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IFRC Generalsekretär Jagan Chapagain vor Rotkreuzlogo
Wien, 12. Jänner 2026: Pressegespräch mit Jagan Chapagain, Generalsekretär der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften, und Michael Opriesnig, Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes.

„Wir müssen unsere Kapazitäten noch intelligenter einsetzen.“

Ein Interview mit Jagan Chapagain, IFRC-Generalsekretär

Multiple Krisen, Klimawandel, Migration, eine neue politische Weltordnung: Die Herausforderungen nehmen immer weiter zu, während die Budgets für humanitäre Hilfe immer knapper werden. Für IFRC-Generalsekretär Jagan Chapagain aber kein Grund zum Jammern. Im Gegenteil. Gerade jetzt kann das Rote Kreuz zeigen, warum es immer relevanter wird. Speziell dank des Engagements zahlreicher Freiwilliger auf lokaler Ebene.

Jagan Chapagain ist Generalsekretär der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) und damit des größten humanitären Netzwerks der Welt. Anfang Jänner 2026 war der Nepalese zu Gast in Wien und nahm sich am Rande eines Pressegesprächs Zeit für den Blog des Österreichischen Roten Kreuzes. Im ausführlichen Interview spricht er aber nicht nur über globale Krisen, sondern auch, wie er selbst als 13-Jähriger zum Roten Kreuz gekommen ist und wie seine ersten Erfahrungen als Freiwilliger sein Denken bis heute prägen.

H. Kropik: Der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat in seiner Neujahrs-Ansprache gesagt, dass wir „in einer neuen Weltordnung angekommen“ sind. Was bedeutet diese globale Entwicklung für das Rote Kreuz?

Jagan Chapagain: Ehrlich gesagt: Ich weiß, was mit der „neuen Weltordnung“ gemeint ist. Alle reden davon – aber ich sehe keine Ordnung. Ja, wir leben in einer neuen Welt. Aber wir wissen nicht, welche Ordnung sie aktuell prägt. Und das ist wohl die größte Herausforderung unserer Zeit: Auch, wenn sie nicht für alle Menschen gerecht oder ideal war, aber früher hat zumindest eine Ordnung existiert. Man wusste, woran man war. Heute denken wir nur noch: Die Welt gerät aus den Fugen. Und wir wissen noch nicht, was an die Stelle der alten Ordnung tritt.

H. Kropik: Was zu großer Unsicherheit führt...

Jagan Chapagain: Vollkommen richtig. Ein oftmals unterschätztes Problem ist die mentale Gesundheit; speziell junge Leute leiden darunter, dass so viele Krisen gleichzeitig auf sie einwirken. Der öffentliche Diskurs ist – politisch wie gesellschaftlich – oft von Pessimismus, einem Gefühl des Niedergangs geprägt. Dieses Narrativ, dass „alles den Bach hinuntergeht“ belastet die Psyche der Menschen. Wenn sich die Vorstellung festsetzt, dass alles schlecht ist und ohnehin nichts mehr funktioniert, dann ist das sehr gefährlich. Und zwar für die gesamte Gesellschaft, für unser Miteinander, für unsere Zukunft.

Michael Opriesnig und Jagan Chapagain
Wien, 12. Jänner 2026: Pressegespräch mit Jagan Chapagain, Generalsekretär der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften, und Michael Opriesnig, Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes.

H. Kropik: Neben der Politik zählen der Klimawandel und seine Folgen zu den größten Faktoren, die uns in den kommenden Jahren beschäftigen werden. Auf welche Szenarien müssen sich das Rote Kreuz beziehungsweise der Rote Halbmond am dringendsten vorbereiten?

Jagan Chapagain: Die Auswirkungen des Klimawandels betrifft alle Lebensbereiche – egal, ob Gesundheit, Ernährung, Wasserversorgung oder Migration. Und ja, man kann über die Wissenschaft hinter dem Klimawandel diskutieren. Aber was man nicht bestreiten kann, sind die spürbaren Auswirkungen. Wir erleben eine Zunahme an Katastrophen, und am stärksten betreffen sie vulnerable Bevölkerungsschichten, die ohnehin in schwierigen Situationen leben. Und das führt zu einer Entwicklung, die wir nicht ignorieren dürfen: Immer mehr Menschen sind gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Das geht so weit, dass bereits mehr Betroffene vor klimabedingten Krisen flüchten als vor bewaffneten Konflikten.

 

H. Kropik: Woran liegt das?

Jagan Chapagain: Ein wesentlicher Treiber ist ein Einbruch in der landwirtschaftlichen Produktion infolge des Klimawandels. Was sollen Menschen tun, die nicht mehr genug Nahrung in ihrer Region produzieren können? Sie müssen ja weiterziehen. Hier braucht es – und das geht weit über unsere Möglichkeiten als humanitäre Hilfsorganisation – Investitionen durch Regierungen. Etwa in neue Saatgutsorten, die weniger Wasser benötigen. Es braucht aber auch andere Formen der Bewässerung, es braucht einfache, aber wirkungsvolle Lösungen.

H. Kropik: Und was kann das Rote Kreuz in dieser Situation tun?

Jagan Chapagain: Wir müssen viel mehr in Klimaschutzmaßnahmen auf lokaler Ebene investieren. Es gibt große Diskussionen, etwa bei der UN-Klimakonferenz, viele ehrgeizige Initiativen – aber noch kommt zu wenig Geld dort an, wo es am dringendsten gebraucht wird: Die Investitionen erreichen die Gemeinden nicht. Und solange die Investitionen die Gemeinden nicht erreicht, solange wir nicht von unten nach oben Resilienz aufbauen, bleibt das ganze System anfällig. Doch genau hier liegt die Stärke und der wahre Wert unserer Bewegung: Wir haben weltweit rund 200.000 Zweigstellen und mehr als 17 Millionen Freiwillige. Die große Frage ist: Wie können wir unsere Mittel so einsetzen, dass sie wirklich auf lokaler Ebene ankommen und wir einfache, aber extrem wichtige Maßnahmen ergreifen können?

H. Kropik: Welche Maßnahmen meinen Sie?

Jagan Chapagain: Zum Beispiel haben wir in Bangladesch eines der weltweit effektivsten Frühwarn- und Vorsorgesysteme gegen Zyklone etabliert. In diesem südasiatischen Land, das vom Anstieg des Meeresspiegels stark betroffen sein wird, hat das Rote Kreuz bereits jetzt 45.000 Freiwillige speziell für die Küstenregionen ausgebildet. Sie stehen in direkter Verbindung mit dem Wetteramt in der Hauptstadt Dhaka. Sobald eine Zyklon-Warnung herausgegeben wird, wird die Information an all diese Freiwilligen weitergeleitet. Und was machen die? Sie rufen Leute in den betroffenen Gegenden an und warnen sie. Und wenn sie wissen, dass dort niemand ein Telefon hat, steigen auf ihre Fahrräder, nehmen ein Megafon, ziehen durch die Dörfer und rufen den Menschen zu: „Jetzt evakuieren! Geht dorthin, geht dahin!“ Allein durch dieses einfache, gut organisierte Vorgehen werden Leben und Existenzen gerettet.

H. Kropik: Und das ist effektiv?

Jagan Chapagain: Und wie! Es gibt eine bemerkenswerte Statistik: Ein Zyklon forderte in Bangladesch Anfang der 1980er-Jahre rund 70.000 Todesopfer. Bei einem Zyklon von vergleichbarer Stärke gab es 2021 nur noch 23 Tote. Das zeigt: Diese Form der lokalen, gemeindenahen Katastrophenvorsorge, die ich gern „vom Satelliten zum Sandsack“ nenne, wirkt! Vor allem: weil diese Art der Hilfe nicht besonders kompliziert ist. Wir haben selbst zwar keine Satelliten – aber die gibt es ja ohnehin. Dafür haben wir die Freiwilligen, die wir gezielt ausbilden. Und wir haben natürlich die Sandsäcke. Unsere Aufgabe ist, diese beiden Ebenen, die Satelliten und die Sandsäcke, effektiv miteinander zu verbinden.

Rotkreuz Mitarbeiter in Jamaika im Einsatz
Katastrophenhilfseinsatz in Jamaika

H. Kropik: Das führt uns zu einer anderen Frage, die damit in Zusammenhang steht: Weltweit wurde die finanzielle Unterstützung für das Rote Kreuz durch Staaten, allen voran die USA, massiv gekürzt. Was bedeutet das deutlich geringere Budget tatsächlich für Ihre Arbeit?

Jagan Chapagain: Das Thema Finanzierung ist kritisch geworden – und wahrscheinlich ist das noch untertrieben formuliert. Tatsächlich liegen wir bei einem Rückgang von rund 50 Prozent. Und das ist natürlich ein tiefer Einschnitt für das gesamte humanitäre System. Es wird viel diskutiert, wie wir damit umgehen. Sicher ist: Es gibt keine einfache Lösung. Und sicher ist auch: Wenn jemand sagt, „Wir müssen mit weniger Mitteln mehr erreichen“, dann kann das nicht funktionieren. Dieser Gedanke ist unrealistisch. Was wir also auf jeden Fall brauchen, ist ein neues Denken: nicht mehr mit weniger, aber auch nicht weniger – sondern anders mit weniger.

H. Kropik: Wie kann das gelingen?

Jagan Chapagain: Die Kürzungen liegen nicht in unserer Hand. Aber wie wir arbeiten, das können wir ändern – und deshalb müssen wir unsere Kapazitäten noch intelligenter einsetzen. Ein zentrales Prinzip, das uns bereits einige Jahre begleitet und das wir zukünftig noch deutlich stärken wollen, ist die Lokalisierung. Es geht – wie vorhin am Beispiel Bangladesch erklärt – darum, vorhandene Kapazitäten und Strukturen vor Ort besser zu unterstützen, zu aktivieren und zu nutzen. Und das können wir zum Beispiel durch vorausschauende Maßnahmen.

H. Kropik: Wie das zuletzt in Jamaika geschehen ist.

Jagan Chapagain: Genau! Als der Hurrikan Melissa im Oktober 2025 auf die Insel zugesteuert ist, lagen die wissenschaftlichen Prognosen klar auf dem Tisch. Wir als Rotes Kreuz konnten deshalb nicht nur notwendige Hilfsgelder schon vor Eintreffen des Sturms freigeben, sondern konnten auch Freiwillige mobilisieren, sowie Hilfsgüter und Fahrzeuge bereitstellen. Die Hilfe konnte schneller beginnen und war damit wesentlich günstiger.

 

Portraitfoto von Jagan Chapagain

H. Kropik: Bevor wir schön langsam zum Schluss kommen: Darf ich Ihnen eine persönliche Frage stellen?

Jagan Chapagain: Sehr gern.

H. Kropik: Sie fungieren seit 2020 als Geschäftsführer und Generalsekretär der Internationalen Föderation der Rokreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC), also der Dachgesellschaft der 191 nationalen Gesellschaften. Aber wie sind Sie eigentlich selbst zum Roten Kreuz gekommen?

Jagan Chapagain: Ganz einfach: Ich wollte etwas Gutes tun. Ich war damals 13 und habe mich sehr für Politik interessiert, aber für Jugendliche war politische Betätigung in Nepal zu dieser Zeit verboten. Und obwohl ich nicht so recht wusste, was das Rote Kreuz genau macht, dachte ich mir: Wenn ich mich schon nicht politisch engagieren darf, dann ist das Rote Kreuz eine gute Alternative. Sie müssen wissen: Ich komme aus einfachen Verhältnissen. Mich hat schon nach kurzer Zeit extrem beeindruckt, dass ich beim Roten Kreuz mit Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeite, die nicht nur an sich selbst denken, sondern sich mit ganzem Herzen dafür einsetzen, anderen Menschen zu helfen. Das hat mein Denken bis heute geprägt.

H. Kropik: Was waren Ihre ersten Aufgaben als Freiwilliger beim Roten Kreuz?

Jagan Chapagain: Begonnen hat es mit Erste Hilfe. Gemeinsam mit ein paar anderen Jugendlichen habe ich begonnen, unser Wissen weiterzugeben und eigene Erste-Hilfe-Kurse anzubieten. Wir dachten: Wenn du weißt, wie das funktioniert, kannst du notfalls das Leben deiner Familie, deiner Freunde retten. Und wir haben jeden Samstag kleine Spendenaktionen durchgeführt; wir brauchten ja ein bisschen Geld, um etwas auf die Beine stellen zu können.

Drei Rotkreuz-Freiwillige vor einem Rotkreuz-Auto
Junge Freiwillige im Einsatz

H. Kropik: Was muss das Rote Kreuz heute tun, um die nächste Generation der 13-Jährigen für sich zu gewinnen?

Jagan Chapagain: Das ist für mich tatsächlich eine ganz zentrale Frage: Wie sprechen wir junge Menschen an? Und darauf gibt es zwei Antworten. Erstens: Wir müssen Themen aufgreifen, die für die Jungen relevant sind. Also zum Beispiel den Klimawandel. Aber auch psychische Gesundheit, Migration, Technologie sind gerade für die Jugend extrem wichtig.

H. Kropik: Und die zweite Antwort?

Jagan Chapagain: Die ist fast noch wichtiger: Wir müssen unsere Strukturen modernisieren! Junge Menschen erwarten heute Agilität. Aber wenn sie sich bei uns engagieren wollen, müssen sie oft erst eine lokale Dienststelle finden, seitenweise Formulare ausfüllen und dann noch eine langwierige Ausbildung absolvieren. So gewinnen wir sie heute aber nicht mehr – zumal wir ja nicht mehr die einzige Hilfsorganisation sind. Wir müssen also einerseits moderne Technologien besser nutzen und ihnen Wege bieten, wie sie die notwendigen Informationen rasch und unkompliziert lernen können. Und, das ist vielleicht das Wichtigste: Wir wissen, dass sich die junge Generation nicht mehr so wie frühere Generationen organisieren lässt. Sie will sich selbst organisieren – also müssen wir Räume schaffen, die jungen Menschen selbst mit Leben füllen können. Darüber hinaus muss es uns aber auch gelingen, eine weitere Zielgruppe anzusprechen.

H. Kropik: Welche?

Jagan Chapagain: Frauen und Männer, die mit 60, 65 in Pension gehen, haben heute noch 15 bis 20 produktive Jahre vor sich. Viele von ihnen sind finanziell abgesichert und müssen nicht mehr ans Geld verdienen denken, sondern wollen etwas Sinnvolles tun. Und sie können auf jede Menge unterschiedlichster Erfahrungen zurückgreifen. Das stellt ein riesiges Potenzial für unsere Freiwilligkeit dar, und deshalb müssen wir diese Generation ebenfalls ganz gezielt ansprechen. Aber: Genau wie die Jungen brauchen auch die älteren Menschen Raum zur Entfaltung, niederschwelligen Zugang – und Anerkennung! Für beide Gruppen können wir als Rotes Kreuz und Roter Halbmond besser und interessanter werden.

H. Kropik: Zumal die Aufgaben Roten Kreuzes in Zukunft ja immer umfangreicher und die Rolle von humanitären Hilfsorganisationen immer wichtiger wird.

Jagan Chapagain: Manchmal hören wir in unserer Bewegung die Frage: „Sind wir überhaupt noch relevant?“ Ganz ehrlich: Das ist eine unsinnige Frage. Wir sind heute relevanter denn je – speziell auf lokaler und regionaler Ebene. Ich bin viel unterwegs: in Syrien, in der Sahelzone, in Somalia, in Lesotho, in Botswana. Und trotz allem, trotz all der Krisen, sehe ich überall Organisationen, Freiwillige, Gemeinschaften, die sich jeden Tag dafür einsetzen, das Leben anderer Menschen ein bisschen besser zu machen. Diese Geschichten müssen wir erzählen. Denn jeden Tag – wirklich jeden Tag – setzen sich Millionen von Freiwilligen weltweit im Zeichen des Roten Kreuzes oder anderer Organisationen für andere ein. Und das ist eine Botschaft, die Mut macht.

Seflie von Hannes Kropik und Jagan Chapagain
Interview

Journalist Hannes Kropik interviewte IFRC-Generalsekretär Jagan Chapagain bei seinem Besuch in Wien. 

12.01.2026

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