Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich begrüße Sie in einer Welt, die völlig anders ist als die des Mai 2013. Als ich zum ersten Mal die Ehre hatte, zum obersten Freiwilligen des Österreichischen Roten Kreuzes gewählt zu werden. Auch damals hat es nicht nur Sternstunden gegeben. Aber auch nicht eine Schrecksekunde nach der anderen, so wie heute. Ich bin deshalb nicht demotiviert oder pessimistisch. Aber es kommen schon schwierige Zeiten auf uns zu.
INTERNATIONAL: International funktioniert die Ordnung zwischen den Staaten nicht mehr. Jahrzehntelang war sie auf Regeln gebaut. Jetzt nehmen regellose Rivalitäten zu. Großmächte wenden wirtschaftlichen und militärischen Zwang an. Wer nicht zum Raubtier wird, landet selbst auf dem Teller. Trotzdem: Auch kleinere Staaten sind nicht verloren. Sie müssen sich zusammentun und thematische Koalitionen bilden: wirtschaftlich, militärisch und auch ethisch, etwa beim humanitären Völkerrecht. Sie können gemeinsam ihren Einfluss geltend machen, ihre Souveränität behaupten, dem Druck standhalten. Noch sitzt sogar Russland am Verhandlungstisch der UNO, die Kommunikationslinien sind noch nicht gekappt. Jenseits des Reputationsgewinns kann also auch Österreich als nicht-ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrates in den nächsten zwei Jahren eine Rolle zur Stärkung des Völkerrechts spielen und hat das auch vor.
Das scheint mir auch eine brauchbare Strategie für unsere Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung zu sein. Mittel für internationale Hilfe werden gekürzt. Wir müssen deshalb stärker gemeinsam dort handeln, wo es Übereinstimmungen gibt: Mit unseren Schwestergesellschaften, mit unserer Rotkreuz-Föderation, mit dem IKRK. Vor allem müssen wir Nationale Gesellschaften stärken, damit sie uns nicht mehr brauchen. Um diese Entwicklung voranzutreiben, sollte die Stimme des Österreichischen Roten Kreuzes in unserer Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung größeres Gewicht haben.
NATIONAL: In Österreich, ja in ganz Europa holt uns nun ein, worauf das Rote Kreuz schon jahrzehntelang hinweist: Der radikal veränderte Altersaufbau unserer Gesellschaft. Mit all seinen Auswirkungen auf Arbeitsmarkt, Gesundheit, Pensionen, Pflege, auf den Sozialstaat. Das bringt auch uns unter Druck: bei den Dienstleistungen, bei den Freiwilligen, bei der Blutspende. Um weiterhin für die Menschen da zu sein, sollten auch wir enger zusammenrücken und die Kräfte konzentrieren. „Das Österreichische Rote Kreuz ist analog zum bundesstaatlichen Aufbau Österreichs gegliedert“, heißt es in einem älteren Leitbild. Es hat wohl einen Grund, dass dieses Leitbild nicht mehr ganz zeitgemäß ist. Auch wir müssen uns fragen: Was ist notwendige Subsidiarität, was lähmender Föderalismus? Was stärkt unsere Stärken, macht uns wirklich schlagkräftig? Sichtbare strukturelle Akzente wären hier sehr willkommen.
EUROPA: Europa erweist sich in der momentanen Situation der äußeren Bedrohungen plötzlich als mehr als die Summe seiner Institutionen, mehr als ein gemeinsamer Markt. Anstelle einer in Ost und West geteilten Welt spricht der deutsche Historiker Herfried Münkler von einer Pentarchie: Von einer Weltordnung der fünf Mächte. Die USA, Russland, China und Indien sind dabei. Was spricht gegen Europa als fünfte Macht, die ebenfalls ihre Lebensart und ihre Werte verteidigen kann? Denn man muss sich verteidigen können, um sich nicht verteidigen zu müssen.
Selbst, wenn es noch kein Europäisches Rotes Kreuz gibt: Jede europäische Nationale Rotkreuz-Gesellschaft spielt in der veränderten Sicherheitslage eine Rolle, wenn auch eine zivile. Dabei rede ich gar nicht in erster Linie vom Verteidigungsfall. Auch jeder Krise oder Katastrophe lässt sich gemeinsam besser begegnen. Mit dem im vergangenen November von der Präsidentenkonferenz beschlossenen „Triester Papier“ steht uns dafür ein Orientierungsrahmen zur Verfügung. Nutzen wir ihn!
Wenn der Krisenfall eintritt, ist es allerdings zu spät für die Vorsorge. In so einem Fall sind nach oben hin zuständig: Gemeinde, Land, Bund, die EU. Aber auch nach unten gibt es Zuständigkeiten: Die Gemeinschaften, in denen wir leben, die Familie, das Individuum. Ihnen muss das Rote Kreuz sagen, wie man sich auf Krisen vorbereitet und sich darin verhält. Nicht, indem wir Angst verbreiten, sondern Zuversicht: Dass wir die Krisen, die bestimmt kommen, als gut vorbereitete Gesellschaft, als Gemeinschaft, als Haushalt, als Person gut bewältigen.
COMPLIANCE: Ein Thema noch, das mir wichtig ist: Ich bin zwar nicht dafür, dass Vorschriften und Verbote immer stärker unseren Umgang miteinander regeln. „Überall drängen sich gute Hirten auf – sind wir zu Schafen geworden?“, fragt der Philosoph Konrad Paul Liessmann. Aber es kommt vor, dass der nötige Anstand im täglichen Umgang fehlt. Dafür haben wir Compliance-Regeln. Sie dienen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des ÖRK als leicht verständliche Handlungsanleitung. Sie schaffen Bewusstsein für rechtlich und ethisch korrektes Verhalten.
Das Rote Kreuz wird am eigenen Anspruch gemessen: Jede und jeder Einzelne von uns stehen für das Ganze. Compliance-Regeln tragen auch dazu bei, die Integrität der weltweiten Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung zu schützen. Transparenz, Good Governance, Wertetreue: Das alles muss funktionieren.
Wir spüren, dass viele Dinge in Bewegung sind: Weltweit, in Europa, in Österreich, im Roten Kreuz. In dieser instabilen Welt wollen wir ein verlässlicher Partner bleiben. Denn mehr Menschen als je zuvor werden uns brauchen.
Mittlerweile fast 30 Jahre im Europarat und beim Roten Kreuz haben mich nicht nur Demut gelehrt, sondern auch die Erkenntnis: Bezahlen müssen immer die Schwächsten. Nicht wir sind die Heldinnen und Helden dieser Welt. Sie sind es, deren Namen wir meist nicht einmal kennen. Die Unschuldigen, gefangen im eitlen Machtstreben anderer. Die in Armut leben, keine Bildung haben, krank oder verletzt sind, oft alles verlieren, unermesslich leiden. Sie tragen die wahre Würde der Menschlichkeit. Frauen und Männer, die die letzten Reste ihrer Familien schützen, wenn sonst alles verloren ist. Die den Mut finden, noch einen weiteren Tag voller Hunger und Krieg und Armut zu überstehen. Die die Überreste geliebter Menschen im Staub zurücklassen und weitergehen, weil ihnen keine andere Wahl bleibt.
Die Welt vergisst sie rasch, wenn die Fernsehbilder wieder verblassen. Aber wir vergessen nicht. Wir helfen ihnen, und wir erzählen ihre Geschichten. Zusammen ergeben sie die Geschichte des Roten Kreuzes, deren Teil wir sind, und die wir weiterführen und weitererzählen.
Meinem Team von der Geschäftsleitung im ÖRK und den Teams aus den Landesverbänden danke ich für die Zusammenarbeit in den letzten Jahren. Bleiben Sie weiterhin Leader und nicht bloß Manager. Denn Manager sind Leute, die zwar die Dinge richtig tun. Aber Leader: Die tun außerdem die richtigen Dinge.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit!
Jahreshauptversammlung 2026
ÖRK-Präsident Univ.-Prof. DDr. Gerald Schöpfer Ansprache, 79. ordentliche Hauptversammlung am 27. Juni 2026