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Mitarbeiter des ÖRK beim Besuch einer Notunterkunft im Stadion "Sport City" in Beirut
Mitarbeiter des ÖRK beim Besuch der Notunterkunft des LRC im Stadion "Sport City" in Beirut ©ÖRK

Libanon „Alle sind permanent in Alarmbereitschaft“

Ein Interview

Im Libanon ist mehr als eine Million Menschen auf der Flucht – und das in einem Land, das kleiner ist als Oberösterreich. Magdalena Penninger ist als Länderrepräsentantin des Österreichischen Roten Kreuz in der Hauptstadt Beirut im Einsatz und berichtet von schlaflosen Nächten, permanenter Gefahr und der Arbeit unter besonders schwierigen Bedingungen.

Mitarbeiter des LRC bei der Bergung von Verschütteten nach einem Bombenangriff
Mitarbeiter des LRC bei der Bergung von Verschütteten nach einem Bombenangriff. ©LRC

Magdalena Penninger hat einiges gesehen von der Welt, vor allem vom Nahen Osten. Die 34-jährige Oberösterreicherin war – unter anderem – drei Jahre lang im Irak im Einsatz, seit 2022 engagiert sich die studierte Sozialarbeiterin in Syrien und im Libanon. Nachdem sie dort zuvor als Programmkoordinatorin des französischen Roten Kreuzes gearbeitet hat, leitet Magdalena Penninger seit Februar als Länderrepräsentantin die Teams des Österreichischen Roten Kreuzes in den beiden Konfliktregionen. Das Gespräch fand am 20. März 2026 via Teams statt. Das Interview führte Hannes Kropik.

Magdalena, du bist seit 2022 immer wieder im Libanon im Einsatz. Was unterscheidet die aktuelle Situation von früheren Krisen?

Ich war 2018 zum ersten Mal hier. Damals habe ich im Rahmen des „Erasmus+“-Programms ein Auslandssemester im Libanon verbracht. Ich habe Beirut als sehr lebendige Stadt kennengelernt. Als ich jetzt Anfang März angekommen bin, war alles anders. Normalerweise sind sehr viele Autos unterwegs, diesmal war ich so schnell wie nie zuvor in meiner Wohnung. Was mir am Weg vom Flughafen in die Stadt besonders aufgefallen ist, waren die vielen Menschen auf der Straße. Geflüchtete, Vertriebene. Männer, Frauen, Kinder, die offensichtlich kein Dach mehr über dem Kopf haben und in Zelten leben – oder überhaupt unter freiem Himmel.

Seit Ausbruch der Kampfhandlungen Anfang März wird das Thema der Binnenvertriebenen im Libanon offenbar immer prekärer.

Es gab vor allem im Süden des Landes weiträumige Evakuierungsanordnungen. Mehr als eine Million der insgesamt rund 5,5 Millionen Libanesinnen und Libanesen wurden zur Flucht aufgefordert. Und das ist in einem Land, das kleiner ist als Oberösterreich, aus mehreren Gründen ein Problem.

Zum Beispiel?

Eigentlich bestand im Libanon nach der israelischen Bodenoffensive 2024 seit November 2024 ein Waffenstillstand. Völlig ruhig war es nie, es hat immer wieder einzelne Angriffe gegeben. Aber jetzt hat sich die Lage binnen kürzester Zeit massiv geändert. Und das führt dazu, dass viele Menschen re-traumatisiert wurden. Schon wieder müssen sie ihre Sachen packen. Schon wieder müssen sie schauen, dass sie irgendwo vielleicht doch noch einen sicheren Ort finden. Die Glücklichen finden Platz bei Verwandten oder Bekannten, die Menschen rücken noch enger zusammen als zuvor. Aber es geht sich halt nicht immer aus. Dazu muss man die wirtschaftliche Lage im Land bedenken: Es herrscht seit Jahren eine massive Wirtschaftskrise, alles ist unglaublich teuer. Die meisten Menschen können sich nicht einfach eine neue Wohnung mieten.

Wie sieht es mit Notunterkünften aus?

Jugendliche Freiwillige des LRC helfen bei der Errichtung von Zelten in der Notunterkunft "Sport City".
Jugendliche Freiwillige des LRC helfen bei der Errichtung von Zelten in der Notunterkunft "Sport City". ©LRC

Derzeit gibt es im ganzen Land rund 600 Notunterkünfte, in denen etwa 130.000 Menschen Platz finden. Also nur ein Bruchteil der Geflüchteten. Vor ein paar Tagen habe ich die größte Anlage besucht, die „Sport City“. Das ist das Stadion von Beirut, und es wird nun als Notunterkunft vom Libanesischen Roten Kreuz gemanagt. Aktuell ist hier, in Zelten unter den Tribünen, Platz für tausend Menschen. Die Kapazitäten werden aber laufend ausgebaut, sodass bis zu 3.000 Geflüchtete Platz finden. Dabei spielt das Österreichische Rote Kreuz übrigens eine wichtige Rolle.

Welche?

Jede nationale Rot-Kreuz-Gesellschaft setzt einen bestimmten Fokus in seinen Aufgaben. Wir haben eine große Expertise im Bereich WASH, also Wasser, Sanitär, Hygiene. Wie in anderen Notunterkünften auch, haben wir im Stadion geholfen, die Sanitäranlagen neu aufzubauen.

Sind weitere Notunterkünfte geplant?

Ja, es kommen laufend neue Unterkünfte dazu, vor allem Schulen. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass der Schulbetrieb in weiten Teilen des Landes eingestellt wurde.

Stichwort Kinder: Wie geht es den Kindern im Libanon?

Der Konflikt betrifft sie ganz massiv! Bei den Angriffen haben seit dem 2. März bereits mehr als tausend Menschen ihr Leben verloren – darunter (Anm. Stand 20. März 2026) 118 Kinder. Kinder bekommen mit, was los ist. Sie haben Angst. Dazu kommt, dass die Eltern unglaublich erschöpft und unsicher sind. Das überträgt sich natürlich auf die Kinder.

Vor wenigen Tagen wurde ein Umspannwerk im Süden von Beirut zerstört. Wie sieht die Lage der Stromversorgung generell aus?

Das ist im Libanon seit Jahren ein großes Problem. Der Staat schafft es längst nicht mehr, rund um die Uhr Strom zu liefern. Je nachdem, wo man wohnt, hat man pro Tag zwischen einer und vier Stunden Strom zur Verfügung. Nur in den „besseren“ Gegenden mit privaten Generatoren gibt es noch rund um die Uhr Strom. Aber die Menschen im Libanon haben eine unglaubliche Resilienz entwickelt. Wobei diese Resilienz für mich ein schwieriges Thema ist.

Weshalb?

Weil dieser Zustand ja nicht zur Normalität werden sollte. Es kann ja nicht gesund sein, wenn man sich permanent an neue Situationen anpassen und irgendwie durch all diese Probleme und Gefahren hindurch manövrieren muss.

Wir haben vor ein paar Tagen ein Gespräch mit deiner Kollegin Clara Mohtar geführt. Sie hat – unter anderem – erzählt, dass die Menschen alle so unglaublich müde, so unglaublich erschöpft sind. Was bedeutet das für dich als Teamleiterin? Wie kannst du deine Leute im Alltag unterstützen?

Das ist eine gute Frage. Denn natürlich sind die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Roten Kreuzes, nicht nur des österreichischen, hier im Libanon von den Umständen betroffen. Teilweise direkt, weil sie selbst ihre Häuser oder Wohnungen verlassen mussten. Oder indirekt, weil sie Freunde und Verwandte bei sich aufnehmen mussten, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Das ist auf jeden Fall eine enorme Stresssituation für alle Beteiligten. Niemand kann hier abschalten. Alle sind permanent in Alarmbereitschaft. Wir müssen einfach bestmöglich auf all das reagieren, was als Nächstes passieren wird.

Wie kannst du deinem Team helfen?

Magdlena und Rania besichtigen eine mobile Medizinische Einrichtung im Umfeld der Notunterkunft.
Magdlena und Rania besichtigen eine mobile Medizinische Einrichtung im Umfeld der Notunterkunft. ©ÖRK

Unser Kernteam besteht aus vier Personen. Ich schaue, dass wir immer bestmöglich in Kontakt bleiben und so gut wie möglich besprechen, was jetzt zu tun ist. Es steht ihnen frei, ob sie ins Büro kommen. Tatsächlich hilft es uns allen, mit der Situation umzugehen, wenn wir aktiv bleiben und damit das Gefühl bekommen, nützlich zu sein. Dazu kommt, dass wir bei Bedarf alle eine psychosoziale Unterstützung bekommen und bei einer Psychologin oder einem Psychologen Hilfe suchen können.

Wie gehst du selbst mit der Situation um?

Ich bin natürlich auch müde. Aber ich habe einen enormen Vorteil: Ich weiß, dass ich jederzeit zurück nach Österreich gehen könnte, also raus aus der Konfliktzone, raus aus der Gefahr. Ich bin aber tatsächlich sehr froh, dass ich vor zwei Wochen nach Beirut geflogen bin. Ich habe das Gefühl, dass ich vor Ort viel besser helfen kann als vom Büro in Wien aus.

Gewöhnt man sich eigentlich irgendwann an die Gefahr?

Ich wohne in einer Gegend, die halbwegs sicher ist. Aber auch hier höre ich permanent Drohnen. Ich werde in der Nacht von Explosionen geweckt und brauche dann eine gewisse Zeit, bis ich wieder einschlafen kann. Und ich erschrecke jedes Mal, wenn ein Kampfjet die Überschallgeschwindigkeit erreicht; das klingt immer, als würde irgendwo direkt neben dir eine Bombe einschlagen. Aber man entwickelt natürliche Wege, mit solchen Situationen umzugehen. Einer davon ist eine Art von schwarzem Humor: Die Menschen hier sagen zum Beispiel gern: „Es ist gut, wenn man eine Explosion hört. Wer sie hören kann, lebt noch …“ Aber in Wahrheit ist es natürlich überhaupt nicht zum Lachen. Du weißt ja: Irgendwer ist jetzt wieder ums Leben gekommen.

Wie beurteilst du unter diesen Bedingungen die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen vom Libanesischen Roten Kreuz?

Bergungsarbeiten mit schwerem Gerät.
Bergungsarbeiten mit schwerem Gerät. ©LRC

Ich bin begeistert! Mich beeindruckt, mit wie viel Übersicht sie in diesem Chaos agieren. Sie schaffen es zum Beispiel im vorhin angesprochenen Stadion sogar noch, barrierefreie Bereiche für Menschen mit Behinderungen zu errichten und die Kommunikation mit Gehörlosen aufrechtzuerhalten. Sie tun alles, damit sich die Leute halbwegs sicher fühlen und ein gewisses Level an Würde gewahrt bleibt. Darüber hinaus betreibt das Libanesische Rote Kreuz den einzigen Rettungsdienst, der im ganzen Land aktiv ist und selbst im umkämpften Süden Zugang zu den betroffenen Gebieten hat. Ich war früher in Österreich selbst Rettungssanitäterin und kann nur sagen: Sie leisten wirklich herausragende Arbeit!

Trotzdem liegt ja permanent die Gefahr in der Luft, dass schon morgen wieder irgendetwas zerbombt wird, was ihr heute aufgebaut habt.

Ja, das ist sehr frustrierend und sorgt für große Unsicherheit. Die permanente Angst und diese andauernde Unsicherheit sind Gründe, warum die Menschen hier so erschöpft sind. Ich sehe aber auch, dass viele jüngere Libanesinnen und Libanesen jetzt erst recht aktiv werden.

Inwiefern?

Die Mitglieder des Jugendrotkreuz im Libanon sind extrem motiviert zu helfen! Wir erleben gerade, dass sich unglaublich viele junge Leute als Freiwillige beim Roten Kreuz engagieren. Und das bedeutet, dass wir Rahmenbedingungen schaffen müssen, damit sie möglichst lange engagiert und motiviert bleiben. Das Libanesische Rote Kreuz hat zum Beispiel ein „Peer-System“ aufgebaut, damit sich speziell diese jungen Menschen untereinander austauschen und helfen können. Organisatorisch ist das aber alles sehr herausfordernd, weil natürlich auch sie immer wieder an andere, etwas sicherere Orte im Land flüchten müssen.

Wie können wir, die Menschen in Österreich, euch am besten und effektivsten unterstützen?

Wir sind massiv auf Spenden angewiesen! Wir unterstützen unsere Kolleginnen und Kollegen vom Libanesischen Roten Kreuz ja nicht nur im Bereich Wasser, Hygiene, Sanitär, sondern auch bei vielen anderen Aufgaben. Es mangelt hier praktisch an allem, die Betroffenen benötigen Nahrungsmittel, Wasser, medizinische Versorgung. Und das Rote Kreuz benötigt so viel Equipment! Angefangen von allem, was es braucht, um das Blutspendewesen aufrecht zu erhalten bis hin zu Autoreifen. Nach all den Bomben- und Drohnenangriffen sind die Straßen so schlecht und mit scharfkantigen Gegenständen übersät – du kannst dir nicht vorstellen, wie oft hier Reifen gewechselt werden müssen!

Wenn ich darf, möchte ich dir zum Schluss eine persönliche Frage stellen.

Sehr gern!

Deine Familie, deine Freunde in Österreich verfolgen ja vermutlich die Nachrichten und werden sich Sorgen um dich machen. Was kannst – oder vielleicht besser: Was musst du tun, um ihnen diese Sorgen und vielleicht sogar die Angst um dich zu nehmen?

Tatsächlich ist das eine meiner wichtigen „Nebenaktivitäten“ (lacht). Meine Eltern haben sich zwar irgendwie daran gewöhnt, dass ich in einem Krisengebiet arbeite. Aber trotzdem beobachte ich – so gut es geht – die österreichischen Medien, damit ich weiß, was man überhaupt aus dem Libanon mitbekommt. Natürlich mag ich nicht, dass sie sich um mich Sorgen machen. Aber ich verstehe es, denn aus der Ferne sieht die Lage hier ja wirklich sehr komplex aus. Und das ist sie auch. Aber ich habe hier zumindest die Möglichkeit, die Situation ein bisschen besser einzuschätzen. Und dann kann ich den Menschen daheim erklären, was hier gerade los ist.

24.03.2026

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FAQ Libanon

Seit Anfang März hat sich die Situation für viele Menschen im Libanon massiv verschärft. Mehr als eine Million Menschen wurden zur Flucht aufgefordert. Viele finden zwar vorübergehend bei Verwandten oder Bekannten Platz, doch wegen der angespannten wirtschaftlichen Lage können sich die meisten Betroffenen keine neue Unterkunft leisten.

Das Libanesische Rote Kreuz betreibt und organisiert Notunterkünfte im ganzen Land. In der größten Anlage, dem Stadion „Sport City“ in Beirut, werden Geflüchtete in Zelten unter den Tribünen untergebracht. Dort wird die Kapazität laufend ausgebaut, damit noch mehr Menschen aufgenommen werden können.

Das Österreichische Rote Kreuz bringt vor allem seine Erfahrung im Bereich WASH ein, also bei Wasser, Sanitär und Hygiene. In Notunterkünften wie dem Stadion in Beirut hilft es dabei, Sanitäranlagen neu aufzubauen und die Versorgung der Menschen zu verbessern.

Ja, es kommen laufend neue Unterkünfte dazu, vor allem in Schulen. Das schafft zusätzliche Plätze für Vertriebene, führt aber gleichzeitig dazu, dass in weiten Teilen des Landes der Schulbetrieb eingestellt wurde.

Kinder sind von der Situation besonders stark betroffen. Sie erleben Angst, Unsicherheit und Verlust direkt mit. Gleichzeitig sind auch viele Eltern stark erschöpft, was sich zusätzlich auf die Kinder überträgt.

Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Roten Kreuzes sind selbst direkt oder indirekt betroffen. Deshalb ist enger Austausch im Team besonders wichtig. Zusätzlich können die Mitarbeitenden bei Bedarf psychosoziale Unterstützung sowie Hilfe durch Psychologinnen und Psychologen in Anspruch nehmen.

Laut dem Bericht ist das Rote Kreuz massiv auf Spenden angewiesen. Benötigt werden unter anderem Nahrungsmittel, Wasser, medizinische Versorgung und technisches Equipment, um die humanitäre Hilfe und wichtige Dienste wie das Blutspendewesen aufrechtzuerhalten.