05.03.2008 12:12

Frauen, die Angehörige vermissen: das Leid der Hinterlassenen anerkennen

Für Hunderttausende von Frauen ist das lange, qualvolle Warten auf Nachrichten von ihren vermissten Angehörigen eine der schlimmsten Folgen bewaffneter Konflikte. Da die grosse Mehrheit der Getöteten oder Vermissten Männer sind, fällt die Last, herauszufinden, was ihnen zugestossen ist, gewöhnlich auf die Frauen der Familie. Am Internationalen Frauentag (8. März) hebt das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) sein Engagement hervor, das Leid dieser Frauen zu lindern.

Ashwak, eine irakische Flüchtlingsfrau, die heute in Jordanien lebt, hat die Spur ihres Ehemannes verloren: „Wir haben uns überall umgesehen. Wir sind zu allen Gefängnissen und dem Gerichtsmedizinischen Institut gegangen. Wir haben ihn mehr als vier Monate lang gesucht“, sagt sie. „Wir fragten an allen Orten nach, die uns einfielen, aber wir bekamen immer dieselbe Antwort – dort sei er nicht. Und dennoch haben wir die Hoffnung nicht aufgegeben“.

Für Hinterlassene wie Ashwak ist diese völlige Unkenntnis über das Schicksal eines Angehörigen eine ständige Seelenqual. Wie schwer es auch immer sein mag, den Tod eines nahe stehenden Angehörigen zu betrauern, noch schlimmer ist es, dass man nicht einmal trauern kann. Viele Frauen verbringen Jahre mit einer ergebnislosen Suche und opfern die gesamten Ersparnisse ihres Lebens dafür auf. Für diejenigen, die nach einem vermissten Kind, Ehemann oder Vater suchen, bringt der Friede im eigenen Land noch lange keinen Seelenfrieden, denn würden sie ihre Suche aufgeben, sähe das wie Verrat aus.

Der Vermisste ist häufig der Ernährer der Familie oder der alleinige Besitzer des Eigentums. Frauen, denen es an Fähigkeiten und Ausbildung mangelt, bleiben deshalb völlig mittellos zurück und sind häufig sehr schlecht darauf vorbereitet, seine Stelle einzunehmen. Darüber hinaus kann die undefinierte Rechtsstellung der Ehefrau eines Vermissten oder seiner Nachkommen sich auf Eigentumsrechte, das Fürsorgerecht für die Kinder, die Erbschaft und die Möglichkeit einer Wiederverheiratung auswirken.

„Am diesjährigen Internationalen Frauentag wollen wir die Aufmerksamkeit auf das besondere Leid von Frauen lenken, deren männliche Angehörige vermisst werden“, sagt Florence Tercier, die das IKRK-Programm zur Unterstützung von Frauen im Krieg leitet. „Alles nur Menschenmögliche muss getan werden, um das Verschwinden von Menschen zu verhindern und den zurückgelassenen Frauen die Hilfe zuteil werden zu lassen, deren sie bedürfen“.

Allzu häufig machen die an einem bewaffneten Konflikt beteiligten Parteien nur sehr geringe Anstrengungen, um Licht in das Schicksal von Vermissten zu bringen. Das IKRK, das im Namen der Opfer und ihrer Familien handelt, bemüht sich, die zuständigen Behörden an ihre Pflichten in dieser Hinsicht zu erinnern. Gemeinsam mit den Nationalen Rotkreuz-/ Rothalbmondgesellschaften nimmt es Suchanträge von Familien entgegen, die im Laufe bewaffneter Konflikte keine Nachrichten von ihren Angehörigen haben, und versucht, diese Menschen mit allen vorhandenen Mitteln ausfindig zu machen. Das IKRK stellt den Ehefrauen der Vermissten Bestätigungen aus, damit sie Sozialhilfe und Ausgleichszahlungen anfordern können. Je nach den Bedürfnissen und der Lage der zurückgebliebenen Frauen und Mädchen leistet es auch materielle Hilfe und psychologische Beratung.

Frauen erweisen sich als einfallsreich und mutig, um den Herausforderungen gerecht zu werden, wenn ein nächster Angehöriger vermisst wird. Sie gründen Vereine, von denen viele vom IKRK unterstützt werden, und kämpfen um Information. In vielen Ländern üben die Mütter, Frauen, Grossmütter, Schwestern und Töchter der Vermissten auch noch lange nach dem Ende des Konflikts Druck auf die Behörden aus. So organisierten beispielsweise die Mütter der Plaza de Mayo viele Jahre lang Demonstrationen, um von der Regierung Antworten über das Schicksal ihrer vermissten Kinder zu erhalten.


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