nutzung grenzüberschreitender Gewässer blieb
von den gegenseitigen atomaren Drohungen der Vertragsländer Indien und Pakistan unberührt. Die Beispiele ließen sich fortsetzen.

Das Bedenkliche an der Mär vom Wasser-Krieg ist, dass es die Öffentlichkeit von den tatsächlichen Folgen der Wasserknappheit wie suboptimale Wirtschaftsleistung, Armut, Krankheit oder Migrationsbewegungen und von den nötigen Maßnahmen dagegen ablenkt.
Diese Folgen sind leider langfristig, schleichend und komplex und daher weniger schlagzeilenträchtig als der Mythos von der "Zeitbombe Wasser".

1 Kriegswoche = 5 Entsalzungsanlagen

Warum genau kein Krieg ums Wasser geführt wird, darüber rätseln die Experten. Die Antwort könnte ganz einfach sein: "Wozu?", fragt ein israelischer Militärstratege. "Für den Preis einer Kriegswoche können wir fünf Entsalzungsanlagen bauen. Damit haben wir ohne den Verlust von Menschenleben und ohne internationale Verwicklungen eine verlässliche Wasserversorgung, die nicht einmal verteidigt werden muss, weil sie nicht im Feindesland liegt."

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