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Afghanistan, die humanitäre Lage spitzt sich zu

"Es hilft ja nichts, wir müssen weitermachen!"

Kinder in Afghanistan

In Afghanistan verschärft sich die humanitäre Lage weiter. Während in der Grenzregion zu Pakistan neue Angriffe Menschen zur Flucht zwingen, wächst zugleich die Sorge vor zusätzlichen Rückkehrbewegungen aus dem Iran. Für das Rote Kreuz und den Roten Halbmond bedeutet das: Hilfe unter immer schwierigeren Bedingungen aufrechterhalten – und dort weiterarbeiten, wo Unterstützung am dringendsten gebraucht wird.

Bürogebäude des Roten Halbmondes in Nangahar
Bürogebäude des Roten Halbmondes in Nangahar. ©ÖRK

Mit Beginn des bewaffneten Konflikts im Iran steht der Nahe Osten seit Ende Februar 2026 erneut im Fokus der Weltöffentlichkeit. Dass in Afghanistan zeitgleich eine weitere Krise gewaltsam eskaliert, wird medial weniger beachtet – stellt das Rote Kreuz beziehungsweise den Roten Halbmond aber ebenfalls vor massive Herausforderungen. Denn gerade die Menschen in der Grenzregion zu Pakistan sind seit einem schweren Erdbeben im Herbst „im Sinne des humanitären Kontexts extrem belastet“, sagt Christopher Bachtrog: „Die Menschen in den Provinzen Kunar und Nangarhar im Osten des Landes haben in den vergangenen Monaten so viel durchgestanden. Und jetzt fangen auch noch die militärischen Angriffe an.“

Ausbildungsprogramme werden ausgesetzt

Christopher Bachtrog arbeitet beim Österreichischen Roten Kreuz als Koordinator für internationale Katastrophen und Krisen; Afghanistan hat der Tiroler selbst bereits mehrmals besucht. Zuletzt war er im April des Vorjahres vor Ort, um speziell die Zusammenarbeit mit dem Afghanischen Roten Halbmond und den Kolleginnen und Kollegen vom Dänischen Roten Kreuz abzustimmen.

Aktuell verfolgt er die Situation von Wien aus – und hat tiefgreifende Entscheidungen mitzutragen: „Nach einem Raketenangriff auf den Flughafen Dschalalabad in der Provinz Nangarhar mussten die Trainingszentren für unsere Frauenbildungsprogramme, die sich in unmittelbarer Nähe befinden, temporär geschlossen werden. Die Lage ist zurzeit einfach zu gefährlich.“

Frau an einer Nähmaschine
Eine Afghanin wird zur Näherin ausgebildet. ©ÖRK

Hilfe zur Selbsthilfe

Das Österreichische Rote Kreuz unterstützt gemeinsam mit dem Dänischen Roten Kreuz seit 2022 eine Reihe von Programmen des Afghanischen Roten Halbmonds. Sie sollen gezielt die Lebensgrundlagen von Frauen stärken. Finanziert werden diese Programme aus Mitteln der Austrian Development Agency (ADA), der österreichischen Agentur für Entwicklungszusammenarbeit.
Frauen bekommen in sechsmonatigen Kursen eine grundlegende Ausbildung in verschiedenen Handwerksberufen. Zusätzlich wird ihnen das notwendige wirtschaftliche Wissen vermittelt, um sich einen eigenen Kleinbetrieb aufzubauen, sagt Christopher Bachtrog. „Das Ziel ist, dass sie sich selbst und bei Bedarf ihre Familie ernähren können.“
Unterrichtet werden die Frauen von freiwilligen Helferinnen des Afghanischen Roten Halbmonds. Zuletzt profitierten rund 400 Afghaninnen landesweit von Ausbildungen in unterschiedlichen Berufsfeldern: „Wir haben Bäckereien, Kosmetikbetriebe, Nähereien und Stickereien aufgebaut“, sagt Christopher Bachtrog. „Aber auch Keramikmanufakturen, eine Glasbläserei und einen Betrieb, in dem Frauen Lampen und Leuchtmittel herstellen.“
Der ursprüngliche Projektrahmen wäre – unabhängig von den aktuellen Entwicklungen – mit Ende März 2026 ausgelaufen, sagt Christopher Bachtrog. „Erfreulicherweise wurde das Budget von der ADA aufgestockt. So können wir die Programme bis 2027 nicht nur weiterführen, sondern sogar noch ausbauen.“

Auswirkungen für Zivilbevölkerung

Was auch dringend notwendig ist. Denn die Zahl der Menschen, die Unterstützung brauchen, steigt stetig an. Allein in der ersten Märzwoche sind laut ersten Schätzungen des Afghanischen Roten Halbmonds 110 Zivilisten bei pakistanischen Angriffen ums Leben gekommen, mehr als 100 weitere wurden verletzt: „Dazu kommt, dass in den betroffenen Gebieten rund 100.000 Menschen ihr Zuhause verloren haben und fliehen mussten.“
Der Konflikt zwischen Pakistan und Afghanistan schwelt bereits seit vielen Jahren. Im Februar gab es Angriffe auf Militärposten auf der pakistanischen Seite der Grenzregion, Ende des Monats begann Pakistan, die grenznahen Provinzen Kunar, Nangarhar, Paktika und Kandahar mit Drohnen, Bomben und Raketen anzugreifen.

Vorbereitung auf Rückkehrbewegung

Der Konflikt zwischen Pakistan und Afghanistan kann nicht vollständig isoliert von den fortlaufenden Entwicklungen im Iran gesehen werden, sagt Christopher Bachtrog. „Die Parteien sind natürlich vom weiteren Verlauf des Konfliktes im Mittleren Osten betroffen – über Rohstoffpreise, aber auch über politische Bündnisse und Interessen. Es ist allerdings noch unklar, ob der Konflikt im Mittleren Osten die Auseinandersetzungen zwischen Afghanistan und Pakistan weiter eskalieren lässt oder verkürzen wird.“
Der zweite, etwas besser abschätzbare, Aspekt ist die direkte, rund 950 Kilometer lange Grenze zwischen Afghanistan und dem Iran. „Der afghanische Rote Halbmond bereitet sich bereits auf eine größere Rückkehrbewegung von Afghaninnen und Afghanen aus dem Iran vor.“
Die Grenze führt großteils durch bergiges, unwegsames Gelände und Wüstengebiete, sagt Christopher Bachtrog. Viel hängt davon ab, welche Regierung in Teheran am Ende des Konfliktes an der Macht sein wird: „Wir können noch nicht sagen, wie die neuen Behörden Afghanistan gegenüberstehen. Und auch nicht, was das für die afghanische Diaspora konkret bedeutet. Wir gehen aber davon aus, dass täglich zwischen 4.200 und 21.000 Menschen aus dem Iran nach Afghanistan zurückkehren werden, sobald sich die Lage etwas beruhigt hat.“

mobiles Gesundheitsteam in Afghanistan
mobiles Gesundheitsteam in Afghanistan ©IFRC

Unglaubliche Resilienz

Das Österreichische Rote Kreuz betreibt in Afghanistan neben den Ausbildungsprogrammen auch drei mobile Gesundheitsteams, die in abgelegenen Regionen zumindest eine rudimentäre medizinische Versorgung ermöglichen sollen. Eines dieser Teams ist in der östlichen Provinz Nangarhar (wo rund 1,8 Millionen Menschen leben) im Einsatz, sagt Christopher Bachtrog. „Insgesamt hat der Afghanische Rote Halbmond rund hundert dieser Teams im Einsatz. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Unterstützung der Zivilbevölkerung.“
Nicht zuletzt, weil die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Afghanischen Roten Halbmonds eine unglaubliche Resilienz an den Tag legen, sagt Christopher Bachtrog: „Die Kolleginnen und Kollegen haben sich daran gewöhnt, unter schwierigsten Umständen zu arbeiten. Solange es irgendwie geht, treiben sie ihre Hilfsprogramme voran. Auch unsere Projekte in Nangarhar haben sie nur deshalb temporär gestoppt, weil die Bombeneinschläge so nah am Ausbildungszentrum waren. Aber ansonsten lassen sie sich nicht aufhalten. ‚Es hilft ja nichts‘, sagen sie, ‚wir müssen weitermachen‘.“

Deine Spende hilft Menschen in den betroffenen Regionen! Danke.

Zahlen und Fakten

Auswirkungen

  • 110 Zivilpersonen getötet, die Mehrheit davon Frauen und Kinder
  • 123 Menschen verletzt
  • 64 Häuser zerstört, 316 weitere teilweise beschädigt
  • 12 Geschäfte, 19 Moscheen, 1 Klinik und 1 Madrasa beschädigt
  • Rund 13.531 Familien vertrieben, das entspricht etwa 100.000 Menschen
  • Auch 3 temporäre Lager für rückkehrende Geflüchtete sind betroffen
  • Viele Rückkehrer befinden sich in den angrenzenden Provinzen zu Pakistan
  • Zahlreiche Menschen in den betroffenen Gebieten waren bereits durch das Erdbeben im Vorjahr stark belastet und sind nun zusätzlich vom Konflikt betroffen

Aktivitäten

  • Mobile Gesundheitseinheiten versorgen Betroffene in den betroffenen Gebieten und auf der Flucht
  • Unterstützung mit Zelten, Decken und weiteren Hilfsgütern für geflüchtete Menschen
  • Eine Ausschüttung aus dem Disaster Relief Emergency Fund der Föderation wurde beantragt, um die Unterstützung auszuweiten

Unsere Projekte

  • Gefördert durch die ADA mit 2 Mio. Euro
  • Unterstützung für fast 100.000 Menschen
  • Schwerpunkte: Gesundheit, psychosoziale Unterstützung und Frauenbildungsprogramme
  • Ein mobiles Gesundheitsteam ist direkt in der betroffenen Region im Einsatz und versorgt auch Menschen auf der Flucht
  • Insgesamt sind derzeit 3 mobile Gesundheitsteams aktiv
  • Über die Projektlaufzeit sollen bis Juni 2027 mehr als 90.000 Menschen medizinisch versorgt werden
  • Berufsbildungsprogramm für 580 Frauen
  • Unterstützung für 870 Bäuerinnen und Viehzüchterinnen
  • Das Programm deckt sowohl Regionen an der pakistanischen als auch an der iranischen Grenze ab und unterstützt Menschen auf der Flucht sowie Rückkehrer:innen

Aktuelle Einschränkungen

  • In Nangarhar kam es zu Angriffen auf den Flughafen in unmittelbarer Nähe eines Trainingszentrums
  • Dort liefen gerade Berufsbildungsprogramme für 125 Frauen
  • Es wurde niemand verletzt
  • Das Ausbildungsprogramm musste aus Sicherheitsgründen vorübergehend pausiert werden
  • Ziel ist, das Programm fortzusetzen, sobald die Kampfhandlungen aufhören

Fact Box

afghanische Flagge

Afghanistan

  • Einwohnerzahl: 42.647.492 (2024, World Bank)
  • Fläche: 652.230 km²
  • Urbanisierung: 26,93 % Stadtbevölkerung (2023)
  • Lebenserwartung: 66,04 Jahre (2023)
  • Alphabetisierung (15+): 2021 als jüngstes Jahr verzeichnet; 88,7 % nicht belegbar
  • Bildung: erwartete Schuljahre 2,515 / durchschnittliche Schuljahre ca. 2,5
  • GNI pro Kopf (PPP): ca. 1.970 int. US-$ (2023)
  • BIP pro Kopf (PPP): ca. 2.200 int. US-$ (2024, IMF)
  • Flugkilometer ab Wien (VIE), Luftlinie: Afghanistan (Kabul, KBL): 4.556,4 km
Flagge Pakistans

Pakistan

  • Einwohnerzahl: 251.269.164 (2024, World Bank)
  • Fläche: 796.095 km² (Gesamtfläche; Worldfactbook)
  • Urbanisierung: 38,36 % Stadtbevölkerung (2024, World Bank)
  • Lebenserwartung: 67,6 Jahre (2023, UNDP; World Bank liegt bei 67,65)
  • Alphabetisierung (15+): 58,86 % (2021)
  • Bildung: erwartete Schuljahre 7,9 / durchschnittliche Schuljahre 4,3 (2023, UNDP)
  • GNI pro Kopf (PPP): 5.501 int. US-$ (2023, UNDP)
  • BIP pro Kopf (PPP): ca. 6.287 US-$ (2024, World Bank)
  • Flugkilometer ab Wien (VIE), Luftlinie: Pakistan (Islamabad, ISB): 4.892,1 km

FAQ zur Lage in Afghanistan

Das Rote Kreuz und der Rote Halbmond unterstützen Menschen in den betroffenen Regionen Afghanistans unter anderem mit mobilen Gesundheitseinheiten, Zelten, Decken und weiteren Hilfsgütern. Ein mobiles Gesundheitsteam ist direkt in der betroffenen Region im Einsatz und versorgt auch Menschen auf der Flucht.

Die humanitäre Hilfe ist derzeit besonders wichtig, weil viele Menschen ihr Zuhause verloren haben, fliehen mussten oder bereits durch frühere Belastungen wie das Erdbeben im Vorjahr geschwächt sind. Gleichzeitig steigt die Zahl der Menschen, die auf medizinische Versorgung, Schutz und Unterstützung angewiesen sind.

Die mobilen Gesundheitsteams ermöglichen in abgelegenen Regionen zumindest eine grundlegende medizinische Versorgung. Insgesamt sind rund hundert dieser Teams im Einsatz, davon drei im Rahmen der unterstützten Projekte. Sie helfen sowohl in betroffenen Gemeinden als auch Menschen auf der Flucht.

Das Österreichische Rote Kreuz unterstützt gemeinsam mit dem Dänischen Roten Kreuz seit 2022 Programme des Afghanischen Roten Halbmonds, die die Lebensgrundlagen von Frauen stärken sollen. In sechsmonatigen Kursen erhalten Frauen eine Ausbildung in Handwerksberufen und wirtschaftliches Wissen, um sich einen eigenen Kleinbetrieb aufzubauen.

Frauen können in den Programmen unter anderem in Bäckereien, Kosmetikbetrieben, Nähereien und Stickereien ausgebildet werden. Zusätzlich wurden auch Keramikmanufakturen, eine Glasbläserei sowie ein Betrieb für Lampen und Leuchtmittel aufgebaut.

Zuletzt profitierten rund 400 Afghaninnen landesweit von Ausbildungen in unterschiedlichen Berufsfeldern. Über die Projektlaufzeit ist außerdem ein Berufsbildungsprogramm für insgesamt 580 Frauen vorgesehen.

Der Afghanische Rote Halbmond bereitet sich bereits auf eine größere Rückkehrbewegung von Afghaninnen und Afghanen aus dem Iran vor. Die unterstützten Programme decken daher sowohl Regionen an der pakistanischen als auch an der iranischen Grenze ab und helfen Menschen auf der Flucht sowie Rückkehrerinnen und Rückkehrern.

Die Hilfsprojekte konzentrieren sich auf Gesundheit, psychosoziale Unterstützung und Frauenbildungsprogramme. Darüber hinaus unterstützen sie auch Bäuerinnen und Viehzüchterinnen und helfen Menschen, sich eine eigene wirtschaftliche Grundlage aufzubauen.

Die Programme konnten durch eine Aufstockung des Budgets weitergeführt und ausgebaut werden. Sie sollen nun bis 2027 laufen, und im medizinischen Bereich sollen bis Juni 2027 mehr als 90.000 Menschen versorgt werden.

10.03.2026

Krisenregion

Landkarte, die Afghanistan, Pakistan Iran etc zeigt

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