Ein Gefühl der Sicherheit, nach Wochen der Flucht.

Rotkreuz-Präsident Gerald Schöpfer hat die Flüchtlingshilfe von Anfang an hautnah miterlebt. Sein Rückblick ist gleichzeitig ein Ausblick auf weiterführende Unterstützung und nachhaltige Integration.

 

 

Die Migrationsbewegung beschäftigt das Rote Kreuz seit einem Jahr sehr intensiv. Gibt es ein Thema, das sich wie ein roter Faden durchzieht?



Gesundheit und medizinische Versorgung war und ist unser Thema. Am 29. August 2015 hat die intensive Phase für das Rote Kreuz mit dem Aufbau eines Feldspitals im damals hoffnungslos überfüllten Traiskirchen begonnen. Wenige Tage später war das Rote Kreuz im Burgenland mit tausenden Flüchtlingen, die täglich über die Grenze kamen, konfrontiert und hat sich in erster Linie um deren medizinische Versorgung gekümmert. Diese Aufgabe hat uns neben dem Betrieb von Unterkünften auch in den folgenden Monaten in fast allen Bundesländern beschäftigt. Und erst vor wenigen Tagen haben wir uns beim Forum Alpbach über den Zugang zur Gesundheitsversorgung für Migranten und Asylwerber Gedanken gemacht. Denn für uns ist das Recht auf Gesundheit ein Menschenrecht.


Was haben Sie aus diesem Jahr als bleibende Erinnerung mitgenommen?



Zu den eindrucksvollsten Erlebnissen zählt sicher mein erster Besuch in Nickelsdorf, Anfang September 2015. Dort schien der Zustrom an müden, erschöpften Menschen, die zu Fuß über die Grenze kamen, kein Ende zu haben. Trotzdem waren Herzlichkeit und menschliche Wärme überall spürbar. Bei den vielen engagierten Freiwilligen, die Essen, Decken, Kleidung, Zahnpasta oder Spielzeug verteilten ebenso wie bei unseren Rotkreuz-Kollegen und auch bei der Polizei. Auch wenn viele fremde Sprachen zu hören waren, die Dankbarkeit für diese Zuwendung und das Gefühl der Sicherheit unter den Flüchtlingen haben wir alle verstanden.


Die Flüchtlingswelle hat ja auch eine große Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst. Wie hat sich das in der Arbeit des Roten Kreuzes bemerkbar gemacht?



Zum einen sind unsere Rotkreuz-Freiwilligen über sich hinaus gewachsen, viele waren im Dauereinsatz, sind nach ihren normalen Jobs nach Nickeldorf, Heiligenkreuz oder ins Kurierhaus gefahren, um dort noch eine Schicht im Ambulanz- oder Küchenzelt draufzulegen. Und die gestiegenen Mitgliederzahlen beim Team Österreich belegen auch, dass das spontane freiwillige Engagement in der Bevölkerung stark zugenommen hat.



Hat der Flüchtlingseinsatz die Organisation Rotes Kreuz verändert?



Der Flüchtlingseinsatz hat uns gezeigt, dass wir personelle und auch mentale Ressourcen mobilisieren können. Wir haben es geschafft, persönliche und auch organisatorische Schranken abzubauen, alle mit dem gemeinsamen Ziel, den Flüchtlingen bestmöglich zu helfen. Das ist eine Entwicklung, auf die wir alle stolz sein können. Eine Umfrage unter den Mitarbeitern hat bestätigt, dass das Sinnerleben im Einsatz und die erfahrene Dankbarkeit die Intensität und die Strapazen mehr als aufgewogen haben und die Mitarbeiter sehr zufrieden aus dem Einsatz gingen.



Was kommt Ihnen für ein Bild in den Sinn, mit dem sie die Bewältigung des Flüchtlingsstroms vergleichen würden?



Ein Marathon: Das Rote Kreuz ist eine Organisation, die sehr gut aufgestellt ist, wenn es darum geht, in kurzer Zeit hohe Personal- und Materialressourcen zur Verfügung zu stellen. Sportlich gesprochen legen unsere Mitarbeiter einen perfekten Sprint hin. Nach ein paar Tagen dürfen sie außer Atem kommen, weil in der Regel der Einsatz dann vorbei ist. Nicht so bei der Flüchtlingsbetreuung, das war ein organisatorischer und personeller Dauerlauf, der bald auf fast alle Bundesländer überging. Diese Marathonaufgabe ließ sich nur mit unzähligen ehrenamtlichen Helfern aus der Bevölkerung, der Zusammenarbeit aller Rotkreuz-Landesverbände und professioneller Einsatzplanung und Logistik bewältigen.


Integration ist ein noch längerer Prozess. Wo sehen Sie da die Aufgaben des Roten Kreuzes?

Bildung, Gesundheit, Zusammenführung von getrennten Familienmitgliedern, die Schaffung von Wohnraum, Anwaltschaft – das Rote Kreuz beschäftigt sich im Zusammenhang mit Integration mit vielen Facetten und wir sehen uns immer als Anwälte der Bedürftigsten und Schwächsten in einer Gesellschaft.



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