04.06.2013 15:02

Nach dem Hochwasser kommt der Schock

Mit dem Rückgang der Pegel wird das Ausmaß des Schadens sicht- und greifbar. Rotkreuz-Chefpsychologin Barbara Juen über Krisenintervention und "erste Hilfe für die Seele" nach einer Katastrophe.

Nach dem Hochwasser kommt der Schock

Wie kann man Menschen helfen, die gerade ihr Hab und Gut verloren haben und sie trösten?


Barbara Juen: Indem man sie nicht tröstet – tröstende Worte haben wir als Außenstehende nicht zur Verfügung. Trost können Angehörige und Freunde bieten. Aber wir können Informationen geben, zum Beispiel darüber, wie es weitergeht. Bei den positiven Bewältigungsmöglichkeiten gilt es bestimmte Faktoren zu erfüllen.

 

Der erste ist Sicherheit. Man versucht, äußere und innere Sicherheit zu erzeugen, einen Ort zum Wohl- und Sicherfühlen zu schaffen. Das ist auch im Fall von Evakuierungen ganz wichtig. Innere Sicherheit geben Personen, die sicher und verlässlich für die Opfer da sind und für sie und ihre Anliegen einsetzen. Dafür stehen zum Beispiel Mitarbeiter der Rotkreuz-Krisenintervention.

Der zweite Faktor ist Verbundenheit, die Stärkung von sozialen Netzwerken, Freunde und Familie zu aktivieren.

 

Drittens versuchen wir in dieser stressreichen Zeit für Ruhe zu sorgen. Nach der Zerstörung eines Hauses sind viele Entscheidungen zu treffen und Fragen zu klären, Behördengänge zu erledigen, aber die betroffenen Menschen brauchen zwischendurch Ruhepausen. Erwachsene glauben, sie müssen alles gleichzeitig tun. Für Kinder braucht es zum Beispiel Spielräume, in denen sie sich entspannen können. Wir geben auch Unterstützung darin, wie man mit Stressreaktionen umgeht, wenn man zum Beispiel nicht schlafen kann.

 

Was können Katastrophen-Opfer selbst tun?

 

Barbara Juen: Zu einer positiven Bewältigung gehört es auch, die Menschen aus der passiven Opferrolle zu holen. In der Fachsprache nennen wir das „selbst- und kollektive Wirksamkeit“. Wir geben Unterstützung, die eine aktive Rolle ermöglicht. Man kann zum Beispiel Gruppen und Gemeinden stärkten, damit sie die Mittel, die sie als Kollektiv zur Verfügung haben, als Gruppe nutzen. Nach dem Paznaunhochwasser zum Beispiel wurden die Kinder in den Wiederaufbau der Schulen eingebunden, indem sie selbst gemeinsam Wände bemalen durften.

 

Kann man angesichts eines existenziellen Verlustes Hoffnung geben?

 

Barbara Juen: Hoffnung klingt sehr groß in so einem Zusammenhang, ist aber ein ganz wichtiger Faktor. Wir versuchen eine positive Zukunftsorientierung zu erzeugen, indem die nächsten Schritte besprochen und unmittelbare Bedürfnisse befriedigt werden.

 

Was sind die seelischen Beschwerden? Welche Gefühle plagen Betroffene?


Barbara Juen: Da kommt die ganze Bandbreite an Gefühlen zutage, Hilflosigkeit, Wut, Verzweiflung, Schuldgefühle, das alles in raschem Wechsel. Aber auch positive Gefühle wie Dankbarkeit, Solidaritätsgefühl werden erlebt.

 

Wie gehe ich mit dem Verlust um? Gibt es Bewältigungsstrategien, die man Betroffenen empfehlen kann?


Barbara Juen: Achten Sie auf sich selbst: Schlafen Sie und gönnen Sie sich Ruhepausen. Kinder brauchen Möglichkeiten zu spielen und auch zu verstehen, was passiert ist. Binden Sie Kinder in Familienentscheidungen ein. Essen und Trinken nicht vergessen. Soweit möglich Familie und Freude aktivieren, das passiert oft ganz automatisch. Nicht zu weit in die Zukunft planen, Gedanken darüber, was in einem Jahr sein könnte, blockieren mehr als sie helfen. Da kommt man schnell Richtung Hoffnungslosigkeit. In so einer Situation ist es wichtig, von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag zu planen.

 

Manchmal muss man sich auch das Recht nehmen, einmal nicht über das Ereignis zu sprechen und sich auch in dieser Hinsicht eine Pause gönnen, sich nicht ununterbrochen damit beschäftigen.

 

Aus Ihrer Erfahrung: Was wiegt am schwersten? Materielle Verlust, Verletzungen, Verlust von persönlichen Wertgegenständen?

 

Barbara Juen: Das ist eine Kombination aus allem. Der existenziell bedrohliche Verlust ist natürlich sehr belastend, die persönlichen Erinnerungen erzeugen am meisten Verlustgefühle.

 

Was ist das Angebot des Roten Kreuzes? Wie erreiche ich die Mitarbeiter der Krisenintervention?


Barbara Juen: Am besten über den Rettungsnotruf, die Mitarbeiter der Leitstelle koordinieren auch die Krisenintervention.

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