26.03.2014 15:02

Flugzeugabsturz: Psychologische Hilfe für die Angehörigen

Rotkreuz-Chefpsychologin Barbara Juen erklärt, wie die Krisenintervention Angehörige in sehr belastenden Situationen wie der Tragödie um das verschwundene Flugzeug helfen kann.

Flugzeugabsturz: Psychologische Hilfe für die Angehörigen

Nach 17 Tagen zwischen Hoffen und Bangen haben die Angehörigen der Passagiere des verschwundenen Fluges MH370 die Nachricht erhalten: Das Flugzeug ist in den Indischen Ozean gestürzt. Es gibt keine Überlebenden. Die Hoffnung verschwindet, die Ungewissheit bleibt. Man weiß noch immer nicht genau was passiert ist. Die Angehörigen reagieren mit Trauer und wütenden Protesten.

 

Rotkreuz-Chefpsychologin Barbara Juen erklärt wie in der Krisenintervention nach so einer Tragödie geholfen wird: „Für uns geht es darum, die Betroffenen durch die Situation zu belgeiten, sie nicht alleine zu lassen, sichere und ehrliche Information zu geben, sie zu ermutigen sich gegenseitig zu unterstützen“, sagt Barbara Juen. Aufgabe der Krisenintervention sei es, den Rahmen für positive Bewältigungsmöglichkeiten zu schaffen. „Dabei gilt es bestimmte Faktoren zu erfüllen. Der erste ist Sicherheit. Man versucht, äußere und innere Sicherheit zu erzeugen, einen Ort zum Wohl- und Sicherfühlen zu schaffen. Innere Sicherheit geben Personen, die sicher und verlässlich für die Opfer da sind und sich für sie und ihre Anliegen einsetzen.“


Besonders in Situationen der Ungewissheit wie bei dem vermissten Flug sei es wesentlich, einen verlässlichen Ansprechpartner der Behörden bzw. der Airline zu etablieren, der die Angehörigen mit ehrlichen, gut erklärten Informationen über Ereignis und Suchmaßnahmen versorgt. „Die Angehörigen brauchen einen direkten Kontakt, dem sie Fragen stellen können und von dem sie Antworten erhalten.“ 


Der zweite Faktor ist Verbundenheit, die Stärkung von sozialen Netzwerken, Freunde und Familie zu aktivieren. Wenn es Gruppen von Betroffenen gibt, ermutigen wir sie, sich gegenseitig zu unterstützen.


„Drittens versuchen wir in dieser stressreichen Zeit für Ruhe zu sorgen“, erklärt Barbara Juen weiter. „Erwachsene glauben, sie müssen alles gleichzeitig tun. Für Kinder braucht es zum Beispiel Spielräume, in denen sie sich entspannen können. Wir geben auch Unterstützung darin, wie man mit Stressreaktionen umgeht, wenn man zum Beispiel nicht schlafen kann.“


Im Fall des Flugs MH370 waren die Angehörigen der Passagiere zu untätigem Warten gezwungen – eine schwer zu ertragende Situation. Barbara Juen: „Zu einer positiven Bewältigung gehört es auch, die Menschen aus der passiven Opferrolle zu holen. In der Fachsprache nennen wir das „Selbst- und kollektive Wirksamkeit“. Wir geben Unterstützung, die eine aktive Rolle ermöglicht. Man kann zum Beispiel Gruppen und Gemeinden stärken, damit sie die Mittel, die sie als Kollektiv zur Verfügung haben, als Gruppe nutzen. Nach dem Paznaunhochwasser zum Beispiel wurden die Kinder in den Wiederaufbau der Schulen eingebunden, indem sie selbst gemeinsam Wände bemalen durften.“ In diesen Situationen geht es darum, die Betroffenen aktiv sein zu lassen und ihnen kleine Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten zu geben.


Das Verarbeiten eines solch tragischen Verlustes dauert ein Leben lang, ist sich die Psychologin sicher. „Im günstigen Fall bleiben Narben, aber keine offenen Wunden. Nach längerer Zeit berichten Angehörige, dass sie an dem Schicksalsschlag gewachsen sind. In dem Sinn, dass sie ihr Leben hinterfragen und zum Beispiel persönliche Bindungen wichtiger werden als die Karriere.“ Ein persönliches Wachstum an den Ereignissen sei auch bei den Einsatzkräften in der Krisenintervention zu beobachten.

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