28.10.2003 22:29

Der Horror ist längst Routine

Rotkreuz-Helfer als Opfer neoliberaler Geopolitik? Ein Kommentar von Wolfgang Kopetzky, Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes. Erschienen in "Der Standard" am 28. Oktober 2003

Wien - Die ersten Reaktionen auf Berichte über das gestrige Attentat auf die Rotkreuz-Delegation in Bagdad bestehen auch hierzulande aus einer Mischung aus Unverständnis und Zorn. Das Mitleid mit der betroffenen Bevölkerung, die von der Rotkreuz-Hilfe abhängt, war im Falle des Irak schon seit Anbeginn des Konflikts nicht sehr groß. Jetzt scheint es endgültig im Schwinden begriffen.

Das ist genau das, was die Hintermänner der Attentate bezwecken. Ihnen nützt alles, was die Lebenssituation der irakischen Bevölkerung verschlechtert. Auch um den Preis toter Helfer.

"Ökonomisch unabhängige Kriegsherren"


Dass die humanitäre Hilfe vor Ort nicht mehr so wichtig ist, haben wir seit dem Ende des Kalten Krieges bei Einsätzen auf der ganzen Welt gelernt. Und zur Kenntnis nehmen müssen, dass der Horror, immer wieder Mitarbeiter durch gezielte Angriffe zu verlieren, auch für uns zur Realität geworden ist.

Die neuen Kriegsherren sind sehr produktiv und ökonomisch unabhängiger, als man denkt. Sie leben ganz gut auch ohne die Gegenliebe der Bevölkerung, die ihrerseits von der Hilfe abhängig ist. Ideologische Wunschvorstellungen wie jene, einer größeren Bevölkerungsgruppe zu einem besseren Dasein zu verhelfen, gehören der Vergangenheit an. Darauf haben wir uns eingestellt. Wir haben gelernt, mit unvertrauten regionalen Machtinteressen umzugehen, noch mehr zu verhandeln, noch mehr zu erklären. Auch im Irak hat das seit 1980 funktioniert.

Rotkreuz-Helfer als Opfer neoliberaler Geopolitik?

Was wir aber nicht beeinflussen können, sind jene geopolitischen Interessen, mit denen sich zwar der Krieg, aber nicht der Frieden gewinnen lässt. Ihnen liegt der neoliberale Irrtum zugrunde, dass die ungehinderte Verfolgung nationaler Eigeninteressen in letzter Konsequenz ohnehin ein internationales Gleichgewicht schaffen würde. Bis es so weit ist, sollen die dabei entstehenden politischen Krisen mit humanitären Mitteln, namentlich den Mehl- und Zuckerlieferungen der Hilfsorganisationen, zugedeckt werden. Das gilt nicht nur für Krisenherde wie Afghanistan oder den Irak. Das trifft auch auf die Entwicklungshilfe zu, die unter anderem deswegen notwendig ist, weil der Norden vom Freihandel redet und gleichzeitig Protektionismus praktiziert.

Der gezielte Angriff auf das Rote Kreuz ist kein Einzelfall. Er ist die konsequente Fortsetzung dieser Entwicklung, die bereits im symbolträchtigen Jahr 1989 begonnen hat: Die Hilfsorganisationen sind die einzige Eingreiftruppe, die die Welt angesichts humanitärer Katastrophen aufzubieten hat. Sie werden vorgeschoben, um den fehlenden Handlungswillen (oder die Handlungsunfähigkeit) von Politik und Diplomatie zu kaschieren.

Eiskaltes Machtkalkül


So hat man vor Ort am Ende alle gegen sich: Jene, die aus eiskaltem Machtkalkül am liebsten überhaupt keine Verbesserung der Situation wollen, auch nicht das bisschen, das die humanitäre Hilfe leisten kann. Und letztlich die Bevölkerung selbst, die weiß, dass sie mit humanitärer Hilfe nur am Leben erhalten wird, während niemand etwas unternimmt, um die Ursachen für deren Notwendigkeit zu bekämpfen.

Wir kennen die Gründe für die gezielten Angriffe im Irak nicht. Aber trotz fehlender Erklärungen oder phrasenhafter "Bekennerbriefe" können wir die Gründe erahnen. Das Rote Kreuz wird seine Arbeitsbedingungen in Bagdad in den kommenden Tagen neu beurteilen müssen.

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