12.05.2004 22:38

Irak: Das Schweigen der Helfer

Hätte der öffentliche Protest des Roten Kreuzes die Folterungen im Abu Ghraib-Gefängnis gestoppt? Gastkommentar von Wolfgang Kopetzky, Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes.

Die Vorwürfe mussten kommen: Weil das Rote Kreuz seine Berichte über die Zustände in irakischen Gefängnissen nicht veröffentlicht hat, hat es die Opfer verraten, weitere Verbrechen geschehen lassen und der US-Administration die Möglichkeit gegeben, die Geschehnisse als Einzelfälle und individuelles Versagen zu verharmlosen. Warum schwieg das Rote Kreuz?

Das Rote Kreuz hat nicht geschwiegen. Die Berichte über die Gefangenenbesuche lagen – wie inzwischen bekannt ist – schon seit Monaten den amerikanischen und britischen Behörden vor. Dass inzwischen Teile daraus an die Öffentlichkeit gelangt sind, ist ein Unglück, wenn auch noch nicht das größte.

Die eigentliche Katastrophe besteht in der gut gemeinten Allmachtsphantasie, die hinter dem Vorwurf steckt. In der grotesken Überschätzung der Wirkung öffentlichen Protests und des Handlungsspielraumes in Situationen nackter und brutaler Gewalt, in denen das Rote Kreuz arbeitet. Nicht nur im Irak, sondern Tag für Tag in 80 Ländern der Welt, wo wir alleine im vergangenen Jahr fast eine halbe Million Gefangene besucht haben. Würden die Berichte, die nach den Gefangenenbesuchen verfasst werden, öffentlich – kein Delegierter würde mehr Zugang zu einem Gefangenenlager erhalten.

Denn an all diesen Orten – nicht nur im Irak – sind wir völlig von der Willkür der jeweiligen de facto-Befehlsgewalt abhängig. Das sind an den meisten Plätzen in Afrika oder Asien schon lange keine Regierungen und professionelle Armeen mehr, die gelernt haben, was die Genfer Konventionen sind. Sondern so genannte Rebellenarmeen, Paramilitärs, bewaffnete Banden, Warlords oder einfach nur ein Haufen junger Lümmel mit Kalaschnikows, je später der Tag, desto betrunkener oder unter Drogen oder beides.

Es ist gelinde gesagt naiv zu glauben, dass das Rote Kreuz in diesen Situationen zu einer Sprache des öffentlichen Protests finden sollte, um Missstände aufzuzeigen und abzustellen. Das öffentliche Anklagen von Missständen ist nämlich selbst in Europa längst kein Wunderrezept mehr. Der Bosnien-Konflikt hatte, wie noch in frischer Erinnerung sein dürfte, die besten öffentlichen Ankläger der Welt. Aber außer humanitärer Hilfe ist nicht viel passiert, um die Opfer vor den Kriegsgräueln zu schützen. Bis auf wenige Ausnahmen könnte das Rote Kreuz heute auch gar nichts mehr ans Tageslicht zerren, das nicht ohnehin schon bekannt wäre. Man bittet uns viel eher – Beispiel Abu Ghraib-Gefängnis -, unser „Gütesiegel“ auf eine Information zu drücken. Auch das ist keine attraktive Option.

Das Rote Kreuz misstraut dem öffentlichen Reden aus Erfahrung. Wir wollen vermeiden, dass wir dadurch unsere Hauptaufgabe nicht mehr wahrnehmen können, nämlich den Kriegsopfern zu helfen. Was wir tun können, ist oft herzlich wenig: Dafür sorgen, dass medizinische Hilfe kommt, dass die Ernährung der Gefangenen halbwegs erträglich ist, dass Sanitäranlagen zur Verfügung stehen, dass die Gefangenen mit ihren Familien in Verbindung bleiben können. Die Besuche haben auch indirekte Auswirkungen: Ein paar Wärter hören auf, ihre Gefangenen zu foltern, andere schrecken vor dem Äußersten zurück, einige Internierte werden besser behandelt. Das ist wenig angesichts der Blutbäder ringsum, aber viel für jeden, der davonkommt.

Niemand wird überrascht sein, dass unsere Delegierten an den Gewahrsamsorten, die sie besuchen, nie einen Mitarbeiter von „Human Rights Watch“ oder „amnesty international“ zu Gesicht bekommen. Diese Organisationen leisten hervorragende Arbeit – aber eben auf ganz anderem Gebiet. Das Schweigen des Roten Kreuzes stellt deshalb keine Geringschätzung der öffentlichen Debatte dar, sondern reflektiert seine Prioritätensetzung. Wenn es ausreichen würde, dass wir öffentlich sagen: So kann es aber nicht weitergehen! Dann hätten wir eine deutliche Sprache im öffentlichen Protest entwickelt. Aber wir wissen: Die Kavallerie kommt nicht.

Das alles bedeutet nicht, dass unsere Leute nicht sehr klar darauf aufmerksam machen, welche Kriegsregeln verletzt werden und fordern, dass Abhilfe geschaffen wird. Das geschieht meistens unter sehr widrigen Umständen, die viel Mut erfordern, und häufig gegenüber ziemlich furchterregenden Gestalten. Die Delegierten des Roten Kreuzes – so wie alle Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in den Gewaltzonen – kennen außerdem den Preis des neutralen Schweigens: Es ist der Vorwurf, unfreiwillig zu Komplizen der Mörder zu werden. Nicht alle können das ertragen. Denn das Reden ist nicht nur oft die große Versuchung, es ist auch das Leichtere.

Was das Rote Kreuz in der westlichen Welt heute oft so unbeliebt macht ist sein Beharren, allen Träumereien von einer Welt ohne Krieg zu misstrauen. Das ist nicht populär. Pazifismus ist populärer. Doch in den meisten Kontexten, in denen wir arbeiten, ist der von der westlichen Antikriegstradition getrübte Blick nichts als blanker Hohn. Im Taumel ihres Medienerfolgs und aus sicherer Distanz glauben viele NGOs, eine Verantwortung für das Wohl und Wehe von Kriegsopfern übernehmen zu können, die ihre Kräfte definitiv übersteigt. Dagegen gibt es leider auch für humanistisch denkende Menschen nur ein schmerzhaftes Rezept: Get real!

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