02.06.2019 08:14

Mehr als nur eine Vermittlung

Das Beschäftigungsprojekt VISITAS widmet sich der Integration arbeitsloser Frauen ins Erwerbsleben. Voraussetzung für eine gelungene Vermittlung ist allerdings das Verlassen gewohnter Wege und Bereitschaft für Neues.

Mehr als nur eine Vermittlung
Frauenpower mit Vorbildfunktion – das Team von VISITAS

Aufnehmen und ernst nehmen

Wenn die künftigen Mitarbeiterinnen über das Arbeitsmarktservice an VISITAS vermittelt werden, sind die Tätigkeitsfelder vielfältig: von Besuchsdienst und mehrstündiger Alltagsbetreuung, über persönliche Assistenz bis hin zur „ALLTAGS-HILFE-ANDERS“ begleiten sie Menschen, deren Lebenssituation es körperlich oder kognitiv erfordert. Da der Umgang mit KlientInnen herausfordernd ist, bietet VISITAS über die Dauer des Projekts einmal wöchentlich eine Plattform zum Erfahrungsaustausch. Neben aktuellen Erlebnissen im Arbeitsalltag, werden hier belastende Situationen ebenso wie Erfolge miteinander geteilt.

Dieses vom AMS finanzierte Projekt reflektiert im Rahmen von Coachings, Einzel- und Gruppengesprächen die bisherigen Erfahrungen in der Arbeitswelt. Stärken der Teilnehmerinnen werden gefördert und oft erstmalig bewusst gemacht, um das Selbstwertgefühl der Arbeitsuchenden zu festigen. An etwaigen Defiziten hingegen wird gearbeitet, damit die Frau sich in künftigen Bewerbungssituationen besser durchsetzen können. Wie diese Art der Betreuung bereits nach wenigen Monaten greift und welche Auswirkungen sie auf die einzelnen Teilnehmerinnen hat zeigt sich am Beispiel einer Mitarbeiterin.  

 

Ein steiniger Weg

Als die 41-jährige Vera R. 2003 von Bulgarien nach Österreich kam, sah sie sich rasch mit der harten Realität des Arbeitsmarktes konfrontiert: für eine Ausbildung war sie zu alt und die bisherigen Berufserfahrungen waren unzureichend. Denn im Alter von neun Jahren fiel sie aufgrund ihrer familiären Situation bereits aus dem Schulsystem. Beinahe zwei Jahrzehnte arbeitete die junge Frau ausschließlich in prekären Dienstverhältnissen und hantelte sich –  so gut es eben ging, durch, bis sie 2009 – nach dem Tod ihres Mannes – erstmals auf sich allein gestellt war. 

Doch Vera R. weigert sich, ihr bisheriges Leben auch weiterhin als gegebenes Schicksal zu akzeptieren und macht 2013 ihren Hauptschulabschluss. Egal ob als Malerhelferin, Näherin, Buchbinderin, Reinigungskraft oder Büglerin – sie wollte selbstbestimmt leben. Von ihrer Aufnahme bei VISITAS erzählt sie noch heute völlig fassungslos: „Ich habe gedacht, jetzt sagen sie mir, dass eine Übernahme in das Projekt nicht möglich ist. Dass ich für diese Arbeit nicht geeignet bin und es woanders versuchen solle. Und dann sagten sie mir, ich hätte es geschafft, da war ich einfach sprachlos.“ 

 

Was zählt, sind die Momente

Die Einschätzung des Teams erwies sich als richtig, Vera R. startet voller Elan und bringt ihre Energie im Umgang mit KlientInnen tagtäglich ein. Leicht ist es nicht, das gibt sie zu, aber: „VISITAS ist wie eine Familie – ich war zwar schon bei einigen Firmen, aber der Umgang miteinander ist hier sehr offen. Probleme können offen angesprochen werden und du wirst nicht damit alleingelassen. Denn in einer Arbeit wie dieser, die oft belastend sein kann, musst du darüber sprechen.“

Sich abzugrenzen und Erlebtes nicht mit nach Hause zu nehmen, lernt die 41-Jährige erst mit der Zeit und mittlerweile gelingt es ihr einigermaßen, so sagt sie und fügt lachend hinzu: „Zumindest in den meisten Fällen.“  Gänzlich kalt lässt einen der direkte Umgang mit Menschen nie, doch gerade die positiven Erlebnisse und das Gefühl, den KlientInnen einen schönen Nachmittag ermöglicht zu haben, spornen an, nicht aufzugeben und weiterzumachen. „Gerade die an Demenz erkrankten Menschen erinnern sich oft nicht einmal mehr, worüber du vor zehn Minuten mit ihnen gesprochen hast. Da bringt es aber nichts, die Nerven wegzuschmeißen. Es ist ein Leben von Moment zu Moment und wenn ich auch nur ein paar davon besser gemacht habe, dann war es ein guter Tag,“ erzählt Vera R. mit schonungsloser Ehrlichkeit. 

Bereits nach den ersten Monaten gesteht sich die Teilnehmerin ein, dass für sie eine Zukunft im sozialen Bereich nicht vorstellbar ist. Denn trotz Unterstützung und ihrer Bemühungen, sich abzugrenzen, hängt sie zu sehr an den KlientInnen und ist zu emotional involviert. Aufgeben kommt dennoch nicht infrage, schließlich ist sie mittlerweile vier Monate im Projekt und möchte vor allem sich selbst beweisen, dass sie etwas mit Freude zu Ende bringen kann, auch wenn „die Frage, wie es weitergeht, immer noch ungeklärt ist und ich langsam schon unsicher werde, was nach VISITAS sein wird.“

Auf die Frage, was sich Vera R. für ihre Zukunft wünscht, antwortet sie mit einem Lächeln: „Ich möchte einfach nur eine faire Chance bekommen. Das ich nicht von vornherein abgelehnt werde. VISITAS hat das zum ersten Mal gemacht und ich bleibe optimistisch, noch einmal so ein Glück zu haben.“ 

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