28.08.2019 16:18

Vom Suchen und Finden

Den Suchdienst gibt es so lange es das Rote Kreuz gibt. Warum der Suchdienst in Zeiten von Social Media immer noch notwendig ist und warum auch noch Österreicherinnen und Österreicher Schicksale klären lassen, lest ihr hier.

Vom Suchen und Finden
Foto: Österreichisches Rotes Kreuz/Kellner Holly Thomas

Klein und unscheinbar liegt das Büro des Suchdienstes in der Leonhardstraße in Graz. So unscheinbar das Büro auch sein mag, so groß ist sein Einfluss auf die Arbeit des Roten Kreuzes.

Die Stimmung im Büro ist angenehm. Man bekommt Raum und vor allem Zeit seine Geschichte zu erzählen. Krieg, Verfolgung, Katastrophen und Flucht sind meistens Themen, die die Suchenden betreffen. Auch Amir ist so ein Suchender.

Er flüchtete im Sommer 2014 gemeinsam mit seinen Eltern und drei jüngeren Geschwistern aus seinem Heimatland Afghanistan in Richtung Europa. Auf der Flucht wurde er in Pakistan plötzlich von seiner Familie getrennt und von Schleppern in einen LKW verfrachtet. Für den jungen Burschen begann eine Odyssee, die ihn im Herbst 2014 nach Österreich führte. Hier stellte Amir einen Asylantrag und wurde in einem Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge untergebracht. Zu seiner Familie hatte er seit der Trennung in Pakistan keinen Kontakt mehr. Amir war verzweifelt über den ungewissen Verbleib seiner Familie. Er beschloss einen Suchantrag beim Roten Kreuz, Landesverband Steiermark, einzubringen.

Bei jedem Fall wird zuerst abgeklärt, ob der oder die Gesuchte im Zuge eines Konfliktes, Krieges oder einer Naturkatastrophe verschwunden ist. „Wenn klar ist, dass die Suchanfrage unter eine dieser drei Kategorien fällt, gibt es einen Termin bei uns. Im Zuge dieses Termins füllen wir gemeinsam mit dem Antragsteller den Suchantrag aus.“, so Sabine Hutter, Teamleiterin des Suchdienstes.

Wichtig für die Mitarbeiterinnen ist das Zeitgeben. Personen, die einen Suchantrag stellen, sind meistens vorbelastet und sprechen nicht gerne über ihre Situation. Wir versuchen mit sehr viel Feingefühl an die Sache heranzugehen und den Leuten genügend Zeit und Raum zu geben.“ Klarerweise müssen die Mitarbeiterinnen aber auch öfter nachhaken. Oft erinnern sich Antragsteller erst später noch an Details, die vielleicht wichtig sind.

 

Die Arten der Suche

In Amirs Fall wurden der Suchantrag des Roten Kreuzes, das Formular des Internationalen Roten Kreuzes für Pakistan und das „Trace the Face“- Formular für die Online- bzw. Plakatsuche mittels Foto, ausgefüllt.

Daraufhin wurde die Suche in die Wege geleitet, indem alle Formulare, gemeinsam mit dem Foto für die Suche via „Trace the Face“, zum Suchdienst des Generalsekretariates des Österreichischen Roten Kreuzes weitergeleitet wurden. Dieser koordinierte die Suche über die internationale Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung. Über den Verlauf der Suche in den einzelnen Ländern wird das steirische Suchdienstteam ständig auf dem Laufenden gehalten, um Suchende wie Amir informieren zu können.

Die Suche gestaltet sich von Fall zu Fall unterschiedlich, je nachdem wie die Möglichkeiten vor Ort sind. Nationale Datenbanken spielen genauso eine Rolle wie Medien. In Afrika zum Beispiel ist die Suche via BBC Radio recht verbreitet, oder auch sehr einfach gehalten: das Gehen von Ort zu Ort – mit im Gepäck eine Mappe mit Suchantrag und Fotos.

 

Auch Österreicher suchen

Auch 80 Jahre nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges stellt die Schicksalsklärung von Personen, die seither als vermisst gelten, eine bedeutende Aufgabe des Suchdienstes dar. Nach wie vor werden Anfragen von zumeist Kindern oder Enkelkindern bearbeitet, die wissen möchten wo und unter welchen Umständen der Vater bzw. Großvater gefallen ist. Die Nachforschungen werden dann im Suchdienst des Generalsekretariates des Österreichischen Roten Kreuzes durchgeführt. Hier vernetzt man sich auch mit anderen nationalen Rotkreuzgesellschaften, um über das Schicksal der Vermissten möglichst genau Auskunft geben zu können.

 

Bangen und Warten

2018 gab es in der Steiermark 115 laufende Suchanträge und Schicksalsklärungen und jährlich kommen bis zu 80 dazu. Oftmals läuft die Suche nach vermissten Personen über mehrere Jahre. Ähnlich in Amirs Fall. Er bekam nach fast zwei Jahren die erfreuliche Nachricht: Seine Familie konnte über die Onlinesuche „Trace the Face“ gefunden werden. Die Familie, die sich zwischenzeitlich wieder in Afghanistan aufhielt, suchte selbst nach Amir und sah so sein Bild mit dem Suchaufruf im Internet.

Erwartungsvoll und sehr aufgeregt kam Amir ins Büro des Suchdienstes des Roten Kreuzes, Landesverband Steiermark. Eine Mitarbeiterin durfte ihm beim ersten Telefonat mit seiner Mutter nach über drei Jahren zur Seite stehen.

 

Perspektiven

An Amirs Fall, dieses unvergessliche Telefonat mit seiner Mutter und die damit verbundene Aufregung, kann sich das Team des steirischen Suchdienstes noch heute gut erinnern. Mit der steigenden Zahl an Asylanträgen 2015, kam es auch zum Anstieg der Suchanfragen. „Nur, weil die Asylanträge zurückgehen, heißt das noch lange nicht, dass weniger Menschen vermisst werden.“, so Sabine Hutter. Gerade das Interesse hinsichtlich der Aufklärung der Schicksale von Personen, die seit dem 2. Weltkrieg als vermisst gelten, nimmt nicht ab.

Der 30. August ist als „Internationaler Tag der Verschwundenen“ hunderttausenden Familien gewidmet, die keine Informationen über das Schicksal vermisster Angehöriger haben. Und so lange dies der Fall ist, wird es das kleine, unscheinbare Büro des Roten Kreuzes in der Leonhardstraße geben, um die Familien bei ihrem Recht auf Aufklärung unterstützen zu können.

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