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Angriffe im Libanon: „Wir alle haben Angst!“

Ein Bericht zur derzeitigen Lage im Libanon

Österreichisches Rotes Kreuz Team
Mitarbeiter des ÖRK in Beirut. vlnr.: Rania Bou-Rjeili, Clara Mohtar, Magdalena Penninger, Michel Fafour ©ÖRK

Nach einer neuen Welle von Bombenangriffen stehen Hunderttausende Menschen im Libanon vor dem Nichts. Wasserexpertin Clara Mohtar berichtet aus Beirut über ihre Angst und Erschöpfung im Chaos der vergangenen Tage – und wie das Rote Kreuz unter erschwerten Bedingungen versucht, die Lage der Menschen vor Ort zu verbessern.

Rotkreuzhelfer bei Bergearbeiten im Libanon
©LRC

„Es kam aus dem Nichts“, sagt Clara Mohtar. Sie denkt mit Schrecken an die Nacht von 3. auf 4. März 2026. Die Lage im Iran hatte sich in den vorangegangenen Tagen dramatisch entwickelt, doch im Libanon herrschte vergleichsweise Ruhe. „Und dann kamen die Bombenangriffe, vor allem im Süden des Landes und in den südlichen Vororten der Hauptstadt Beirut. Die Menschen hatten geschlafen und wussten nicht, was da los war. Es hatte keinerlei Warnungen gegeben. Sie flüchteten in Panik aus ihren Häusern. Es war eine furchtbare Nacht.“

Von den Entwicklungen überrollt

 

Die 28-jährige Libanesin arbeitet seit 2022 für das Österreichische Rote Kreuz. Sie hat in Beirut Bau- und Umweltingenieurwesen studiert und zusätzlich eine mehrjährige Ausbildung mit Fokus auf Trinkwasserinfrastruktur absolviert. Normalerweise konzentriert sich Clara Mohtar als „Senior Regional WASH Officer“ vor allem auf ihre Aufgaben im Bereich Trinkwasseraufbereitung. „Ja, richtig: normalerweise! Aber die Prioritäten haben sich verschoben. Alle Projekte, an denen wir teilweise seit ein, zwei Jahren arbeiten, stehen derzeit still. Wir fokussieren uns jetzt nur noch auf Nothilfe und Sofortmaßnahmen.“

Zurzeit, sagt Clara Mohtar, gibt es im Libanon keinen geregelten Tagesablauf: „Wir haben keine Ahnung, was als nächstes passiert. Die Entwicklungen der vergangenen Tage haben uns völlig überrollt. Es gibt so viel zu tun. Wir wissen kaum noch, worauf wir uns konzentrieren sollen. Der Bedarf an Hilfe ist enorm. Aber auch wir, die wir Hilfe leisten, sind schon so unglaublich erschöpft. Wir sind alle unglaublich müde – körperlich, wie auch mental.“

Erste Hilfslieferungen im Libanon
Hilfslieferungen erreichen den Libanon. ©LRC

Die Lage ist extrem chaotisch

Die Rettungsteams des LRC sind Tag und Nacht unterwegs um Menschen aus Trümmern zu bergen und erste Hilfe zu leisten.
Die Rettungsteams des LRC sind Tag und Nacht unterwegs um Menschen aus Trümmern zu bergen und erste Hilfe zu leisten. ©LRC

Insgesamt gibt es im Libanon 596 Notunterkünfte, in denen die Menschen Schutz suchen können, sagt Clara Mohtar. „Aber wir reden mittlerweile von mehr als 800.000 Vertriebenen. Der Süden des Libanon bis zum Litani-Flusses – also rund 20 Prozent unseres Territoriums – wurde ebenso evakuiert wie die südlichen Vororte von Beirut. Zahlreiche Menschen wollten mit den Autos flüchten, was zu einem Verkehrsinfarkt führte. Die Lage ist im Moment extrem chaotisch, unzählige Menschen sind auf der Straße und wissen, wohin sie gehen sollen.“

Der gebirgige Norden des Landes scheint aktuell einigermaßen sicher zu. Auch Clara Mohtar kommt aus dem Libanongebirge. Sie hat Angst um ihr Leben, sagt sie. „Wir haben alle Angst. Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Wir haben alle eine gepackte Tasche neben der Tür stehen – für den Fall, dass wir schnell flüchten müssen.“

Weil das Leben einen Sinn braucht

Immerhin, ihre Arbeit fürs Rote Kreuz lenkt sie von den eigenen Sorgen. „Ich bin Ingenieurin. Ich wollte mich immer schon im humanitären Bereich engagieren. Mich hat es nie interessiert, einfach in irgendeinem Konzern Geld zu verdienen. Man braucht doch einen Sinn im Leben – und den erkenne ich, wenn ich anderen Menschen helfen kann.“

400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Roten Kreuzes sind im Libanon rund um die Uhr im Einsatz, unterstützt werden sie von rund 12.000 Freiwilligen, sagt Clara Mohtar: „Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt auf der medizinischen Notfallversorgung, insbesondere auf Erster Hilfe. Nach jedem Angriff auf Gebäude suchen unsere Teams sofort nach Verschütteten.“ Und das, ergänzt sie, „ist nicht nur körperlich und mental enorm fordernd, sondern auch sehr gefährlich. Ein Freiwilliger ist vergangene Woche bei dem Versuch ums Leben gekommen, Menschen aus dem Schutt zu befreien, ein weiterer wurde schwer verletzt.“

Dazu kommt, dass die Aufgaben und Herausforderungen für das Rote Kreuz stetig wachsen, sagt Clara Mohtar: „Unsere Katastrophenschutzeinheiten unterstützen die Notunterkünfte logistisch und sorgen für die Verteilung von Medikamenten und anderen Hilfsgütern. Und was ein sehr wichtiges Thema ist: Wir haben gerade Ramadan, wo sehr viele Menschen fasten. Wir kümmern uns um Wasser und Nahrungsmittel und bereiten in den Sammelunterkünften jeden Abend das Iftar, also das Mahl zum ‚Fastenbrechen‘, vor.“

Zwischen Leben und Tod

Was die humanitäre Situation im Libanon aktuell zusätzlich verschärft, ist die geopolitische Lage im Nahen Osten: Der Küstenstaat am Mittelmeer mit seinen rund 5,5 Millionen Einwohner:innen beherbergt laut Schätzungen etwa 1,5 Millionen Geflüchtete aus dem angrenzenden Syrien: „Wir sehen, dass viele dieser Menschen nach und nach in ihre Heimat zurückkehren“, sagt Clara Mohtar. „Trotzdem befinden sich sehr viele von ihnen noch immer in den gefährlichen Gebieten nahe der Grenze.“

Das Libanesische Rote Kreuz steht deshalb zurzeit vor überwältigend großen Herausforderungen, sagt Clara Mohtar: „Im Rahmen unserer Hilfsmaßnahmen tun wir unser Möglichstes, um syrische Flüchtlinge gleichermaßen zu unterstützen wie libanesische Binnenvertriebene. Aber wir leiden akut nicht nur an Geldmangel, sondern es fehlen auch die meisten Hilfsmittel.“

Zudem ist die medizinische Versorgung längst nicht mehr lückenlos möglich. „Zuletzt wurden wieder drei Spitäler im Süden von Beirut zerstört“, sagt Clara Mohtar. Und sie erzählt, wie nah einander Leben und Tod im Libanon beieinander liegen: „Das Rote Kreuz hat bei der Evakuierung geholfen. Zwei Patienten sind auf der Straße verstorben, während sie in ein anderes Krankenhaus transportiert wurden. Dafür hat eine Frau während der Evakuierung ein gesundes Baby zur Welt gebracht. Es ist alles nur noch verrückt.“

„Wir wollen eine Zukunft haben.“

Das LRC birgt mit schwerem Gerät
Bergungsarbeiten mit schwerem Gerät ©LRC

Der Libanon gehört seit Jahrzehnten zu den größten Krisengebieten in der Region. „Ja, wir Libanesinnen und Libanesen gelten als ausgesprochen widerstandsfähig“, sagt Clara Mohtar. Das aktuelle Bombardement ist aber eine weitere massive Belastung im Leben der Menschen, „die sich einfach nach Frieden sehnen.“ Sie führen aber auch zu noch größerem Zusammenhalt in der Bevölkerung: „Hier im Norden werden vertriebene Menschen aus dem Süden herzlich empfangen. Wir laden einander nach Hause ein, wir kochen füreinander. Wir schauen aufeinander.“

Die Zukunftsaussichten sind düster, sagt Clara Mohtar: „Wir haben den letzten großen Konflikt doch erst vor 15 Monaten beendet und dachten, dass jetzt endlich alles gut wird.“ Die junge Frau seufzt und atmet einen Moment durch. „Wir wollen doch nur in Ruhe leben. Wir lieben unser Land. Wir wollen hier leben und Familien gründen. Wir wollen eine Zukunft haben.“

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Errichtung der Notunterkunft im größten Stadion Beiruts

FAQ zur Lage im Libanon und zur Arbeit des Roten Kreuzes

Laut Beitrag leistet das Rote Kreuz im Libanon medizinische Notfallversorgung, unterstützt Notunterkünfte logistisch und hilft bei der Verteilung von Wasser, Medikamenten, Nahrungsmitteln und weiteren Hilfsgütern.

Der Schwerpunkt liegt laut Beitrag auf Nothilfe und Sofortmaßnahmen. Dazu gehören unter anderem Erste Hilfe, medizinische Versorgung, logistische Unterstützung und Hilfe in Notunterkünften.

Im Beitrag wird beschrieben, dass Teams des Roten Kreuzes nach Angriffen auf Gebäude sofort nach Verschütteten suchen. Gleichzeitig leisten sie Erste Hilfe und unterstützen die medizinische Versorgung.

Laut Beitrag unterstützen die Teams Notunterkünfte logistisch und helfen bei der Versorgung mit Wasser, Medikamenten, Nahrungsmitteln und anderen Hilfsgütern.

Der Beitrag beschreibt eine sehr chaotische Lage, einen enormen Bedarf an Hilfe und eine hohe körperliche wie mentale Belastung für die Helfer:innen. Zusätzlich fehlen laut Bericht Geldmittel und viele Hilfsmittel.

Im Beitrag heißt es, dass 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Roten Kreuzes im Libanon rund um die Uhr im Einsatz sind. Unterstützt werden sie von rund 12.000 Freiwilligen.

Notunterkünfte sind laut Beitrag wichtige Anlaufstellen für Menschen, die Schutz suchen. Gleichzeitig zeigt der Bericht, dass sehr viele Menschen betroffen sind und die Situation dadurch besonders belastend ist.

Der Beitrag beschreibt eine chaotische Situation mit Evakuierungen, Fluchtbewegungen, Notunterkünften und einem stark gestiegenen Bedarf an Hilfe. Viele Menschen wissen laut Bericht nicht, wohin sie gehen sollen.

Laut Beitrag ist die Versorgung in vielen Bereichen erschwert. Das betrifft unter anderem medizinische Hilfe, Wasser, Medikamente, Nahrungsmittel und die Unterstützung in Sammelunterkünften.

Der Beitrag macht deutlich, wie stark Angst, Erschöpfung und Unsicherheit das Leben vieler Menschen prägen. Gleichzeitig zeigt er, unter welchen schwierigen Bedingungen Hilfe geleistet wird.

16.03.2026

Krisengebiet

Landkarte Mittelmeer-Israel-Libanon

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Clara Mohtar und Christopher Friedrich (beide ÖRK) bei der Wasseranalyse in einem Feldlabor.
Clara Mohtar und Christopher Friedrich (beide ÖRK) bei der Wasseranalyse in einem Feldlabor. ©ÖRK

Fact Box

LIBANON

Einwohnerzahl: 5.364.482 (2024, Schätzung)
Fläche: 10.400 km² (gesamt)
Urbanisierung: 89,4 % Stadtbevölkerung (2023)
Lebenserwartung: 79,0 Jahre (2023, Schätzung)
Alphabetisierung (15+): 92,0 % (2019, Schätzung)
Bildung (UNDP): erwartete Schuljahre 11,7 / durchschnittliche Schuljahre 10,4 (2023 bzw. zuletzt verfügbar)
„Durchschnittseinkommen“ (UNDP-Näherung): GNI pro Kopf (PPP) 11.299 int. US-$ (2023 bzw. zuletzt verfügbar)
Flugkilometer ab Wien (Luftlinie): Libanon (Beirut, BEY): 2.236,4 km