27.10.2004 11:35

Das Rote Kreuz braucht keine Zivildiener

Gastkommentar von Fredy Mayer, Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes und Vorsitzender der Zivildienst-Reformkommission.

Politiker denken in Wiederwahlzyklen. Wir erlauben uns, in Erfüllung unserer Hauptaufgabe („Das Leben von Menschen in Not und sozial Schwachen zu verbessern“) etwas längeren Zeiträumen zu denken. Es war klar, dass der Vorsitz der Zivildienst-Reformkommission eine undankbare Aufgabe werden würde. Erst gestern wurde dem Roten Kreuz und meiner Person wieder vorgeworfen, uns „billige Arbeitskräfte sichern“ zu wollen; ausschließlich „die Interessen des Roten Kreuzes zu forcieren“; und ich selbst würde „den Ausschuss für private Zwecke“ missbrauchen.


Der letzte Vorwurf ist am einfachsten zu entkräften: Das Rote Kreuz zählt nachweislich nicht zu meinem Privateigentum. Mit den beiden anderen Vorwürfen verhält es sich ähnlich: Sie sind billige tagespolitische Rhetorik für die jeweilige politische Klientel. Denn auch die Kritiker wissen selbstverständlich: Das Rote Kreuz braucht überhaupt keine Zivildiener. Wir sind ein subsidiärer Dienstleister. Mit Erfolg und bei hoher Kundenzufriedenheit nehmen wir seit vielen Jahren von der öffentlichen Hand übertragene Aufgaben – vor allem im Bereich des Rettungswesens und der Gesundheits- und Sozialdienste – wahr. Parallel mit der Beauftragung des Roten Kreuzes definiert die öffentliche Hand auch Umfang und Inhalt der zu erbringenden Leistungen.

Zur Bewältigung der übertragenen Aufgaben setzt das Rote Kreuz Freiwillige, Zivildiener und hauptberufliche MitarbeiterInnen ein. Sollte durch geänderte gesetzliche Vorschriften eine dieser Personengruppen nicht mehr zu den gewohnten Bedingungen zur Verfügung stehen, so hat dies zwangsläufig Auswirkungen auf das Leistungsniveau und/oder die Kosten der erbrachten Leistung. Sofern die öffentliche Hand als Auftraggeber auch nach Abschaffung des jetzigen Zivildienstes die bisherigen Leistungen zu gleichen Kosten fordert, muss sie eine adäquate Personalressource zur Verfügung stellen.

Denn der Ausfall der Humanressource „Zivildiener“, welche beim Roten Kreuz bis zu 25% der erbrachten Dienstleistungen verantwortet, kann nicht mit zusätzlichen Freiwilligen kompensiert werden. Dagegen spricht ganz klar der signifikante Rückgang des freiwilligen Engagements um 31,5% seit dem Jahr 1982. Darüber hinaus lassen die uns bis dato bekannten Ergebnisse und Zahlen zum „freiwilligen Sozialdienst“ aus Italien und der BRD den Schluss zu, dass mit einem freiwilligen Zugang das derzeit vertraglich vereinbarte Leistungsvolumen nicht zu erfüllen ist. Auch hauptberuflicher Ersatz steht wohl nicht zur Debatte. Eine notwendige Substituierung der Zivildiener durch hauptberufliches Personal führt zwangsläufig zu einer entsprechenden Erhöhung der Kosten des Rettungs -und Gesundheitswesen oder alternativ zu entsprechenden Leistungskürzungen.

Weit über das eigene Leistungsspektrum hinaus befürwortet das Rote Kreuz daher, grundsätzliche Überlegungen darüber anzustellen, ob und wie im Sinne einer solidarischen Gesellschaft ein humanitärer Beitrag von StaatsbürgerInnen auch verpflichtend vorgesehen werden kann. Entscheiden kann das keine der im Ausschuss vertretenen Organisationen. Auch wenn sie – und vor allem das Rote Kreuz – ständig dazu gedrängt werden, politische Entscheidungen zu treffen: In letzter Konsequenz müssen das natürlich die politisch Verantwortlichen tun. Und damit gilt auch für die Prügel: Redde Caesari quae sunt Caesaris! *)

Dieser Artikel wurde am 27. Oktober 2004 in der Tageszeitung "Die Presse" veröffentlicht.

*) Cäsar geben, was Cäsars ist

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