Drei Frauen, drei Wege, ein gemeinsames Ziel: Verantwortung im Roten Kreuz Steiermark. Stefan Loseries spricht mit Anita Kozak, Cornelia Dissauer und Nina Just über Motivation, Teamkultur, Führungsverständnis und den Mut, Verantwortung zu übernehmen. Das Gespräch führte Stefan Loseries aus der Abteilung Marketing und Kommunikation.
Stefan Loseries:Liebe Anita, beginnen wir ganz am Anfang! Du bist seit 40 Jahren ehrenamtlich und heute als Bezirksstellenleiterin beim Roten Kreuz Steiermark tätig. Was hat dich ursprünglich motiviert – und was treibt dich bis heute an?
Anita Kozak: Mit 17 habe ich mich entschieden, mich ehrenamtlich zu engagieren – und damals war das Rote Kreuz für Frauen fast die einzige Möglichkeit. Besonders im Rettungsdienst durfte ich viele prägende Erfahrungen sammeln, fachlich wie menschlich. Was mich von Anfang an motiviert hat – und mich bis heute begleitet – ist das Miteinander. Ich habe beim Roten Kreuz Freunde fürs Leben gefunden. Dieses gemeinsame Engagement war und ist meine größte Motivation.
Stefan: Wie kam es zur Kandidatur als Bezirksstellenleiterin?
Anita: Ich war viele Jahre Ortsstellenleiterin in Trofaiach und im Bezirksausschuss tätig. Als klar wurde, dass sich mein Vorgänger nicht mehr zur Wahl stellt, wollte ich Verantwortung übernehmen. Mir war wichtig, dass die Leitung aus dem aktiven Bereich kommt. Mein Umfeld hat mich dabei sehr unterstützt.
Stefan: Liebe Cornelia, bei dir ist „mehr Verantwortung“ schrittweise gewachsen.
Cornelia Dissauer: Ja, es kam Schritt für Schritt. Mit meinen Rollen – von der Teamleitung bis zur Abteilungsleitung – verlagerte sich mein Schwerpunkt immer stärker in Richtung Führung, Organisation und Innovation. Ich hatte die Möglichkeit, alle Teilbereiche von Grund auf kennenzulernen. Diese Erfahrung war sehr wertvoll, weil sie mir ein gutes Verständnis für Abläufe und Herausforderungen im Arbeitsalltag vermittelt hat. Dadurch weiß ich, worauf es in der Zusammenarbeit ankommt und welche Anforderungen mein Team täglich bewältigt.
Stefan: Nina, für dich war der Schritt ganz bewusster Natur?
Nina Just: Ja. Verantwortung zu übernehmen war für mich eine bewusste Entscheidung. Unser Blutspendedienst ist ein komplexes System, getragen von rund 70 engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus unterschiedlichsten Berufsgruppen. Diese Vielfalt ist eine große Stärke, gleichzeitig braucht es klare Strukturen, gegenseitiges Verständnis und eine Führung, die verbindet. Ich habe mich vom ersten Tag an im Team willkommen gefühlt. Genau dieses Miteinander motiviert mich: Am Ende des Tages zu wissen, dass wir gemeinsam einen unverzichtbaren Beitrag zur Versorgung der Steiermark leisten. Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe – aber mit einem starken Team wird auch eine große Herausforderung bewältigbar.
Stefan: Was zeichnet das steirische Blutspende-Team aus?
Nina: Einsatzbereitschaft, Professionalität und außergewöhnlicher Zusammenhalt. Trotz unterschiedlicher Aufgaben verbindet uns ein gemeinsames Ziel: die sichere Versorgung der Steiermark mit Blutkonserven. Diese gemeinsame Verantwortung schafft eine besondere Verbundenheit.
Stefan: Welche Entwicklungen hast du erlebt, seit du Teil des Roten Kreuzes bist, und welche davon waren für dich besonders prägend?
Anita: In meinen fast 40 Jahren beim Roten Kreuz habe ich viele Entwicklungen miterlebt – sowohl fachlich als auch organisatorisch. Besonders prägend war für mich die Veränderung in der Ausbildung: von eher einfachen Grundlagen hin zu modernen, praxisnahen Trainings, die uns heute deutlich besser auf Einsätze vorbereiten. Mein erster Sanitätskurs umfasste damals noch 60 Stunden. Auch die technische Entwicklung hat den Rettungsdienst stark verändert. Digitale Einsatzdokumentation, moderne Kommunikationsmittel und neue Fahrzeugtechnik haben die Arbeit spürbar professionalisiert. Gleichzeitig ist es schön zu sehen, wie sich manches verändert hat und anderes geblieben ist. Wenn ich meinen jungen Kolleginnen und Kollegen erzähle, wie wir früher im blaugestreiften Baumwollkleid mit Schürze und Haube ausgerückt sind, sorgt das oft für Staunen – und zeigt, wie sehr sich das Rote Kreuz weiterentwickelt hat.
Stefan: Nina, welche Aspekte deines Arbeitsumfelds prägen dich besonders?
Nina: Besonders berühren mich die Momente bei Spendenaktionen vor Ort. Wenn ich erlebe, mit welcher Professionalität und Leidenschaft unsere Teams arbeiten, und sehe, wie stolz Spenderinnen und Spender nach kurzer Zeit ihren Beitrag leisten, wird die Bedeutung unserer Arbeit unmittelbar greifbar. Diese Augenblicke zeigen, dass hinter jeder Blutkonserve Menschlichkeit, Engagement und gelebte Zusammenarbeit stehen.
Stefan: Cornelia, wie hast du den Wechsel vom Kolleg:innenkreis in die Führungsrolle erlebt?
Cornelia: Mein Rollenwechsel verlief in mehreren Etappen und war durchaus mit Herausforderungen verbunden. Es gab auch Momente der Unsicherheit, in denen ich meinen Weg hinterfragt habe. Ein klarer Plan stand dabei nie im Vordergrund – vieles hat sich aus der täglichen Arbeit heraus entwickelt. Entscheidend war vor allem das Vertrauen meines Umfelds. Kolleginnen und Kollegen haben mir oft mehr zugetraut, als ich mir selbst. Dieses Vertrauen hat mir Mut gegeben, Verantwortung zu übernehmen und meinen Weg weiterzugehen. Gleichzeitig verändert sich mit der neuen Rolle auch die Perspektive. Erwartungen verschieben sich, und ich musste lernen, diese Rolle bewusst anzunehmen – ebenso wie mein Team.
Stefan:Anita, wo liegt für dich der Unterschied zwischen ehrenamtlicher und beruflicher Führung?
Anita: Im Ehrenamt engagieren sich Menschen aus Überzeugung und in ihrer Freizeit. Das verlangt besonderes Feingefühl und Wertschätzung. Jede und jeder bringt unterschiedliche Motivationen mit. Führung bedeutet hier vor allem: zuhören, verstehen und verbinden.
Stefan: Nina, was bedeutet Führung für dich – und wo liegen Herausforderungen?
Nina: Eine große Herausforderung ist es, neue Spenderinnen und Spender langfristig zu gewinnen. Neben strukturellen Veränderungen braucht es dafür klare Strategien. Führung bedeutet für mich, menschlich, situativ und nachhaltig zu handeln – zuzuhören und Strukturen zu schaffen, die langfristig tragen.
Stefan: Cornelia, deine Führungsphilosophie in drei Worten?
Cornelia: Teamwork, Kooperation und Vertrauen. Herausforderungen lassen sich am besten gemeinsam bewältigen – durch offenen Austausch, gegenseitige Unterstützung und die Bereitschaft, Verantwortung zu teilen. Unterschiedliche Perspektiven führen zu tragfähigen Lösungen. Vertrauen schafft Raum für Verantwortung und bildet die Grundlage für Motivation und Sicherheit.
Anita: Dem stimme ich zu. Kooperation wird oft unterschätzt. Gute Lösungen entstehen, wenn unterschiedliche Blickwinkel Platz bekommen. Zusammenarbeit ist dabei essenziell.
Stefan: Gab es Frauen, die euch geprägt haben – und was möchtet ihr weitergeben?
Nina: Meine beiden Großmütter. Die eine setzte sich für Frauenrechte ein, die andere war Architektin in einer männerdominierten Branche. Sie haben mir gezeigt, dass Authentizität und Durchsetzungsfähigkeit zusammengehören. Meine Botschaft ist: Wer Verantwortung übernimmt, kann mitgestalten, Menschen fördern und nachhaltige Veränderungen anstoßen. Diese Chance sollte man selbstbewusst ergreifen.
Cornelia: Auch für mich gab und gibt es Frauen, die mich geprägt haben. Es sind oft starke Persönlichkeiten im Alltag, die mit ihrer Haltung, ihrem respektvollen Umgang und ihrer Professionalität beeindrucken – gerade in herausfordernden Situationen. Sie zeigen, wie wichtig Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung sind. Daher mein Rat: Sucht euch Menschen, die euch ehrlich begleiten und stärken. Niemand wächst allein.
Stefan: Liebe Anita, dein Schlusswort?
Anita: Traut euch, Verantwortung zu übernehmen! Führung entsteht im Miteinander – durch Vertrauen, Zuhören und gemeinsames Handeln. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass das Ehrenamt weiterhin Menschen mit Herz zusammenbringt – auch in herausfordernden Zeiten.