27.05.2019 10:37

Damals wie heute – helfen im Wandel der Zeit

Vieles ändert sich im Laufe der Zeit. Doch was damals wie heute eint, ist die Liebe zum Menschen. Wir haben gefragt, wie sich der Wandel der Zeit auf die Arbeit im Wiener Roten Kreuz auswirkt.

Damals wie heute – helfen im Wandel  der Zeit

Johann Plankenbüchlers (JP, 76) erster Kontakt zum Rettungsdienst des Roten Kreuzes war im Jahr 1956, als sein Vater ihm von Hilfstransporten im Zuge des ungarischen Volksaufstandes erzählte. Als 18- Jähriger hat er sich der damaligen Hietzinger Rettungsgesellschaft vom Roten Kreuz vorgestellt. Von 1970 bis 2009 war er in der Notfallrettung tätig und zusätzlich an der Gründung der Bezirksstellen West, Lauda und Nord beteiligt. Elias Potier (EP, 29) fand im Jahr 2010 als Freiwilliger seinen Weg in den Rettungsdienst, ehe er 2015 hauptberuflicher WRK-Mitarbeiter wurde. In einem Gespräch versuchten die beiden Männer darzustellen, welche Veränderungen den Rettungsdienst in den letzten 60 Jahren prägten.

 

Wie sah der Alltag im Rettungsdienst früher aus, wie verläuft er heute?

JP: Vor der ersten Ausfahrt wurden wir mit einem Karton mit der Einsatzadresse auf die Reise geschickt. Die Kommunikation geschah über Sprechfunk. Tagsüber füllte sich der Karton mit den Einsatzadressen. Am Dienstende prahlten die einzelnen Teams: „Wir haben heute elf ‚Drahra‘ (Transporte) gemacht“. Elf Ausfahrten in zwölf Stunden – die Verkehrssituation, die Übergabe im Krankenhaus und der Aufwand waren minimal. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. 

EP: Da muss ich widersprechen: Elf Ausfahrten in zwölf Stunden sind locker möglich, falls der Disponent keine Weltreise vorgibt. Bei kurzen Wegstrecken ist das durchaus machbar – wenn es auch nicht die Regel ist. Heute haben wir jedoch statt der Kartonkärtchen Diensthandys, über die uns die Einsätze nacheinander eingespielt werden. Vor acht Jahren hatte man am Wochenende ruhigere Dienste mit rund vier Fahrten. Heute gibt es keinen Unterschied zwischen den Tagen, wir sind stets ausgelastet.

 

Wie hat sich die Ausbildung verändert?

JP: Die Ausbildung war damals noch nicht strukturiert, man konnte nur Erste-Hilfe-Kurse oder Weiterbildungen besuchen und von erfahrenen KollegInnen lernen. Die Ambulanzausstattung bestand aus einer Trage, einem Tisch, einem Sessel, einer Rädertrage für draußen, Medikamenten in Pulverform, irgendwelchen Kreislaufmitteln und einem Block für die Einsatzdokumentation. Die Tätigkeit eines Sanitäters wurde auch in der hauptberuflichen Tätigkeit als Hilfsarbeiterjob gesehen, es gab kein Berufsbild. In den 90er-Jahren versuchten die Gewerkschaften sowie die Freiwilligen-Organisationen ein Berufsbild mit entsprechenden Kompetenzen – also z.B. Rettungssanitäter und Notfallsanitäter – zu schaffen, das seinen Eingang in das Sanitätergesetz fand. Der Weg zu einer strukturierten Ausbildung war steinig – aber erfolgreich.

EP: Auch heute wird die Ausbildung wegen neuer Lehrmeinungen ständig überarbeitet. Es hat lange gedauert, bis man erkannte, dass es nicht reicht, die PatientInnen einzupacken und ins Krankenhaus zu bringen. Man kann durchaus aus technischer Sicht noch einiges optimieren und die Menschen bereits am Einsatzort „antherapieren“. Der Lehrplan und das Ziel eines Berufsbildes resultieren sicher aus dieser Zeit, sonst würde jeder machen, was er will. 

JP: Ende der 50er, Anfang der 60er-Jahre hatte die Wiener Rettung das Monopol auf die Notfallrettung – aber auch das Rote Kreuz wollte da hineinkommen. Der Ton im Schriftverkehr zwischen dem Roten Kreuz (RK) und der Stadt Wien wurde immer rauer. Das RK argumentierte mit dem zunehmenden Verkehr und den vermehrten Unfällen. Doch die Gemeinde Wien gab nicht nach. Der Polizei wurde verboten, uns, die Hietzinger Rotkreuz-Freiwilligen, zu alarmieren. Wir hörten aber den Polizeifunk ab. Wann immer die Leitstelle der Polizei einen Unfall meldete, kamen unsere mit Ärzten besetzten Ambulanzen ganz „zufällig“ vorbei, um den Patienten zu versorgen und abzutransportieren. Die Leerinterventionen der Rettung Wien stiegen sprungartig an. Nach der Gründung des Landesverbandes Wien 1961 schlief die Auseinandersetzung ein, denn der spätere Stadtrat und Wiener Rotkreuz-Präsident Univ.-Prof. Dr. Alois Stacher erwirkte eine Zusammenarbeit mit der Gemeinde Wien: Der auch heute höchst wirksame Rettungsverbund wurde zum Vorteil der Wiener Bevölkerung und zum Nutzen aller Beteiligten etabliert.

 

Was hat sich beim Equipment und den Fahrzeugen geändert?

EP: Das Equipment unserer Fahrzeuge geht von Absaugern, über Defibrillatoren, Sauerstoffmasken, Intubationsgeräten, Verbandsmaterial bis zu Partus-Paketen für Geburten samt der Grundausrüstung für die Diagnostik, wobei sich bei der Blutdruck-Manschette wahrscheinlich nicht viel geändert hat.

JP: Die hatten wir damals noch nicht. Wir hatten eine Cramer-Schiene, ein verstellbares Drahtgeflecht abgedeckt mit Polstern, einen Verbandskasten aus Holz und ab den 60er-Jahren anlässlich der Polio-Epidemie ein Beatmungsgerät, einen Poliomat. Für medizinische Notfälle waren die Rettungsfahrzeuge damals noch nicht ausgerüstet – das war die Arbeit des Arztes, der alles in seiner Tasche hatte. Klimaanlagen gab es in den Fahrzeugen natürlich nicht, dafür aber eine Heizung – den Motor.

EP: Ich glaube, was die Fahrzeuge betrifft ist der einzige gemeinsame Nenner das Emblem auf der Motorhaube; Motorisierung, Ausstattung, Leistung, Getriebe, Lackierung und ähnliches haben sich stark verändert. Denn heute ist es undenkbar, dass ein Auto keine Klimaanlage hat, das kann man den Patientinnen und Patienten nicht zumuten.  

 

Wie steht ihr den Veränderungen der letzten Jahre gegenüber?

EP: Es verändert sich einfach. Nicht alles, aber vieles ist besser geworden. Als schwieriger sehe ich das gesellschaftliche Bild von Rettungssanitätern an. Man ist oftmals nicht mehr der angesehene Helfer, sondern gilt als Blaulichttaxi. Mit dieser mangelnden Wertschätzung kämpft auch die MA70, weil vieles als Notfall ausgegeben wird, das – zum Glück für die Patientinnen und Patienten – kein Anlass für einen Notruf ist.

JP: Wie es früher war, sehe ich wertfrei, denn wir waren froh über alles, was wir hatten. Doch das digitale Zeitalter hat vieles verändert. Statt Handys und GPS hatten wir Sprechfunk und Landkarten, womit wir gut auskamen. Doch die Begeisterung für unsere Arbeit war damals ebenso groß wie die der Kolleginnen und Kollegen von heute.

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