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Der Suchdienst des Roten Kreuzes hilft seit über 150 Jahren aufgrund von Kriegen, Naturkatastrophen oder durch Migration getrennte Familienangehörige wieder in Kontakt zu bringen.

Suchdienst: "Jede Antwort ist besser als keine..."

Zu wissen, was mit vermissten Angehörigen geschehen ist, ist ein Menschenrecht. Doch Kriege, Naturkatastrophen, Flucht und Vertreibung reißen Familien auseinander – oft für Jahre, manchmal für Generationen. Suchdienst und Familienzusammenführung zählen deshalb zu den zentralen Aufgaben des Roten Kreuzes. Claire Schocher-Döring leitet diesen Bereich in Österreich. Ein Gespräch über Verzweiflung, Hoffnung – und die Kraft einer einzigen Nachricht.

Claire Schocher-Döring, Leiterin des Suchdiensts des Österreichischen Roten Kreuzes

„Stellen Sie sich vor, wie Sie selbst reagieren würden, wenn Sie Ihr Kind im Gedränge aus den Augen verlieren. Oder wenn Sie Ihre kranke Mutter einen Tag lang telefonisch nicht erreichen können.“ Claire Schocher-Döring hält einen Moment inne. Als Leiterin der Abteilung „Suchdienst und Familienzusammenführung“ verantwortet sie pro Jahr rund 1.000 neue Fälle von Personen, die aufgrund von Kriegen, Flucht oder Naturkatastrophen den Kontakt zu Angehörigen verloren haben. „Die Verzweiflung ist riesengroß. Und je länger die Verbindung unterbrochen ist, umso größer wird die psychische Belastung eines ‚uneindeutigen Verlustes‘ – wenn man nicht einmal weiß, ob ein geliebter Mensch lebt oder tot ist.“

Ein Gänsehaut-Moment

Als Tochter eines Lehrer:innen-Ehepaars ist Claire Schocher-Döring früh mit dem Roten Kreuz und seinen Grundsätzen in Berührung gekommen. „Meine Mutter war Jugend-Rotkreuz-Referentin und hat sich sehr für Kinderrechte eingesetzt. Mein Vater hat neben dem regulären Unterricht regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse für Kinder abgehalten. Ich selbst habe mit 14 begonnen, mich im Jugendrotkreuz zu engagieren.“

Während des Bosnien-Krieges wurde die gebürtige Vorarlbergerin erstmals selbst mit dem Thema Flucht und seinen menschlichen Folgen konfrontiert: „Meine Eltern haben damals die Patenschaft für eine bosnische Familie übernommen, die bei uns in der Gegend in einem Flüchtlingsheim untergekommen ist.“ In dieser Zeit habe sie zum ersten Mal vom Suchdienst des Roten Kreuzes erfahren, weil sie mithelfen durfte, Rotkreuz-Nachrichten auszutauschen. „Das war ein richtiger Gänsehaut-Moment für mich. Seit damals wusste ich: Das ist genau der Bereich, in dem ich arbeiten möchte!“

Heute leitet Claire Schocher-Döring im Generalsekretariat des Österreichischen Roten Kreuzes ein 24-köpfiges Team. Dass ihr dabei auch eine Ausbildung hilft, die auf den ersten Blick wenig mit humanitärer Arbeit zu tun hat, überrascht sie selbst nicht mehr: „Ich bin eigentlich gelernte Schauspielerin. Meine Ausbildung habe ich am Pygmalion-Theater in Wien absolviert.“ Wie hilfreich diese Erfahrung einmal abseits der Bühne sein würde, hätte sie damals nicht gedacht: „Ich habe gelernt, mein Gegenüber zu ‚lesen‘ und zu verstehen, wie sich Charaktere entwickeln. Im Alltag haben wir es immer wieder mit Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Wut zu tun. Aber ich weiß, dass ich diese Gefühle nicht persönlich nehmen muss – weil hinter jeder Reaktion eine Geschichte steht.“

Herzstück und Kernaufgabe

Der Suchdienst ist eine der Kernaufgaben und, wie Claire Schocher-Döring sagt, „eigentlich ein Herzstück“ des Roten Kreuzes. Und zwar von Beginn an, als Henry Dunant 1859 nach der blutigen Schlacht von Solferino den Anstoß zur Gründung der weltumspannenden humanitären Hilfsorganisation gegeben hatte. „Die Idee dahinter ist in den Genfer Konventionen verankert. Kriegsgefangene müssen Nachrichten an ihre Familien übermitteln dürfen.“

Denn tatsächlich ist es nicht weniger als ein Menschenrecht, dem sich das weltweite Rotkreuz- und Rothalbmond-Netzwerk verpflichtet sieht: „Kriegsgefangene oder politisch Inhaftierte dürfen nicht einfach verschwinden. Menschen haben ein Recht, über das Schicksal ihrer Angehörigen informiert zu werden.“ Im Kriegsfall greift zudem das humanitäre Völkerrecht: „Staaten sind verpflichtet, Gefangene zu registrieren, Gefallene zu dokumentieren und ein Auskunftsbüro einzurichten. An diese Stelle können sich betroffenen Familien und das Rote Kreuz im Bedarfsfall wenden.“

Wichtig ist dabei aber auch: Gesuchte Menschen haben gleichermaßen das Recht, nicht gefunden zu werden. „Es gibt verschiedene Gründe, warum geflohene Menschen keinen Kontakt mehr zu ihren Angehörigen haben wollen“, weiß Claire Schocher-Döring aus der Praxis. „Zum Beispiel, dass sie Angst vor dem langen Arm des Regimes in ihrem Heimatland haben und verhindern wollen, dass ihr neuer Aufenthaltsort nachverfolgbar ist.“

In diesem Fall stehe der Schutz der Sicherheit über dem verständlichen Interesse der Angehörigen: „Dann kommunizieren wir, dass wir die betroffene Person nicht gefunden haben. Das kommt aber selten vor. Häufiger ist, dass wir zumindest ein kurzes Lebenssignal geben können: ‚Es geht mir gut, ich bin in Sicherheit. Aber ich möchte momentan keinen Kontakt haben.‘“

Weltweit klare Regeln

Der Suchdienst unterstützt Menschen, die durch Kriege, bewaffnete Konflikte oder Naturkatastrophen beziehungsweise durch Flucht, Vertreibung oder Migration ungeplant oder unfreiwillig von ihren Familien getrennt wurden. „Wenn wir unsere Arbeit aufnehmen, fragen wir immer den Trennungsgrund ab. Denn wir sind nicht für private Konflikte, etwa Scheidungen oder andere Familienstreitigkeiten, zuständig.“

Die Arbeit folgt klaren Regeln. Das beginnt damit, dass die Suche immer in dem Land beginnen muss, in dem sich die suchende Person gerade befindet, unabhängig von Staatsangehörigkeit oder Aufenthaltstitel. Der Suchdienst stützt sich darauf, dass er in 191 Ländern der Welt vertreten ist, in denen es eine nationale Rotkreuz- oder Rothalbmond-Gesellschaft gibt. „Wir nutzen unseren eigenen, Rotkreuz-internen Datenbanken und Tools zur sicheren Datenübermittlung, die in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz in Genf verwendet werden. Wir können Daten hochladen, und unsere Kolleginnen und Kollegen werden sofort über unsere Anfragen informiert“, erklärt Claire Schocher-Döring.

Und notfalls mit dem Fahrrad

Die Digitalisierung erspart den Helfer:innen nicht nur Zeit, sondern ermöglicht ein flexibles, weltweites Handeln: „Wenn wir wissen, dass Menschen gewisse Fluchtrouten geplant hatten, aber in den angedachten Ländern nicht aufzufinden sind, dann können wir Anfragen rasch an benachbarte Länder schicken, in die es die Menschen vielleicht verschlagen haben könnte.“

Früher gab es dafür vor allem Rotkreuz-Nachrichten: offene Briefe, die an Angehörige verschickt wurden. „Es hat oft Wochen, wenn nicht Monate gedauert, bis diese Briefe in Krisenregionen angekommen sind. Unser Vorteil ist aber: Auf diese analogen Kommunikationswege können wir bei Bedarf immer noch zurückgreifen. Es kommt durchaus vor, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit dem Rad in entlegene Dörfer fahren und Nachrichten überbringen.“

Die Mama jammert – also geht’s ihr gut

Ein modernes Tool sind die sogenannten „Salamats“. Der Begriff stammt aus dem Arabischen und heißt übersetzt „gute Gesundheit“. Dabei handelt es sich um Kurznachrichten, die aktuell zum Beispiel im Iran sehr hilfreich sind, erklärt Claire Schocher-Döring: „Angehörige im Iran sind momentan über reguläre Kommunikationswege praktisch nicht zu erreichen, weil die Internetverbindungen ins Ausland unterbrochen sind.“

Mitarbeiter:innen des Roten Kreuzes haben aber weiterhin Zugriff auf den eigenen Server. „Wenn wir in Österreich eine Anfrage zu Familienmitgliedern im Iran bekommen, übermitteln wir den Kolleginnen und Kollegen ein Formular mit Telefonnummern und anderen Kontaktmöglichkeiten, die innerhalb des Irans noch funktionieren und gegeben sind. Sobald die Leute vor Ort gefunden wurden, können sie ein ‚Salamat‘ zurückschicken.“ Und zwar binnen kürzester Zeit: „Eine Nachricht innerhalb von zwölf Stunden erspart den betroffenen Menschen in der Regel sehr viel Leid.“

Eine konkrete Antwort zaubert Claire Schocher-Döring ein Schmunzeln ins Gesicht: „Eine Familie in Österreich hat sich Sorgen um die Mutter in Teheran gemacht. Die Frau ist 84 und hat zurückgeschrieben: ‚Macht euch keine Sorgen. Ich bin zu Hause, ich bin nur ein bisschen kränklich.‘ Da waren alle sehr erleichtert, denn sie wussten: Die Mutter jammert ein bisschen herum – also geht es ihr gut.“

Gefrorene Zeit

Menschen reagieren unterschiedlich auf das Fehlen eines Familienmitglieds. Claire Schocher-Döring erzählt die Geschichte einer Frau, die am Esstisch immer ein Gedeck für den vermissten Sohn aufstellt, „weil er ja wieder auftauchen könnte“ – während der Vater sie immer wieder ermahnt, das sein zu lassen, „weil er ja doch nicht mehr kommt“.

Es sei, als ob die Zeit gefriert, hat die Schriftstellerin Anna Kim 2008 in einem Roman über den Jugoslawien-Krieg geschrieben. Claire Schocher-Döring findet diesen Vergleich sehr passend: „Diese Sorge, diese Ungewissheit kann so viele verschiedene Probleme nach sich ziehen. Schlaflosigkeit, Konzentrationsmangel – oftmals verhindert dieser Schwebezustand, dass Menschen im Alltag wieder Halt finden.“

Einen Menschen zu vermissen, sorgt aber nicht nur für psychische Belastung. „Es gibt auch ganz konkrete Auswirkungen auf das Leben der Daheimgebliebenen. Solange nicht geklärt ist, wo der vermisste Mann oder die vermisste Frau ist – und ob sie überhaupt noch lebt –, können Angehörige in vielen Ländern keine Mietverträge abschließen, kein Konto eröffnen und natürlich kein Erbe antreten.“

Eine Lücke für Generationen

Die Arbeit des Suchdienstes umfasst nicht nur aktuelle Konflikte und Katastrophen. „Wir arbeiten Suchanfragen aus den Jugoslawienkriegen genauso ab wie aus der großen Fluchtbewegung 2015/16. Und wir beschäftigen uns immer wieder mit Anfragen zu Vermissten aus dem Zweiten Weltkrieg. Bei uns im Keller liegen immer noch Akten zu 20.000 ungeklärten Schicksalen aus dieser Zeit. Man sieht, dass die Lücke im Familienverband über Generationen weitergegeben wird und das Leben der Menschen beeinflusst.“

Das Rote Kreuz wird nicht alle Fälle lösen können. Und dennoch hat Claire Schocher-Döring eine wichtige Botschaft für Angehörige: „Wir werden niemals aufhören zu suchen. Nur weil wir heute keinen Hinweis gefunden haben, heißt das nicht, dass wir nicht in fünf Jahren irgendeine Spur entdecken könnten. Zum Beispiel, weil irgendwo Archive geöffnet und plötzlich Akten zugänglich werden.“

Entscheidend sei letztlich, den Zustand des „uneindeutigen Verlustes“ zu beenden. „Jede Antwort ist besser als keine Antwort“, betont Claire Schocher-Döring. „Selbst die Nachricht, dass ein geliebter Mensch verstorben ist, beendet die Ungewissheit – und der Trauerprozess kann beginnen.“

Letzter Strohhalm

Die aktuellen Konflikte im Nahen Osten werden sich auf den Suchdienst zeitverzögert auswirken, weiß Claire Schocher-Döring aus früheren Fluchtbewegungen: „Menschen unternehmen normalerweise selbst alle denkbaren Versuche, vermisste Angehörige zu finden. Aber wenn sie gar nicht mehr weiterkommen, sind wir für sie oft so etwas wie ein letzter Strohhalm, eine letzte Hoffnung auf Hilfe – die immer schwieriger wird, je länger der letzte Kontakt her ist.“

Der Suchdienst, sagt Claire Schocher-Döring, behandelt „Wunden, die sehr, sehr tief sind“. Deshalb sei ihr die Arbeit auch „eine echte Herzensangelegenheit – weil sie so sinnstiftend ist. Natürlich ist es oft auch frustrierend, wenn wir nicht weiterkommen. Aber für mich und mein Team ist niemand einfach nur eine anonyme Fallnummer. Jeder Mensch hat eine eigene Geschichte, ein eigenes Schicksal. Unser Engagement bedeutet ihnen die Welt.“

11.05.2026

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