Die Schweizerin Mirjana Spoljaric Egger wurde 2021 zur Präsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) gewählt; seit Oktober 2022 leitet sie die älteste humanitäre Hilfsorganisation der Welt – als erste Frau in diesem Amt. Die Diplomatin, geboren 1972 im heutigen Kroatien, hat Philosophie, Wirtschaft und Völkerrecht studiert und spricht fließend Deutsch, Englisch, Französisch und Kroatisch. Bevor die zweifache Mutter das Amt als IKRK-Präsidentin in Genf antrat, war sie beigeordnete Generalsekretärin der Vereinten Nationen und stellvertretende Administratorin des Uno-Entwicklungsprogramms UNDP. Anfang Mai traf sie in Wien die österreichische Verteidigungsministerin Klaudia Tanner zum Gedankenaustausch und hielt danach einen Vortrag vor Nationalratsabgeordneten und Vertreter:innen mehrerer NGOs. Das folgende Gespräch führte sie mit uns in der Zentrale des Österreichischen Roten Kreuzes.
IKRK-Präsidentin Mirjana Spoljaric Egger: „Unsere Neutralität ist nicht verhandelbar.“
Ein Interview
Mirjana Spoljaric Egger steht an der Spitze des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Beim Besuch in Wien sprach sie mit dem Österreichischen Roten Kreuz über die Gefahr einer Eskalation im Iran, die Überforderung des humanitären Systems, den Schutz der Zivilbevölkerung – und darüber, warum Neutralität für das Rote Kreuz keine taktische Frage ist, sondern Voraussetzung, um Menschen in Kriegsgebieten überhaupt helfen zu können.
Frau Präsidentin, Sie waren vor Kurzem für eine Mission zur Einschätzung der Lage im Iran. Was waren die wesentlichen Eindrücke, die Sie dort gewonnen haben?
Wir sind sehr weite Strecken mit dem Auto gefahren. Was mich unmittelbar betroffen gemacht hat, war die schiere Größe des Landes und der Bevölkerung. Ich habe erkannt: Wenn dieser Konflikt weiter eskaliert, dann riskieren wir, dass er außer Kontrolle gerät und dass zu viele Menschen unter humanitären Druck geraten. Und zwar in einem Ausmaß, in dem wir sie nicht wesentlich unterstützen können. Es würde unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten übersteigen.
Was hat Sie zu dieser Einsicht gebracht?
Wenn Sie an diesen Energieverteilungszentralen und Dämmen vorbeifahren oder wenn Sie Brücken überqueren, dann erkennen Sie, wie viel Schaden angerichtet werden kann. Wenn sich dieser Krieg in einen Krieg gegen die zivile Bevölkerung und gegen die zivile Infrastruktur verwandelt, dann wird das Menschen weit über die Landesgrenzen hinaus betreffen. Und das bedeutet, dass wir de-eskalieren müssen. Es gibt keine militärische Lösung für diesen Konflikt. Es muss verhandelt werden! Allerdings werden diese Verhandlungen enorm schwierig und kompliziert sein und unter Umständen lange dauern.
In einem Interview mit CNN haben Sie nach Ihrer Rückkehr betont, dass „bei einer erneuten Eskalation selbst sehr starke humanitäre Strukturen rasch überfordert“ wären. Womit müssen wir im schlimmsten Fall rechnen?
Der Iran hat eine Bevölkerung von 90 Millionen Menschen. Die meisten Menschen wissen nicht, wie sie über die Runden kommen. Die Wirtschaftslage ist prekär. Der Zugang zu Nahrung, Gesundheitsversorgung und wesentlichen Dienstleistungen würde sich für sehr viele Menschen unmittelbar massiv erschweren. Wir haben zuletzt 15 Lastwagen mit medizinischem Material ins Land gebracht. Aber was sind 15 Lastwagen angesichts einer Bevölkerung von 90 Millionen? Wir müssen uns bewusst sein, dass das Hilfssystem gerade heute, wo uns die Mittel gestrichen werden, nicht in der Lage sein wird, eine humanitäre Tragödie von diesem Ausmaß zu stemmen.
Der Iran ist aber nicht der einzige Brennpunkt. Die Lage in Gaza verlangt unsere Aufmerksamkeit, ebenso der Libanon, die Ukraine, der Sudan …
Ja, wir zählen heute fast 130 nationale und nicht-nationale bewaffnete Konflikte. Das sind doppelt so viele wie vor 15 Jahren und viermal so viele wie vor 30 Jahren.
In der Notfallmedizin spricht man von einer „Triage“, wenn man bei begrenzten Ressourcen entscheiden muss, in welcher Reihenfolge Patient:innen geholfen wird. Nach welchen Gesichtspunkten entscheiden Sie, welche Konflikte und Krisen priorisiert werden?
Wir stellen uns beim IKRK die Frage: Sind wir die einzigen vor Ort oder gibt es noch andere, die Aufgaben übernehmen können? Und die gewillt und in der Lage sind, das zu tun? Wir versuchen immer, Duplikationen so gut wie möglich zu vermeiden und uns auf unsere Kernaufgaben zu konzentrieren.
Aber eine Priorisierung ist dennoch notwendig?
Ja. Und uns ist bewusst, dass jede Triage zulasten vieler Menschenleben geht. Und ich muss zudem anerkennen, dass wir nie in der Lage sein werden, ausreichend Geld und Kapazitäten zu mobilisieren, um alle humanitären Krisen wirklich adäquat zu bewältigen. Das heißt aber auch: Wir müssen uns an die Politik wenden und insistieren, dass de-eskaliert wird. Dass also in Friedensverhandlungen investiert wird und Kriege beendet werden.
Was kann das IKRK dazu beitragen?
Wir haben große Erfahrung darin, Waffenstillstände zustande zu bringen. Nicht, weil wir selbst verhandeln. Sondern weil wir Konfliktparteien darin unterstützen, humanitäre Maßnahmen zu entwickeln, die Vertrauen schaffen und die schlussendlich die Türen für weitergehende Abkommen und für eine langanhaltende Stabilisierung öffnen.
Das humanitäre Völkerrecht gerät in all diesen Konflikten immer stärker unter Druck.
Jede Missachtung des humanitären Völkerrechts schafft Leid. Und zwar ganz konkret und in hoher Zahl. Deshalb müssen Militäroperationen wieder an den Geist der humanitären Abkommen angepasst werden. Militärstrategien müssen so umgestaltet werden, dass die Zivilbevölkerung und die zivile Infrastruktur tatsächlich geschützt werden.
Sehen Sie die Gefahr, dass wir als Medienkonsument:innen abstumpfen und uns schön langsam an diese Missachtung des humanitären Völkerrechts gewöhnen?
Es gibt nicht nur eine Gewöhnung. Es stellt sich oft ein Gefühl der Machtlosigkeit ein. Und das führt dazu, dass man lieber wegschaut als sich einzugestehen, dass man nichts tun kann. Doch hier halte ich und hält das IKRK dagegen: Wir müssen immer etwas tun! Man kann nicht einfach nur dasitzen und sagen: „Ist halt so.“ Henry Dunant hat das damals ja auch nicht gemacht! Wir als IKRK folgen seinem Vorbild seit mehr als 160 Jahren.
Sie selbst tragen Verantwortung für eine Organisation, die weltweit viel bewegen kann.
Ja, ich trage große Verantwortung. Aber ich bin nicht die Einzige, die etwas tun kann. Und vor allem kann ich nichts allein erreichen. Ich bin Präsidentin einer weltweiten Organisation; meine Worte hätten aber kein Gewicht, würden hinter mir nicht 18.000 Menschen stehen. Und all die nationalen Gesellschaften wie das Österreichische Rote Kreuz, die meine Arbeit unterstützen und mittragen. Meine Autorität wächst mit der Größe der Bewegung – und mit der Tatsache, dass die Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung heute wahrscheinlich die stärkste humanitäre Kraft weltweit ist.
Warum ist die Rolle des Roten Kreuzes heute wichtiger denn je?
Wo Krieg herrscht, braucht es das Rote Kreuz. Ich war im vergangenen Sommer in Dünkirchen (Anm.: die nordfranzösische Stadt war 1940 Schauplatz einer blutigen Schlacht, bei der mehr als 80.000 Soldaten getötet oder verwundet wurden) und habe das Kriegsmuseum besucht. Auf sehr vielen der Fotos sieht man Helfer des Roten Kreuzes, die sich um Verwundete kümmern. Die Anzahl der Konflikte und die Intensität, mit der Militäroperationen heute geführt werden, fordern uns natürlich in hohem Maße heraus. Aber überall dort, wo Menschen in humanitäre Not geraten, hoffen sie, dass jemand vom Roten Kreuz oder vom Roten Halbmond zur Hilfe kommt.
Immer wieder werden in letzter Zeit auch Mitarbeiter:innen und Freiwillige des Roten Kreuzes und Roten Halbmonds getötet. Wie kann das IKRK seine Teams besser schützen?
Wir müssen natürlich in die Sicherheit investieren, weil die Herausforderungen enorm gestiegen sind. Ich muss dennoch sagen: Jedes Mal, wenn ich in Krisengebieten unterwegs bin und Kolleginnen und Kollegen im Feld sehe, erkenne ich, wie mutig sie sind. Unsere Leute zögern nicht! Sehr oft sind es gerade die jungen Menschen, die sich für andere einsetzen, selbst wenn sie keine Sicherheitsgarantien haben. Und das wissen wir zu würdigen und zu ehren.
Es gibt viele Hilfsorganisationen. Was können Sie gerade jungen Menschen bieten, um sie an die Ideale des Roten Kreuzes heranzuführen und sie vielleicht dazu zu bringen, sich selbst zu engagieren?
Menschen, vor allem die jungen, wollen etwas tun, das gut ist. Jeder will Teil von einem größeren Ganzen sein, das positive Entwicklungen bewirken kann. Und wir als Rotes Kreuz vertreten universelle Prinzipien, die in allen Kulturen, in allen Religionen verankert sind. Wir müssen aber noch besser vermitteln, worin unsere Arbeit besteht und warum gerade unsere Neutralität so wichtig ist für unsere Rolle als Vermittler in gefährlichen Situationen. Denn wir können auch dort noch aktiv sein, wo sich andere nicht mehr hinbewegen können.
Das IKRK spricht grundsätzlich mit allen Konfliktparteien.
Um Hilfe bringen zu können, müssen wir Zugang bekommen. Und den bekommen wir nur, wenn wir glaubhaft neutral sind. Wir haben diese Neutralität in einer Zeitspanne von mehr als 100 Jahren aufgebaut. Und wir wissen, dass es in diesem Bereich keinerlei Flexibilität geben darf. Wenn man seine Neutralität nur ein einziges Mal aufgibt, kann man nie wieder als neutral wahrgenommen werden.
Jetzt gibt es aber immer wieder Konfliktparteien, die versuchen, diese Neutralität zu unterminieren. Social-Media-Kanäle werden verstärkt genutzt, um Stimmung zu machen und Vorurteile zu schüren, auch gegen das Rote Kreuz. Welche Herausforderungen kommen – nicht zuletzt durch die Entwicklung künstlicher Intelligenz – in nächster Zeit verstärkt auf das IKRK zu?
Wir müssen verstehen lernen: Wie wirkt sich künstliche Intelligenz auf Kommunikation aus? Wie begegnen wir sozialen Plattformen so, dass wir nicht ständig missverstanden werden? Das wirkt sich direkt darauf aus, wie sicher und wirksam wir arbeiten können. Wichtig ist: Wir müssen präsent bleiben und zugleich lernen, in diesem Umfeld so zu kommunizieren, dass wir tatsächlich als authentische Stimme verstanden und anerkannt werden. Das Problem ist: Es wird in Zukunft immer schwieriger werden zu unterscheiden, was ich tatsächlich gesagt habe – und was vielleicht künstlich generiert wurde.
Ein Problem, das aber nicht nur Sie als IKRK-Präsidentin betreffen wird …
Nein. Alle öffentlich agierenden Akteur:innen setzen sich im Moment mit diesen Fragen auseinander. Wir werden lernen müssen, darauf Antworten zu finden.
Sie haben es zu Beginn schon angesprochen: Die finanziellen Mittel des IKRK, aber auch der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (IFRC) und der nationalen Gesellschaften werden knapper. Zugleich steht die Sorge im Raum, internationale Geldgeber könnten ihre Unterstützung an politische Bedingungen knüpfen: „Wir kürzen euch die Mittel, wenn ihr nicht …“
Wir müssen bereit sein, im Ernstfall zu sagen: „Okay, dann werden wir mit weniger Geld auskommen.“ Denn wie gesagt: Unsere Neutralität ist nicht verhandelbar! Wir können unsere Position und die Art, wie wir das humanitäre Völkerrecht interpretieren, nicht unter politischem Druck verändern. Sonst werden wir nicht mehr ernst genommen, das Vertrauen in unsere Arbeit ginge verloren und wir würden in weiterer Folge nicht mehr als Autorität im humanitären Bereich wahrgenommen. Der Schmerz der Kürzungen wäre geringer als die Folgen, die wir potenziell generieren, falls wir uns von politischen Opportunitäten leiten lassen würden.
Frau Präsidentin, herzlichen Dank für Ihre Zeit. Erlauben Sie uns noch eine Frage: Warum können wir trotz all der Krisen und Probleme zuversichtlich in die Zukunft blicken?
Weil wir niemals aufgeben werden. Auf der ganzen Welt hoffen Menschen, dass wir vorbeikommen und ihnen helfen. Und tatsächlich treffe ich immer wieder Menschen, die dem Roten Kreuz ihr Leben verdanken. Der Außenminister von Sierra Leone hat mir zum Beispiel erzählt, dass er nur noch da ist, weil ihm das IKRK seinerzeit geholfen hat. Auch in Österreich leben sehr viele Menschen, deren Eltern oder Großeltern den Zweiten Weltkrieg dank der Hilfe des Roten Kreuzes überlebt haben. Es gibt so viele dieser Geschichten. Sie alle tragen die Hoffnung weiter, dass es am Ende immer noch eine Organisation gibt, die nicht aufgibt, sondern alles versuchen wird, um Menschen in Notlagen zu helfen. Und das ist das Rote Kreuz.