27.06.2014 13:26

Gastkommentar: Türkisch für Anfänger

Türkisch als Maturafach? Noch dringender wäre mehr Türkisch in der Volksschule. Dieser Gastkommentar erschien am 27. Juni 2014 in der Tageszeitung "Die Presse"

Rotkreuz-Präsident DDr. Gerald Schöpfer im gastkommentar für die Tageszeitung "Die Presse"

Von Gerald Schöpfer

 

Nehmen wir an, dass die Wütenden nach dem Lesen des vorigen Satzes direkt zur Posting-Funktion geeilt sind, um mich dort zur Hölle zu wünschen. Wir sind also unter uns: Liebe neugierige Leser, Sie fragen sich jetzt, warum Volksschüler mit türkischen Wurzeln Türkischunterricht bekommen sollen. Bekommen müssen!

 

Was haben Englisch, Französisch, Italienisch, Russisch, Spanisch, Tschechisch, Slowenisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Ungarisch, Kroatisch, Slowakisch, Polnisch gemeinsam? Sie gelten als lebende Fremdsprachen, werden unterrichtet, sind als Maturafächer zugelassen. Ob auch Chinesisch, Arabisch oder Türkisch Maturafächer sein können, ist weniger eine Frage der Weltanschauung als der Ressourcen. Gibt es genug qualifizierte Lehrer für Türkisch? Nein, die Ausbildung dafür muss erst aufgesetzt werden. Trotzdem fürchten sich viele schon davor.

 

Es geht übrigens nicht um die Matura auf Türkisch, sondern um das Maturafach Türkisch. Schüler sollen nicht „auf Türkisch“ maturieren, weil sie womöglich nicht gut genug Deutsch können. Bei uns leben eine Viertelmillion Menschen mit türkischem Migrationshintergrund (mehrheitlich Österreicher). Immer weniger von ihnen können wirklich gut Türkisch. Vor allem die zweite und dritte Migrantengeneration kann sich zwar auf Türkisch verständigen, aber nicht mehr lesen und schreiben. Ein Zustand, der ignoriert, wenn nicht sogar gutgeheißen wird. Gehe es doch darum, dass die Kinder Deutsch lernen sollen, am besten in eigenen Migrantenklassen. Offenbar in der Annahme, dass man Deutsch am besten lernt, wenn die Mitschüler es auch nicht können.

 

Natürlich wünschen wir uns, dass alle Kinder bei Schuleintritt richtig gut Deutsch können. Die Realität sieht aber anders aus, vor allem (aber nicht nur) bei Kindern mit einer anderen Erstsprache als Deutsch. Das ist zurzeit jedes fünfte Schulkind. Viele dieser Kinder kommen in die Schule, können ihre Muttersprache mehr oder weniger gut, und sollen jetzt Deutsch lernen, während die Muttersprache „abgedreht“ wird. Dagegen spricht Mehreres:

 

1.     Wer eine Sprache beherrscht, lernt die nächste leichter. Unterricht in der Erstsprache entwickelt das begriffliche Denken und bildet damit die Basis für den Erwerb weiterer Sprachen. Bleibt die Muttersprache auf dem Begriffsniveau der Vorschulzeit stehen, wird das Kind weder die Muttersprache noch Deutsch verstehen. Das nennt man „Halbsprachigkeit“.

2.     Die Vorstellung, Kinder würden ihre Erstsprache wie Türkisch ohnehin zu Hause pflegen und entwickeln, ist falsch: Erstens wird zu Hause in den seltensten Fällen geschrieben. Zweitens versuchen gerade Migranteneltern, mit ihren Kindern Deutsch zu sprechen, da es auch ihr Wunsch ist, dass die Kinder gut Deutsch können und so ihre Chancen im Beruf erhöhen.

3.     Leider ist das „Deutsch“, das diese Kinder dann von zu Hause mitbekommen, schon gar nicht geeignet, ihre Deutschkenntnisse zu verbessern.

 

Es wäre daher wichtig, dass Kinder ihre Erstsprache in Wort und Schrift pflegen. Eltern sollten darin bestärkt werden, sich mit ihren Kindern in der Erstsprache zu unterhalten und ihnen in dieser Sprache vorzulesen. Der Schulunterricht sollte durch einen muttersprachlichen Unterricht ergänzt werden, wie das bereits vielfach passiert. Wir unterrichten also nicht zu viel, sondern zu wenig Türkisch. Türkisch ist eine Sprache wie jede andere. Außer es ist Ihre Erstsprache und keiner hilft Ihnen dabei, sie zu lernen.

 

Gerald Schöpfer ist Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes (ÖRK).

 

 

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