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Rotkreuz Mitarbeiterin in Gaza verbindet Frau den Arm
Rafah, 2026: Angelique Lung bei ihrem Einsatz für das IKRK in Gaza. Die Niederösterreicherin arbeitet im Rotkreuz-Feldspital in Rafah (das vom ÖRK mit einer Wasseraufbereitungsanlage unterstützt wird) und ist als Teil des Krankenhausmanagement-Teams zuständig für alles Nicht-Klinische (Labor, Apotheke, Küche, Wäscherei, Human Ressources etc.). Sie kümmert sich etwa darum, dass genügend Medikamente oder medizinische Geräte vorhanden sind.

Hilfe in Gaza zwischen Waffenruhe und Erschöpfung

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz betreibt im Süden des Gazastreifens ein Feldspital. In Rafah sorgt Angelique Lung dafür, dass Logistik, Versorgung und Sicherheit funktionieren – in einer Region, die auch nach der Waffenruhe von Zerstörung, Hoffnungslosigkeit und Erschöpfung geprägt ist.

Angelique Lung ist es nicht gewohnt, Interviews zu geben. Viel lieber sucht sie nach Lösungen für kleinere und vor allem größere Probleme, speziell in internationalen Katastrophengebieten. Dass die Internetverbindung zwischen dem Gazastreifen und Österreich nicht die allerbeste ist und das Gespräch anfangs ein wenig holprig verläuft, zählt zu ihren geringsten Herausforderungen – und das, obwohl die technische Infrastruktur in Rafah nahezu komplett zerstört ist: „Gib mir bitte ein paar Minuten, ich muss einen Platz suchen, wo du mich besser verstehen kannst.“

Das schwierigste Projekt ihres Lebens

Rotkreuz Mitarbeiterin vor dem Laptop

Die Niederösterreicherin ist seit Herbst 2024 für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) als Krankenhausverwalterin im Einsatz. Davor engagierte sich die gelernte Labortechnikerin bei der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ und arbeitete unter anderem in Krisenregionen im Irak, Syrien und dem Tschad; für das IKRK war Angelique Lung in der Vergangenheit auch schon im Südsudan und im Jemen tätig. „Meine Motivation war von Anfang an, dass ich den Menschen direkt helfen möchte. Ich habe immer das Gefühl, dass ich genau an dem Ort bin, wo ich mit meiner Arbeit aktiv beitragen kann, eine Situation zu verbessern.“

Seit Jänner ist Angelique Lung in Rafah stationiert und managt im Feldspital alle nicht-klinischen Bereiche: „Das ist bereits das dritte Mal, dass ich im Gazastreifen bin. Ich kümmere mich um alle Anlieferungen, unter anderem für die Apotheke, die Küche und die Wäscherei. Für mich und mein Team gibt es Arbeit ohne Ende.“

Und immer wieder große Herausforderungen: „Es ist nicht einfach, die benötigten Materialien für das Krankenhaus oder auch für das Labor zu bekommen.“ Neben dem Nachschub an lebenswichtigen Utensilien mangelt es aber auch an grundlegenden Ressourcen wie Wasser, Strom und Treibstoff. „Und das“, sagt Angelique Lung, „macht es zu einem der schwierigsten Projekte, an denen ich je mitgearbeitet habe.“

Nachdem die Grenzübergänge lange Zeit geschlossen waren, kommen seit Anfang Februar zwar wieder internationale Hilfslieferungen im Krisengebiet an, sagt Angelique Lung – „aber bei weitem nicht in dem Ausmaß, das notwendig wäre. Es fehlt an allem, egal ob Nahrungsmittel, Bekleidung, Zelte oder Medikamente. Speziell für chronisch Kranke ist das ein echtes Problem.“

Triage ist notwendig

Luftaufnahme des Rotkreuz-Feldspital in Rafah/Gazastreifen, IKRK Logo
Feldspital in Rafah

Das Feldspital in Rafah wird vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz betrieben. Es verfügt mittlerweile über 72 Betten (2025 waren es noch 60) und eine Ambulanz. Ursprünglich war die Kapazität des 30-köpfigen Teams auf rund acht bis zehn Operationen pro Tag ausgelegt, an besonders kampfintensiven Tagen mussten die Ärztinnen und Ärzte zwischen 30 und 40 – überwiegend lebensrettende – Eingriffe vornehmen.

Doch viel zu oft war die Zahl der Verwundeten noch wesentlich höher, sagt Angelique Lung: „Es haben sich mehrfach chaotische Szenen abgespielt, und deshalb mussten wir ein Triage-System etablieren. Das war eine enorme organisatorische Herausforderung. Aber unser Team ist sehr gut geschult und schafft es, Patientinnen und Patienten nach dem Grad ihrer Verletzungen zu ‚sortieren‘.“

Auch das Österreichische Rote Kreuz unterstützt das Feldspital und engagiert sich in Rafah mit einer seiner internationalen Kernkompetenzen, der Wasseraufbereitung. Und trägt damit zu einem wesentlichen Teil zum Funktionieren der Einrichtung bei: „Wir brauchen pro Tag rund 5.000 bis 6.000 Liter Wasser, um den Betrieb aufrecht erhalten zu können“, sagt Angelique Lung. „Die Anlage des Österreichischen Roten Kreuzes liefert pro Tag 1.500 Liter sauberes Trinkwasser, das wir dringend benötigen.“

Anstieg an Atemwegserkrankungen

Die Küstenstadt Rafah liegt im Süden Palästinas und verfügt über den einzigen Grenzübergang zwischen dem Gazastreifen und Ägypten. Das Feldspital wurde im Mai 2024 direkt am Strand des Mittelmeers errichtet. Und zwar direkt auf dem Sand, sagt Angelique Lung: „Mittlerweile haben wir aber schon einige Bodenbeläge aufgelegt und in ausgewählten Bereichen sogar gefliest und mit Strukturen verbessert, die uns erlauben, zumindest den Operationssaal und die Notaufnahme zu heizen beziehungsweise im Sommer zu kühlen.“

Die Sommer in Rafah sind heiß und trocken, die Winter können sehr kalt und regnerisch werden. Im Jänner sorgten starke Regenfälle bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt für Überschwemmungen in den provisorischen Verschlägen, in denen der größte Teil der Bevölkerung Unterschlupf gefunden hat. „Dazu kommt, dass in der Küstenregion Zeltplanen in den heftigen Stürmen leicht davonfliegen. Häufig kommen schwer unterkühlte Menschen zu uns in die Notaufnahme, die wir aufwärmen müssen.“

Nässe und Kälte verschärfen die humanitäre Krise, sagt Angelique Lung. „Die Leute haben nicht die notwendige Bekleidung. Und das Gewand, das sie noch haben, können sie bei den niedrigen Temperaturen nicht trocknen.“ Was sich auf die Arbeit in der Klinik auswirkt: „Wir sehen im Moment einen deutlichen Anstieg an Atemwegserkrankungen, und auch die Grippe breitet sich aus. Menschen, denen es seit langer Zeit an Nahrungsmitteln fehlt, sind natürlich geschwächt. Ihr Immunsystem ist besonders anfällig für Viren.“

Kollektives Trauma

Rotkreuz Mitarbeiterin in Gaza untersucht Frauen

Mit Inkrafttreten des Waffenstillstands im Oktober 2025 endeten zwar – vorläufig – die Kampfhandlungen. Doch mit der Waffenruhe kamen andere Herausforderungen, sagt Angelique Lung: „Die Phase des täglichen Überlebenskampfes ist fürs Erste beendet. Doch die Menschen sind erschöpft. Und jetzt haben sie erstmals Zeit, um darüber nachzudenken, was in den vergangenen zwei Jahren alles passiert.“

Die Erinnerungen sind größtenteils dramatisch: „Viele unserer Mitarbeiter:innen und auch Patient:innen haben Angehörige, ihre Häuser und ihren Lebensunterhalt verloren.“ Angelique Lung erkennt ein kollektives psychologisches Trauma auf allen Ebenen: „Die Menschen kommen schön langsam aus der Trauer heraus – und haben Angst, vor allem um die Zukunft: Kaum jemand weiß, was sie als Nächstes machen könnten.“

Die Lage im Gazastreifen ist trostlos, sagt Angelique Lung: „Die meisten Gebäude und große Teile der Infrastruktur sind zerstört. Das Bildungssystem ist zusammengebrochen, viele Kinder konnten seit Jahren nicht mehr in die Schule gehen.“ Verschärft wird die Situation dadurch, dass laut einer Untersuchung der Vereinten Nationen mehr als 60 Prozent aller Krankenhäuser und medizinischen Einrichtungen nicht mehr funktionieren. Auch der Jobmarkt ist längst zusammengebrochen, sagt Angelique Lung. „Oft sind meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die einzigen in ihren Familien, die noch eine Möglichkeit haben, Geld zu verdienen.“

Sandsäcke gegen Querschläger
Dass sie selbst permanent großen Risiken ausgesetzt ist, ist Angelique Lung durchaus bewusst. „Aktive Kämpfe bekommen wir aktuell nicht mit. Aber in der Ferne hören wir öfter Schüsse und Explosionen.“ Seit Beginn der Kämpfe im Oktober 2023 sind bereits 38 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Roten Kreuzes beziehungsweise des Roten Halbmonds im Dienst ums Leben gekommen, 32 aufseiten Palästinas und sechs Israelis: „Vor allem diese unberechenbaren Querschläger sorgen immer wieder für Gefahr.“

Im Feldspital war es deshalb eine ihrer ersten Maßnahmen, für Sicherheit zu sorgen – sowohl für die der Patient:innen, aber natürlich auch des Personals: „Wir haben zuerst nach und nach Schutzwände aus Sandsäcken aufgebaut, damit die Kugeln notfalls nicht im Operationssaal einschlagen. Und mittlerweile haben wir in den Zelten Pergolen aus Metall aufgebaut, damit wir zusätzlich gegen Kugeln von oben geschützt sind.“

Morgen geht es wieder weiter

Rotkreuz Mitarbeiterinnen vor Zelt im Feldspital in Rafah

Angelique Lung wird bis Juni insgesamt dreimal je sechs Wochen im Gazastreifen verbringen, dazwischen genießt sie je zwei Wochen Heimaturlaub. In Rafah ist sie mit 13 Kolleg:innen von internationalen Hilfsorganisationen in einem Haus mit geteilten Zimmern untergebracht. „Es ist ein ständiges Kommen und Gehen, weil immer wieder wer nach Hause fährt und dafür ein neuer Kollege oder eine neue Kollegin dazu kommt. Abends setzen wir uns zusammen und unterhalten uns über unsere Arbeit. Es ist gut, sich mit anderen austauschen zu können, die ähnliche Situationen erleben.“

Mindestens genauso beliebt sind aber auch Aktivitäten, die sie zwischendurch auf andere Gedanken bringen: „Zum Beispiel können wir verschiedene Sportarten ausüben. Oder wir essen gemeinsam. Wir müssen versuchen, die Realität für einen Moment auszuschalten, damit wir regenerieren und wieder zu Kräften kommen können. Denn morgen geht es wieder weiter.“

17.02.2026

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