03.08.2016 09:34

Kompass für erfolgreiche Integration

Eine „Balanced Integrationscard“ nach dem Vorbild unternehmerischer Praxis könnte das Modell sein, um die Herausforderungen der Flüchtlingskrise besser zu meistern", meint Rotkreuz-Generalsekretär Werner Kerschbaum in einem Gastkommentar für die Tageszeitung "Der Standard".

Kompass für erfolgreiche Integration
Werner Kerschbaum, Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes, über wirtschaftliche Aspekte im Flüchtlingsmanagement.
©ÖRK/Anna Stöcher

Anfang der 1990er Jahre untersuchten die Harvard-Wirtschaftswissenschafter Robert Kaplan und David Norton, wie große US-Unternehmen ihre Leistung messen. Dafür ausschließlich Finanzkennzahlen zu verwenden, war damals die Methode der Wahl. Kaplan und Norton wollten in Zeiten zunehmenden Wettbewerbs diese Leistungsmessung um nicht-monetäre Kennzahlen erweitern. Das Ergebnis war die "Balanced Scorecard". Salopp ausgedrückt, ein neuartiger Kompass zur Umsetzung der Unternehmensstrategie, der nicht bloß Geldflüsse misst und nicht ausschließlich die Vergangenheit abbildet.

Sind wir noch auf Kurs?

Die Balanced Scorecard ermöglicht Unternehmensleitung und Mitarbeitern einen ständigen Überblick über den Kurs des Unternehmens. Berater vergleichen sie deshalb gerne mit dem Cockpit eines Flugzeugs: Auch dort werden ständig alle notwendigen Informationen über den Zustand des Flugzeugs und den Kurs angezeigt, die von Bedeutung sind, um das Ziel zu erreichen. Wenn diese Methode bei Unternehmensstrategien funktioniert - warum dann nicht auch bei der einer Integrationsstrategie? Eine Balanced Integrationcard sozusagen, für alle, deren Management-Aufgabe das Schicksal von Geflüchteten ist. Managen heißt schließlich: Resultate erzielen, neuerdings auch: Wirkungen erzielen, auch in der staatlichen Verwaltung.

Welche Ziele?

Wirkungsmessung setzt Zielsetzungen voraus. Man braucht Soll-Werte. Um beim Flugzeug-Vergleich zu bleiben: Strategien - auch Integrationsstrategien - sind Reisebeschreibungen: Wie komme ich vom Ist-Zustand zum gewünschten Soll-Zustand, also ans Ziel? Damit das nicht im Blindflug geschieht, muss es dazwischen ein regelmäßiges Controlling geben, das permanent den Kurs misst, also vergleicht: Nähern sich Ist- und Soll-Werte an? Dafür schlagen Kaplan und Norton die Festlegung von Key Performance Indicators in vier Bereichen (Kunden, Mitarbeiter, Prozesse und Finanzen) vor. Übertragen auf die Balanced Integrationcard könnten das folgende Bereiche und Schlüsselindikatoren sein:

  • Verfahren (Anzahl Asylanträge in einem festgelegten Zeiraum; ins Verfahren aufgenommene Asylwerber; abgeschlossene Verfahren; Anzahl positive und negative Bescheide; Zurückführungen; beschäftigte Beamte in den Verfahren; Verfahrensdauer in Monaten bis zum Bescheid);
  • Unterbringung (Zugang zur und Abgang aus der Grundversorgung; fehlende/nicht belegte Quartiere; in Notquartieren untergebrachte Asylwerber);
  • Integration (Arbeitsmarktbeteiligung, Wohnen, Bildung und Sprache, u.a.: Asyl- und subsidiär Schutzberechtigte in Sprachkursen; welches Niveau bereits erreicht? Wer wurde bereits einem AMS-Kompetenzcheck unterzogen? Wer ist in Aufschulung, wer bereits vermittelt?);
  • Finanzierung (Soll-Ist Vergleich der Kosten für Verfahren, Grundversorgung, Sprachkurse, AMS, Integration, einschließlich Mindestsicherung).


Dieses "Cockpit" sollte monatlich, zumindest aber quartalsweise veröffentlicht werden. Was soll das nützen?

Die Mutter der Angst

Es soll uns von einer "Kultur der Angst" zu einer "Kultur der Hoffnung" bringen. Denn erst, was ich messen kann, kann ich managen. Die Veröffentlichung solcher Kennzahlen im Sinne einer Balanced Integrationcard schafft Klarheit über das Ausmaß der Herausforderung - und über die Fortschritte bei ihrer Bewältigung. Realpolitisch lautet die Frage, ob diese Klarheit überhaupt erwünscht ist. Denn Integration dauert. Aber gerade deswegen würde eine Balanced Integrationcard helfen, die Herausforderungen in Richtung der gewünschten strategischen Ziele zu steuern.

Sie sind ja in der Tat groß. Andererseits macht gerade Unwissenheit (oder gezielt herbeigeführte Uninformiertheit) Angst. "Unwissenheit ist die Mutter des Misstrauens, der Feindseligkeit und Abscheu", meint der polnische Schriftsteller Andrzej Szczypiorski, und: "Unwissenheit ist auch die Mutter der Angst." Die gesellschaftspolitischen Erschütterungen, die sie verursacht, spüren wir gerade. Ist die Angst einmal beseitigt, kann man sich vom Ausmaß der Herausforderung immer noch fürchten. Aber zumindest hätte man es fassbar gemacht - und noch dazu ein Steuerungsinstrument in der Hand, um ihm gezielt und wirksam zu begegnen.

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