H. Kropik: Was muss das Rote Kreuz heute tun, um die nächste Generation der 13-Jährigen für sich zu gewinnen?
Jagan Chapagain: Das ist für mich tatsächlich eine ganz zentrale Frage: Wie sprechen wir junge Menschen an? Und darauf gibt es zwei Antworten. Erstens: Wir müssen Themen aufgreifen, die für die Jungen relevant sind. Also zum Beispiel den Klimawandel. Aber auch psychische Gesundheit, Migration, Technologie sind gerade für die Jugend extrem wichtig.
H. Kropik: Und die zweite Antwort?
Jagan Chapagain: Die ist fast noch wichtiger: Wir müssen unsere Strukturen modernisieren! Junge Menschen erwarten heute Agilität. Aber wenn sie sich bei uns engagieren wollen, müssen sie oft erst eine lokale Dienststelle finden, seitenweise Formulare ausfüllen und dann noch eine langwierige Ausbildung absolvieren. So gewinnen wir sie heute aber nicht mehr – zumal wir ja nicht mehr die einzige Hilfsorganisation sind. Wir müssen also einerseits moderne Technologien besser nutzen und ihnen Wege bieten, wie sie die notwendigen Informationen rasch und unkompliziert lernen können. Und, das ist vielleicht das Wichtigste: Wir wissen, dass sich die junge Generation nicht mehr so wie frühere Generationen organisieren lässt. Sie will sich selbst organisieren – also müssen wir Räume schaffen, die jungen Menschen selbst mit Leben füllen können. Darüber hinaus muss es uns aber auch gelingen, eine weitere Zielgruppe anzusprechen.
H. Kropik: Welche?
Jagan Chapagain: Frauen und Männer, die mit 60, 65 in Pension gehen, haben heute noch 15 bis 20 produktive Jahre vor sich. Viele von ihnen sind finanziell abgesichert und müssen nicht mehr ans Geld verdienen denken, sondern wollen etwas Sinnvolles tun. Und sie können auf jede Menge unterschiedlichster Erfahrungen zurückgreifen. Das stellt ein riesiges Potenzial für unsere Freiwilligkeit dar, und deshalb müssen wir diese Generation ebenfalls ganz gezielt ansprechen. Aber: Genau wie die Jungen brauchen auch die älteren Menschen Raum zur Entfaltung, niederschwelligen Zugang – und Anerkennung! Für beide Gruppen können wir als Rotes Kreuz und Roter Halbmond besser und interessanter werden.
H. Kropik: Zumal die Aufgaben Roten Kreuzes in Zukunft ja immer umfangreicher und die Rolle von humanitären Hilfsorganisationen immer wichtiger wird.
Jagan Chapagain: Manchmal hören wir in unserer Bewegung die Frage: „Sind wir überhaupt noch relevant?“ Ganz ehrlich: Das ist eine unsinnige Frage. Wir sind heute relevanter denn je – speziell auf lokaler und regionaler Ebene. Ich bin viel unterwegs: in Syrien, in der Sahelzone, in Somalia, in Lesotho, in Botswana. Und trotz allem, trotz all der Krisen, sehe ich überall Organisationen, Freiwillige, Gemeinschaften, die sich jeden Tag dafür einsetzen, das Leben anderer Menschen ein bisschen besser zu machen. Diese Geschichten müssen wir erzählen. Denn jeden Tag – wirklich jeden Tag – setzen sich Millionen von Freiwilligen weltweit im Zeichen des Roten Kreuzes oder anderer Organisationen für andere ein. Und das ist eine Botschaft, die Mut macht.