01.12.2014 09:45

Armutszeugnisse

Sie arbeiten, haben keine oder wenig Kinder, beziehen keine Sozialleistungen und sind trotzdem nur einen Schritt von der Bedürftigkeit entfernt. Beobach-tungen über die neue Armut. - Ein Gastkommentar von Rotkreuz-Präsident Gerald Schöpfer.

Armutszeugnisse

Wer gilt in Österreich als arm? Die Statistik antwortet: Wer weniger als 60% des Medianeinkommens verdient. Die Armutsgefährdung ist somit eine relative Größe und sagt nichts über den absoluten Lebensstandard der Betroffenen aus.

 

Wie sie die Wirklichkeit abbildet, zeigt ein simples Gedankenexperiment.

 

Nehmen wir an, eine gute Fee verzehnfacht über Nacht alle Einkommen in Österreich. Kein Zweifel, so gut wie niemand wäre mehr arm. An der Zahl der Armen laut Armutsdefinition würde das aber nichts ändern, weil nach wie vor gleich vielen Menschen weniger als 60% des Medianeinkommens zur Verfügung stünden.

 

Rechenbeispiel Armut


Wie wenig aussagekräftig die gängige Armutsdefinition ist, zeigt auch ein Ländervergleich. Das Medianeinkommen in Rumänien betrug im Jahr 2012 1.379 Euro. Relativ arm war, wem weniger als 60% davon, also weniger als 828 Euro, also weniger als 70 Euro pro Monat zur Verfügung standen. Das Medianeinkommen in Norwegen betrug im selben Jahr 35.091 Euro. Relativ arm war, wer weniger als 60% davon, also weniger als  21.055 Euro, also weniger als € 1.755 pro Monat zur Verfügung hatte.

 

Armutsbetroffene Norweger verfügen monatlich über 25-mal so viel Einkommen wie armutsbetroffene Rumänen. Das ist sehr viel mehr, selbst unter Berücksichtigung der fast dreimal so hohen Lebenshaltungskosten in Norwegen.



Der Pferdefuß daran ist: Das Verhältnis von sinkenden Reallöhnen zu Lebenshaltungskosten wird überhaupt nicht abgebildet. Aber gerade dieses Missverhältnis wird für mehr und mehr arbeitende Menschen zum existenziellen Problem.

 

Beispiel: Ein allein lebender Angestellter in der Bundeshauptstadt verdient im Monat 1.700 Euro netto. In Norwegen gälte er damit als armutsgefährdet, in Österreich erst ab einem Einkommen von 1.068 Euro.



Statistisch. Denn die realen Verhältnisse sprechen eine ganz andere Sprache.   

Denn abzüglich Miete bleiben unserem Angestellten 1.000 Euro, abzüglich Energiekosten 800 Euro. Abzüglich des (beruflich erforderlichen) Autos bleiben 600 Euro, abzüglich Kosten für Telefon, Fernsehen und Internet 540 Euro. Auch die monatliche Kreditrate in der Höhe von 100 Euro schlägt zu Buche. Es bleiben 440 Euro pro Monat.

 

Schwelle zur absoluten Armut


Bis hierher wurde noch nichts gegessen und auch keine Kleidung angeschafft. Jetzt genügt eine Kleinigkeit, und unser Angestellter kommt aus dem Tritt: Steht eine unerwartete Aus-gabe an – etwa Zahnersatz, eine Autoreparatur, eine Energiekosten-Nachzahlung, eine neue Therme ... – , kann er wählen: Die Anschaffung tätigen und bei Miete und Kredit Zahlungs-rückstände in Kauf nehmen. Oder die Wohnung nicht mehr angemessen warm halten. Oder mit kaputten Zähnen zum Vorstellungsgespräch gehen. Von einem Urlaub Abstand zu nehmen geht nicht, denn Urlaube gehen sich sowieso nicht mehr aus.



Der Statistikjargon nennt diesen Zustand „erheblich materiell depriviert“, mit anderen Worten: Unser Mann steht an der Schwelle zur absoluten Armut. Es geht aber noch bizarrer: Bei seinem Einkommen hat unser Angestellter natürlich keinen Anspruch auf Sozialleistungen. So bleiben ihm nicht einmal 100 Euro mehr an frei verfügbarem Einkommen als der Bezieherin der Mindestsicherung in der Höhe von 814 Euro, die in der Wohnung gegenüber lebt.

 

Natürlich bekommt ein Angestellter sein Gehalt vierzehn Mal im Jahr ausbezahlt, die Mindestsicherung gibt es nur zwölfmal. Mindestsicherungsbezieher sind dafür von bestimmten Gebühren befreit. Unser Mann kann notfalls auch sein Konto überziehen, die Dame von gegenüber nicht.



Trotzdem, was beide gemeinsam haben, ist ein entscheidendes Armutskriterium: Europa hat sich grundsätzlich auf das Armutskonzept von Amartya Sen geeinigt. Arm ist, wer arm an Möglichkeiten der Teilhabe ist. Kino-, Konzert- oder Theaterbesuche, vielleicht mit anschlie-ßendem Abendessen, eine Jahreskarte für das Fitness-Center oder die Anschaffung eines neuen Fahrrades hat sich auch unser Angestellter schon lange abgeschminkt.



Man muss nicht gleich, wie Jochen Sanio, an das Schlimmste denken. Für den Fall einer neu-erlichen europäischen Bankenrettung hat der Chef der deutschen Finanzmarktaufsicht ge-fürchtet: „Dann kommen die Steuerzahler und hängen uns auf.“  Allerdings sagte mir ein hoher Gewerkschafter kürzlich: „Wenn die Leute die geplante Entlastung durch die Hintertür wieder selbst bezahlen müssen, dann ist wirklich Feuer am Dach.“



Wer weiß, was die „Leute“ sagen würden, wenn sie wüssten, dass die „Bankenrettung“ darin bestand, dass die Banken die Staatshilfen mit 7% Zinsen zurückzahlten, während sich der Staat derzeit nur mit 1% refinanzieren kann, also mit der Bankenrettung ein glänzendes Ge-schäft gemacht hat? Wie auch immer man Armut definiert. Es gibt sie, und sie ist zu bekämpfen. Gefragt ist dabei der Staat, der alles andere als arm ist. Und unser allein lebender Angestellter trägt seinen Teil dazu bei. So lange er noch kann.

 

Dieser Gastkommentar wurde am 1. Dezember 2014 in den Salzburger Nachrichten veröffentlicht.

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