01.10.2018 11:04

Als Einsatzleiter den Überblick behalten

Ein Linienbus kollidiert mit einem Zug, mehrere Menschen werden schwer verletzt: Am 18. September ereignete sich ein schwerer Verkehrsunfall in der Grottenhofstraße in Straßgang, Graz. Manfred Möstl war als Einsatzleiter vom Roten Kreuz Graz-Stadt vor Ort.

Als Einsatzleiter den Überblick behalten
©Rotes Kreuz / Angela Bischof

Wie hast du vom Unfall erfahren?

Wenn jemand das Rote Kreuz alarmiert, geht der Anruf bei der Rettungsleitstelle ein. Je nachdem was die Anruferin oder der Anrufer meldet, verständigt die Rettungsleitstelle das entsprechende Personal. Wenn der Anrufer sagt, dass es mehrere Verletzte oder Schwerverletzte gibt, dann schickt der Mitarbeiter in der Rettungsleitstelle gleich den Offizier vom Dienst los, das war in diesem Fall ich. Außerdem werden alle Rettungswägen zur Unfallstelle geschickt, die in der Nähe verfügbar sind und zusätzlich auch ein Notarzt und ein Jumbo (Notfallwagen). Natürlich werden auch die Polizei und die Feuerwehr verständigt.

 

Wie lange hat es gedauert, bis du beim Unfallort warst?

Ich habe ca. acht bis zehn Minuten gebraucht. Nachdem ich von der Rettungsleitstelle informiert wurde, bin ich sofort zum Auto gelaufen. Ich musste dann aber durch die ganze Stadt fahren und bin gleichzeitig mit der Feuerwehr angekommen. Ein Rettungswagen, ein Notarzt und der Jumbo waren bereits vor Ort – die hatten einen kürzeren Anfahrtsweg.

 

Wie seid ihr dann vorgegangen?

Als erstes wurde ein Schreiber bestimmt, der alles dokumentiert. Danach wird eine Triage durchgeführt, das ist eine Sichtung der Patienten. Dabei wird die Schwere der Verletzungen eingeschätzt. Jeder Patient bekommt dann eine Personenleittasche umgehängt, die eine Registriernummer enthält. Die benötigen wir, um die Übersicht zu behalten. Wir kennen zu diesem Zeitpunkt ja noch keine persönlichen Daten der Verletzten wie den Namen. Bei der Triage wird auch die Bergungspriorität vermerkt. Diese Sichtung muss in kurzer Zeit durchgeführt werden. Stark blutende Wunden werden eventuell abgebunden, Bewusstlose auf die Seite gedreht. Aber es wird noch nicht reanimiert. Das geht nicht. Wenn so viele schwer Verletzte sind, muss man sich zuerst einen Überblick verschaffen, unter Umständen muss auch eingeschätzt werden, wer überhaupt eine Überlebenschance hat. Nach und nach treffen dann schon die Rettungsfahrzeuge ein.

 

Was passiert nach der Triage?

Bei diesem Einsatz ist eine SanHiSt, ein Wagenhalteplatz und eine Stelle für Unverletzte eingerichtet worden. Sollten es bei einem Einsatz mehrere Tote geben, wird auch noch eine Stelle etwas abseits für Tote eingerichtet. Das muss alles der Einsatzleiter planen.

 

Was ist eine SanHiSt?

Das ist die Sanitätshilfsstelle. Dahin werden die Verletzten hingebracht. Für die SanHiSt musste jeder Wagen, der angekommen ist, die Liege und Sanitätsmaterial an einen Platz hinstellen, der vor Ort bestimmt wird. Das ist meistens ein bisschen abseits, damit wir uns auch gut ausbreiten können. Im Bus kann niemand ordnungsgemäß versorgt werden, denn unsere Sanitäter können zwischen den Splittern und schneidigen Blechen nicht arbeiten. Das ist viel zu gefährlich. Nur die Feuerwehr war im Schadensraum. Die Feuerwehr hat dann einen nach dem anderen geborgen und zu uns gebracht.

 

Waren genug Rettungsfahrzeuge vor Ort?

Ich habe das Glück gehabt, dass genug Autos da waren. Wir haben für jeden Patienten eine Liege gehabt. Ich habe dann erst durch die SanHiSt einen Überblick bekommen, wie viele Schwerverletzte es tatsächlich sind. Deshalb habe ich dann gleich den Hubschrauber und zusätzlich noch Notärzte (Ärzte) und Rettungsfahrzeuge nachgefordert. Wir haben zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht gewusst, was mit den Leuten im Zug los ist, ob da auch noch Leute sind. Da waren aber zum Glück keine Verletzten.

 

Machst du die gesamte Organisation alleine?

Nein, es gibt mehrere Funktionen, die vor Ort bestimmt werden. Bei dieser Anzahl von Verletzten gibt es auch einen leitenden Notarzt, es gab auch einen Leiter SanHiSt und einen Leiter Transport – die übernehmen die Verantwortung, dass in ihrem jeweiligen Bereich alles funktioniert. Alles muss dokumentiert werden: Wann welches Fahrzeug eintrifft, von wo es ist. Es waren ja nicht nur Grazer Rettungsfahrzeuge vor Ort. Von überall sind Rettungsfahrzeuge, die in Graz waren, zu uns geschickt worden – also alle, die in der Gegend waren und z.B. Patienten nach Graz gebracht haben. Außerdem waren auch die RKHE und das Bezirksrettungskommando vor Ort.

 

Was ist die RKHE?

Das ist die Rotkreuz-Hilfseinheit. Dabei handelt es sich um vordefinierte Einheiten, die im Großschadensfall verschiedene Aufgaben übernehmen, wie Verletzte zu versorgen bzw. transportfähig zu machen. Bei diesem konkreten Einsatz im September haben sie die Leitung der SanHiSt übernommen. Insgesamt waren rund 14 Personen der Region 1, zu der Graz, Graz-Umgebung und Voitsberg zählen, vor Ort. Alarmiert wird die Rotkreuz-Hilfseinheit von der Rettungsleitstelle.

 

Und das Bezirksrettungskommando?

Direkt vor Ort waren der Bezirksrettungskommandant und sein Stellvertreter, sie unterstützen den Einsatzleiter. Zusätzlich hat der Bezirksrettungskommandant das Bezirksrettungskommando alarmiert. Dieses besteht aus Ehrenamtlichen, die wiederum verschiedenste Aufgaben erfüllen. Beispielsweise sorgen sie dafür, wenn ein Einsatz länger dauert, dass die Sanitäter mit Essen und Trinken versorgt werden. Zu dem Zeitpunkt, als das Bezirksrettungskommando alarmiert wurde, wusste man noch nicht, wie viele Verletzte es tatsächlich sind. Binnen 30 Minuten war das Bezirksrettungskommando mit sieben Personen einsatzbereit – sie sind allerdings nicht vor Ort, sondern organisieren alles vom Rotkreuz-Zentrum Graz-Stadt aus. Da im Zug aber keine Verletzten waren, mussten wir nicht auf das Bezirksrettungskommando zurückgreifen.

 

Wer informiert die Rettungsfahrzeuge, dass sie zum Unfallort kommen müssen?

Das Telefonische geht alles über die Rettungsleitstelle. Ich sage nur, dass ich mehr Personal benötige. Ich frage auch dort nach, wohin wir welche Patienten bringen können. Die Rettungsleitstelle rufen dann die Krankenhäuser an und fragen, wie viele Schwerverletzte wir bringen können. Jedes Telefonat muss mitdokumentiert werden.

 

Wenn alle Patienten geborgen und zur SanHiSt gebracht wurden, wie geht man dann weiter vor?

Es wird eingeteilt, welcher Arzt sich um welchen Patienten kümmert oder bei welchen Patienten auch Sanitäter reichen. Dann wird nachtriagiert – der Zustand eines Patienten kann sich innerhalb weniger Minuten ändern. Bevor nicht alle Patienten da sind, wird kein Transport durchgeführt, damit wir das ganze Personal zum Arbeiten da haben. Es hilft nichts, auch wenn ein Patient noch so schwer verletzt ist, er muss warten. Es muss geborgen, triagiert und versorgt werden. Erst wenn der leitende Notarzt sagt, jetzt geht es, wir haben genug Personal, können wir mit demTransport beginnen.

 

Wer entscheidet, wohin die Patienten kommen?

Von der Rettungsleitstelle weiß ich, welche Krankenhäuser Patienten aufnehmen können, die Zuordnung erledigt der leitende Notarzt. Es wird dann die Leitstelle angerufen und die Daten der Personenleittasche durchgegeben und die Leitstelle informiert dann die Krankenhäuser, dass in wenigen Minuten der erste Patient kommt. Die Krankenhäuser sind also vorinformiert und rüsten sich dementsprechend.

 

Konnten alle Patienten transportfähig gemacht werden?

Ja, wir konnten alle in Krankenhäuser transportieren, bis auf eine Person, die bereits tot war, als wir ankamen. Allerdings musste man vor Ort Patienten intubieren (Narkosen einleiten). Die Menschen waren wirklich schwerstverletzt. Ein Hubschrauber ist zweimal geflogen. Wir hatten Glück, nebenan war gleich ein Fußballplatz, auf dem er landen konnte. Der Hubschrauber aus Graz war gleich da, hat dann bald einen Patienten ins LKH gebracht und dort gleich am Dach übergeben. Nach ca. zehn Minuten war der Hubschrauber schon wieder zurück. Inzwischen ist auch der andere Hubschrauber gelandet und hat einen Patienten ins Krankenhaus gebracht, dann der zweite wieder einen. Die anderen Patienten wurden mit den Rettungswägen und im Jumbo abtransportiert.

 

Wie lange hat der Einsatz insgesamt gedauert? 

Ca. eineinhalb Stunden.

 

Hat die Koordination gut funktioniert?

Die Zusammenarbeit mit der Polizei und der Feuerwehr hat gut funktioniert. Aber auch was uns als Rotes Kreuz angeht: So einen Einsatz schafft man auch nur, wenn man gute Leute hat – alleine schafft man das nicht. Ich hatte genug Personal in kürzester Zeit – es ist sehr ruhig und fast reibungslos abgelaufen. Die Gegebenheiten, die Lage – was ist, wenn der Bus im Graben liegt? Dann ist sofort alles anders. So hat die Bergung nicht lange gedauert. Wenn der Unfall an einem anderen Ort passiert, dauert es länger, bis wir dort sein können. Kein Unfall ist gleich und bei keinem Unfall kann man gleich arbeiten.

 

Warst du schon oft bei solchen Großeinsätzen dabei?

Ich bin bald seit 30 Jahren beim Roten Kreuz – es gab schon einige Großeinsätze, aber nicht viele. Ich schätze, dass ich bei fünf oder sechs im Einsatz war.

 

Wie verarbeitest du das?

So ein Einsatz ist auch für mich nichts Alltägliches. Ich rede dann am nächsten Tag meistens mit meinem Kollegen, der selbst in seiner Freizeit Rettungssanitäter am Notarzthubschrauber ist, darüber. Jeder verkraftet sowas nicht.

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